Review

Der Lebenskünstler Thomas kommt nach München, um dort Peggy aufzusuchen. Mit ihr hatte er einige Zeit vorher eine Liebesbeziehung in Hamburg, sie dann jedoch verlassen. Nun will er ihr seine Liebe gestehen und sie für sich zurückgewinnen. Auch Peggy scheint erst erfreut über die Rückkehr ihrer ehemals großen Liebe und lässt Thomas erstmal in ihrer Wohngemeinschaft leben. Doch die vier Bewohnerinnen haben einen grausamen Pakt geschlossen: Jeder Liebhaber wird nach spätestens 5 Tagen ins Jenseits befördert. Peggy, die sogar Initiatorin dieser Abmachung war, beginnt jedoch zu zweifeln. Sie hegt Gefühle für Thomas und hat Mitleid mit ihm. Als Thomas nach einer Woche immer noch am Leben ist, werden ihre Freundinnen misstrauisch. Schließlich kommt Thomas hinter das Geheimnis, als er einen Mord beobachtet. Er bittet Peggy mit ihm zu verschwinden. Nun muss Peggy sich entscheiden...

Uschi Obermeier ist eigentlich schon fast Grund genug sich diesen Film anzuschauen. Die Ikone der 68er Bewegung, Bewohnerin der Kommune 1 und vielleicht schönste und erotischste Frau dieser Zeit überzeugt in diesem nüchternen Psychodrama mit einer kühlen wortkargen Darstellung Peggys und zieht einen schnell in den Bann. Glaubhaft spielt sie eine von vielen Männern verletzte und erniedrigte Frau, die nun nicht mehr an die Liebe glaubt und ihren Hass auf die Männerwelt und die gesellschaftliche Rollenverteilung durch Morde auslebt.
Der zweite Höhepunkt des Films ist Marquard Bohm als Thomas. Entweder war er während der ganzen Dreharbeiten betrunken oder er ist ein verdammt guter Schauspieler. Doch selbst erstere Möglichkeit mindert keineswegs die Qualität seiner Leistung. Gegen Ende des Films sagt Thomas zu Peggy: "Ich habe einen seltsamen kaputten Charme, dem man nicht widerstehen kann." Genauso empfindet man es auch als Zuschauer. Eigentlich brabbelt er die meißte Zeit in einem nüchternen abgekämpften Tonfall viel Stuss, beschimpft und bestimmt über andere. Er wirkt die ganze Zeit so, als sei ihm alles egal. Das macht ihn zu einem Lebenskünstler, der eigentlich immer bekommt, was er will. Trotzdem empfindet man fast Mitleid mit ihm, denn es scheint so, als hätte ihn das Leben kaputt gemacht.
Zwischendurch überascht er jedoch immer wieder mit romantischen Worten oder Aktionen für Peggy. Trotzdem wechselt er nicht einmal bei einer Liebeserklärung Tonfall oder Gesichtsausdruck, was ihn unheimlich authentisch erscheinen lässt.

Die Story ist nicht gerade weltbewegend und vor allen Dingen extrem unrealistisch, denn so auffällig, wie die vier Frauen die Morde begehen, müsste ihnen schon längst jemand auf die Spur gekommen sein. Aber sie zieht einen trotzdem in den Bann. Einerseits ist man schockiert über die kaltblütigen Mörderinnen, aber es lässt einen auch darüber nachdenken, wie viel ausgeprägter die gesellschaftliche Rollenverteilung damals doch war. Der Mann konnte sich eben viel mehr erlauben, und das ging oft auf Kosten der Frau. Dieser Film ist aber nicht nur eine Abrechnung mit der Männerwelt, sondern hinterfragt auch feministische Verallgemeinerung, denn der Pakt der Frauen lässt keine Ausnahme zu. Auch wenn Thomas immer etwas grimmig wirkt, so ist er doch eigentlich ein Lieber, der keine Rache verdient hat. Peggys Gefühle haben in der "Bewegung" ebenfalls nichts zu suchen, genauso wie die einer anderen WG-Bewohnerin (Isolde), die Mitleid mit einem ihrer Geliebten bekommt. Der Film ist somit fast so etwas wie eine Studie einer ungerechten und kaputten Gesellschaft im Umbruch. Das ernüchternde Ende suggeriert eine Ausweglosigkeit, die wir aus heutiger Perspektive zum Glück als überwunden ansehen können.

Der Film ist inszenatorisch und vor allem technisch kein Meisterwerk. Es gibt einige Schnitt- und Anschlussfehler, viele Szenen sind sehr langatmig und eigentlich spielt das ganze zu 80 % in der WG (sichtbar eine Studiokulisse mit schlechter Ausleutung). Auch die anderen Darsteller können nicht immer überzeugen, weil sie häufig überagieren. Die Effekte sind lächerlich, alle Pistolen hören sich an, als würde man einen Kugelschreiber fallen lassen und die Getroffenen krümen sich übertrieben auf dem Boden, ohne das auch nur ein Einschussloch, geschweige denn Blut, zu sehen ist. Das Budget muss wirklich niedrig gewesen sein...
Trotzdem funktioniert der Film und viele Szenen, wie z. B. die Eröffnungssequenz (über die jemand mal eine Doktorarbeit geschreiben hat!!), sind visuell und vor allen Dingen atmosphärisch sehr gelungen.

Durch die Atmosphäre, die Thematik und vor allen Dingen die beiden Hauptdarsteller macht der Film alle Kritikpunkte wieder wett. Gegen Ende kommt dann auch etwas Spannung auf. Zudem kann man sich die ganze Zeit an dem Sechziger-Flair erfreuen, der auch dadurch erfrischt, dass er keine Blümchenwelt sondern eine ziemlich kaputte Gesellschaft zeigt.

Fazit: Großartiger Film, unbedingt anschauen.


Zum Schluß noch eine Anmerkung zu Uschi Obermeier: Trotz des niedrigen Budgets bekam sie 20.000DM, eine hohe Gage für die Zeit, zumal sie vorher nur in einem Film mitgespielt hatte. Die Gage wurde damals von der Kommune 1 in Berlin ausgehandelt, in der Uschi zu dieser Zeit lebte und durch welche sie auch berühmt wurde. Das Geld floss natürlich auch in die Gemeinschaftskasse. Außerdem wurde eine Klausel in den Vertrag hineingeschrieben, die besagte, dass ihr damaliger Freund, der bekannte politische Aktivist und ebenfalls Bewohner der Kommune 1 Rainer Langhans, jederzeit bei Uschi am Set sein müsste und sie maximal 4 Tage die Woche und nur 6 Stunden am Tag drehen dürfe. Jedes Wochenende ist dann zurück in die Kommune 1 geflogen.
Vorher spielte Uschi auch schon in einem Film von Rudolf Thome ("Detektive"). "Rote Sonne" war ihr zweiter und bedauernswerterweise auch letzter Film. Sie wollte eigentlich nie Schauspielerin sein und hat sich auch nie so gesehen.

Bewertung: 8/10

Details
Ähnliche Filme