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Roland Suso Richters düsteres deutsches Stadtbild „Svens Geheimnis“ ist wohl mit der beste Beitrag von deutscher Seite aus zum Thema Gewalt an Schulen, welches in Deutschland Mitte der Neunziger reichlich filmische Praxis erlebt hat. Dabei bleibt der Film nahe an der Realität und bietet nachvollziehbare, mulmig stimmende Szenarien und weniger eine durchgehende Handlung.

Der junge Sven (Christopher Erbslöh) ist ständig auf Raubzug. Durch Diebstähle verschafft er sich die Anerkennung älterer Mitschüler, die fast schon dem organisierten Verbrechen nachgehen. Eines Nachts beklaut er unwissentlich seine Klassenlehrerin in spe, und als diese dann überraschenderweise am nächsten Tag vor ihm steht, erkennt sie den Übeltäter. Doch statt zur Polizei zu gehen, folgt sie ihrem engangiert - pädagogischen Drang und versucht, Zugang zu dem verschlossenen Jungen zu bekommen. Allerdings wächst ihr die Situation schnell über den Kopf, auch als sie mit einem entlassenen Häftling (auch bewaffnet: Richy Müller) anbandelt, der im Gefängnis ein Buch geschrieben hat und der Klasse einen Vortrag hält. Und der kriminelle Apparat zieht auch immer mehr an...

Hauptsächlich ging es dem talentierten Regisseur Richter um das Beleuchten der dramatischen Situation an der Schule, in der sich die Pfade der Protagonisten treffen – versinnbildlichend natürlich für ganz Deutschland. Doch auch über die Lehranstalt hinaus begleitet die Kamera die Kinder auf ihren Streifzügen durch die nächtliche Stadt; dabei regieren Drogen und Gewalt das Bild – allerdings hält sich hier perfekt die Waage zwischen zu dick und klischeehaft aufgetragen und zu lasch und weichzeichnerisch. Ganz und gar realitätsnah und authentisch fällt hier die Darstellung von Situationen Jugendlicher in einer deutschen Großstadt (in dem Falle Oberhausen) aus – Drogengeschäfte und Konsum, Kontakte zum organisierten Verbrechen, Kinderprostitution, Waffengewalt und so weiter und sofort. Wenn erstmal die ganze Klasse ihr Waffenarsenal auf den Pult legt weiß der Zuschauer bescheid: oft denkt (oder her dachte) man in Bezug auf dieses Thema eher an das ferne Amerika, ist es doch durchaus auch hierzulande äußerst brisant, und das bis heute. Die Leistungen der Darsteller sind exzellent, sowohl bekannte deutsche Gesichter wie Richy Müller, Katharina Schüttler oder Daniel Brühl als auch die Laiendarsteller geben hier ihr exzellente Darbietungen zum besten. Zudem beweist der Film mit seinem zurückhaltenden, hintergründigen Soundtrack und seinen Stadtbildern Talent für atmosphärische Inszenierung, was für ein solch nacktes Reality-Portrait ja nicht zwingend notwendig sein muss. Gerade die letzte Kamerafahrt am Schulgebäude entlang beweist für mich, dass der Regisseur durchaus Zeug für größere Dinge hat, und so sieht es mit dem restlichen Film ebenfalls aus.

Insgesamt ein spannender, gehaltvoller Film und ein realitätsnaher Blick auf ein ernstes Problem und zudem einer der besten Beiträge zu dem immer wieder aufkommenden Thema, der so manchen amerikanischen Genrebeitrag locker in die Tasche steckt. Die 10 Punkte gebe ich auch wegen der Unbekanntheit. Sollte jeder mal gesehen haben.

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