Review

DEADLOCK

(DEADLOCK)

Roland Klick, BRD 1970

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


„Ich werde auf jeden Fall dabei sein, wenn mir wieder einmal etwas von Roland Klick über den Weg läuft“, habe ich vor Kurzem in meinen Notizen zu seinem durchaus bemerkenswerten Außenseiter- und Gangsterdrama Supermarkt vermerkt – und siehe da: Ich musste nicht lange warten, bis mir ganz konkret Deadlock über den Weg lief, eine der zentralen Arbeiten Klicks, die sich besonders beim Feuilleton eine Menge treuer Freunde machen konnte.

Irgendwo in der Wüste (es wird geschrieben, dass wir in Nevada oder Mexiko sind, aber das glaubt kein Mensch): Ein Mann torkelt aus der Ferne ins Bild. Das dauert ein Weilchen.

Irgendwann erkennen wir, dass er einen großen silbernen Koffer mit sich führt und eine stark blutende Wunde am Oberarm hat. Als er die Kamera schon fast berühren kann, bricht er zusammen. Kurz darauf nähert sich ein schrottreifer Lkw archaischer Bauart, der von einem verdreckt aussehenden Mann mittleren Alters gefahren wird. Als er den im Wüstensand Liegenden sieht, hält er an und begibt sich zu ihm – nehmen wir einmal an, dass er helfen will. Dann aber entdeckt er den Koffer, öffnet ihn ... und stellt fest, dass dieses Gepäckstück voller Geldscheine ist. Offenbar handelt es sich bei dem Verletzten um einen Bankräuber oder etwas Ähnliches. Der Lkw-Fahrer findet den Gedanken, das Geld selbst zu besitzen, natürlich sehr verlockend, und so will er dem mutmaßlichen Gangster einfach den Rest geben. Er nimmt einen großen Stein, holt damit aus ... und hat dann doch nicht den Mumm, die Tat auszuführen.

Der Verletzte kommt daraufhin recht schnell wieder zu sich und geht zur Gegenattacke über. Nachdem er die Waffe des Fahrers (ein recht altmodisches Maschinengewehr) in seine Gewalt gebracht und damit die Oberhand gewonnen hat, kann er seine Mitnahme erzwingen. So fahren die beiden also zur Behausung des Lkw-Fahrers, der sich nun als Charles Dump vorstellt und vom Skript den zusätzlichen Ehrentitel „die Ratte“ erhalten hat. Solche Zusatztitel haben übrigens alle Beteiligten, und sie werden auch in den Credits geführt. Der Verletzte hat indes keinen bürgerlichen Namen (zumindest erfahren wir ihn nicht) und wird deshalb und auch aufgrund seiner relativen Jugend genregemäß (natürlich sollen wir hier einer Art Western beiwohnen) „Kid“ genannt, mit dem Zusatz „der junge Killer“.

Die Waffengewalt hat der Hausherr bald wiedererlangt, aber was er mit dem Verletzten anfangen soll, weiß er deshalb noch lange nicht. Im Prinzip hofft er darauf, dass sein Gast irgendwann an seiner Verletzung stirbt, aber diesen Gefallen tut ihm „Kid, der junge Killer“ nicht. So können sich die beiden also erst einmal in Ruhe belauern. „Charles Dump, die Ratte“ lebt in einem von mehreren halb verfallenen und vermüllten Häusern, die mitten in der Wüste stehen und ist einer von drei „Einwohnern“ dieser erbärmlichen Ansiedlung, die eigentlich nicht einmal eine Ansiedlung ist und ehrlich gesagt auch nie wirklich eine gewesen sein kann. Neben ihm fristen hier noch eine junge rothaarige Frau, vom Skript „Jessy, das Mädchen“ genannt, und deren völlig durchgeknallte und dauerbesoffene Mutter, ihrerseits als „Corinna, die abgetakelte Schachtel“ geführt (echt jetzt!), ihr jämmerliches Dasein. „Jessy, das Mädchen“ ist übrigens psychisch nicht wirklich gesund (wie soll man das hier auch sein ...) – sie kann offenkundig nicht sprechen und tut nichts anderes als irgendwo herumzustehen und leicht dümmlich dreinzuschauen. Immerhin ist ihren Blicken zu entnehmen, dass sie am „jungen Killer“ Kid Gefallen findet.

Der wird nun langsam gesund und hat eine schlechte Nachricht für „Charles Dump, die Ratte“: In Kürze werde sein Komplize „Sunshine“ auftauchen. Und ja, der taucht tatsächlich bald auf, wird vollständig als „Anthony Sunshine, der alte Killer“ bezeichnet und ist ein anderes Kaliber als sein junger und ausgemacht ruhiger, fast freundlicher Kollege. Mit anderen Worten: Er übernimmt unter den Anwesenden das Kommando und drängt vor allem den Hausherrn immer mehr in die Defensive, bis dieser nur noch ein Haufen Elend ist. Von der Verzweiflung getrieben, versucht „Charles Dump, die Ratte“ schließlich eines Nachts, das Geld zu stehlen und sich aus dem Staub zu machen, aber bei einem Blindgänger wie ihm geht das natürlich so schief, wie es nur gehen kann. In seiner nunmehr äußerst heiklen Lage bleibt ihm nur noch die sofortige Flucht, aber ... klar, auch die will ihm nicht gelingen. „Kid, der junge Killer“ und „Anthony Sunshine, der alte Killer“ sammeln ihn mit dem Schrott-Lkw im Ödland auf und denken dann darüber nach, was sie eigentlich noch von ihm wollen (Spoiler ahoi). Eine vernünftige Antwort finden sie nicht, und so überfährt „Anthony Sunshine, der alte Killer“ die „Ratte“ Charles Dump einfach mit dem Laster. Somit bleiben nur noch zwei übrig, die das Geld für sich haben wollen und einander gegenseitig belauern – allein der Charakter des „alten Killers“ Sunshine lässt eine friedliche respektive brüderliche Lösung nicht zu. Also belauern sie sich emsig, und „Jessy, das Mädchen“ schaut ihnen gelegentlich dabei zu ...

Wie gesagt: Eine friedliche Lösung ist hier ausgeschlossen, und so dürfen wir, wie es sich im Westerngenre auch gehört, einem blutigen und kompromisslosen Showdown beiwohnen, den letztlich (noch mal dicker Spoiler) nur „Kid, der junge Killer“ überlebt (die beiden völlig unbeteiligten Frauen werden in der Tat vom irren „alten Killer“ mit der Maschinenpistole niedergemäht!). Das ist schon harter und genau genommen auch reichlich nihilistischer Stoff (einer strahlenden Zukunft sollte auch „Kid, der junge Killer“, so wie er sich hier verhalten hat, nicht entgegensehen ...), der sich offenkundig an der italienischen Spielart des Westerns orientiert. Roland Klick greift auch ganz ungeniert mit beiden Händen auf die betreffenden Klischees (die damals freilich noch recht „frisch“ waren) zurück – wir sehen also einen „dreckigen“ Film über Männer, die sich an lausigen Orten herumtreiben und mit gängigen Moralvorstellungen rein gar nichts am Hut haben, und wir sehen natürlich auch einen Film, in dem sich zuverlässig immer wieder ein paar Fliegen finden, die diesen Männern auf den verschwitzten Gesichtern herumkrabbeln. Mitunter fühlt man sich hier wirklich sehr deutlich an Sergio Leones vier Jahre zuvor erschienenen Il Buono, il Brutto, il Cattivo aka The Good, the Bad and the Ugly (hierzulande mit dem unfassbar dämlichen Titel Zwei glorreiche Halunken gestraft) erinnert.

Und doch ... will Deadlock zumindest in meinen Augen nicht ganz im intendierten Sinn funktionieren – ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass hier irgendetwas falsch ist. Und dabei handelt es sich nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, um die zeitliche Einordnung des Geschehens in der damaligen Gegenwart (also ungefähr in den späten Sechzigern, wenn man sich die Waffen und einige Gebrauchsgegenstände ansieht – den Laster hätte es dem Augenschein nach freilich schon in der späten Steinzeit geben können), sondern in allererster Linie um den abscheulichen Schauplatz dieses Geschehens: Sorry, aber der sieht nicht nach Wüste aus, sondern nach Kiesgrube oder Steinbruch. Nach dem Steinbruch gleich um die Ecke. Weißes Gestein und ausgefahrene Kieswege – ich habe mich gefühlt wie in Roger Fritz‘ im gleichen Jahr entstandenen und zu großen Teilen in einer Kiesgrube gedrehten Rape-without-Revenge-Drama Mädchen: Mit Gewalt. Und wo der Steinbruch gleich um die Ecke auftaucht, riecht es auch immer ein wenig nach Amateurarbeit. Als solche will ich Deadlock beileibe nicht bezeichnen, aber mitunter, ganz dezent ... Na gut – es gibt vordergründigere Probleme.

Zum Beispiel übertreibt es Klick in Sachen Schäbigkeit und Plakativität der Ausstattung ein wenig: „Dump, die Ratte“ bekommt gelegentlich Besuch von einem fahrenden Händler (vom Skript übrigens „Enzo, der elende Schnüffler“ getauft!), der ihn mit Lebensmitteln und Klopapier versorgt, und dessen Auto ist dermaßen verstaubt und verdreckt, dass sein Anblick schon in die Rubrik „unfreiwilliger Humor“ gehört. So etwas muss man gesehen haben. Auch glänzt Deadlock nicht gerade durch Ideenreichtum – jeder der Protagonisten möchten gern das gesamte Geld im Koffer haben, aber man hat das Gefühl, dass die drei einfach nur warten, bis sich dies durch ein wie auch immer geartetes Wunder ganz von selbst ergibt. Irgendeinen Twist oder originellen Einfall findet man hier definitiv nicht. Die Figur des „jungen Killers Kid“ weist dabei deutliche Parallelen zum charakterlosen Protagonisten Willi in Klicks Supermarkt auf, der ohne Sinn, Verstand und Plan durchs kriminelle Leben gestolpert ist und nie wirklich agiert, sondern lediglich auf Anstöße von außen reagiert hat. Da nun aber auch „Charles Dump, die Ratte“ und „Anthony Sunshine, der alte Killer“ meilenweit davon entfernt sind, als Sympathieträger dienen zu können (und die Frauenfiguren ohnehin schlichtweg blöd sind), ist man hier auch emotional irgendwo in der Wüste gelandet – es ist einem schlussendlich gleichgültig, wie das Treiben endet und wer es überlebt oder nicht. Und damit wird’s schon leicht kritisch.

In Sachen Optik zeigt Deadlock zwei Gesichter. Zum einen kommt der Streifen, der von den Leuten der Filmgalerie 451 liebevoll überarbeitet wurde, mit sagenhaft scharfen Bildern daher – natürlich hat man noch immer den Eindruck, dass die wenigen vorhandenen Farben schon in die Jahre gekommen sind, aber ansonsten ist die Bildqualität sensationell (die überarbeitete Fassung hat nunmehr auch das geläufige Seitenverhältnis von 1.85:1, während das Original im 1.66:1-Format vorlag). Das zweite Gesicht, mit dem sich die Optik hier präsentiert, wird vom genau genommen einzigen Schauplatz des Geschehens bestimmt, und es ist ein fürchterliches. Ich hab’s schon gesagt: Steinbruch. Wir sehen eine bestürzend hässliche weiße Kies- und Steinwüste, und wir werden sie bis zum Ende nicht los. Gedreht wurde in Israel – und dies aufgrund der Nachwehen des Sechstagekriegs unter dem Schutz der israelischen Armee! Jenseits von Gut und Böse, das muss noch erwähnt werden, sind darüber hinaus einige vermutlich als Kunst begriffene Shots mitten in die pralle Sonne hinein, die mit bis zur Unkenntlichkeit verschwommenen „Folgevisualisierungen“ oder wie immer man diese „Bilder“ bezeichnen will, enden. Echt schlimm.

Die Darsteller, nun ja ... Den großen Namen hat hier Mario Adorf, der (mit Wollpullover in der Sonnenglut – man kann gar nicht hinsehen) „Charles Dump, die Ratte“ spielt und sich zweifellos große Mühe gibt, seine Figur jedoch schlichtweg zu jämmerlich anlegt. Echte Freude hatte ich an der „Ratte“ also nicht, und nur wenig mehr davon hat mir Marquard Bohm als „Kid, der junge Killer“ bereitet. Dabei ist er keineswegs unangenehm oder ausdrucksarm, aber einen „Killer“ konnte ich dem lethargisch herumsitzenden jungen Mann, der mir hier begegnet ist, nie und nimmer abnehmen. Ehrlich gesagt hätte ich ihm nicht einmal einen Handtaschenräuber oder Schwarzfahrer abgenommen. Anthony Dawson passt da als „Anthony Sunshine, der alte Killer“ schon wesentlich besser in seine Rolle und ist zweifelsohne auch charismatischer als seine Kollegen und Kolleginnen – seine Szenen beherrscht er im Schongang.

Die mitwirkenden Frauen können derweil von vornherein keinen Blumentopf gewinnen: Mascha Rabben (hier als Mascha Elm-Rabben geführt), in deren Casting viel Zeit und Mühe investiert wurde, hat als „Jessy, das Mädchen“ lediglich leicht unzurechnungsfähig in die Gegend zu schauen, profitiert dabei aber wenigstens davon, dass sie in den Augen der vermutlich meisten männlichen Zuschauer recht hübsch ist, und Betty Segal erwischt’s als schwer gestörte „Corinna, die abgetakelte Schachtel“ in ihren zwei einzigen Szenen ganz böse – in der ersten muss sie nur hysterisch ihre Möpse ins Bild schleudern und in der zweiten wird sie erschossen. Peinlich und entwürdigend. Der Score stammt zu guter Letzt von der deutschen Kultband Can (in den Credits „The Can“) und ist von der sehr guten Sorte. Das darf man keineswegs als Selbstverständlichkeit verstehen, denn just im oben erwähnten Mädchen: Mit Gewalt (!) zeigte sich ebenfalls Can für den Score verantwortlich, und dort war er schlichtweg grässlich. Die Musik für Deadlock ist auf jeden Fall „normaler“ und eingängiger, macht sich aber eher rar – erst der schöne Schlusstitel (mit herrlich schrägem Gesang) bekommt genügend Zeit. Schade: Etwas mehr atmosphärische Musik hätte hier nicht geschadet.

Wenn man so will, bleibt damit ein „klassischer“ Germano-Western – und sei’s auch der einzige seiner Art. Wenn man nicht will, könnte man sagen, dass Deadlock ein Italo-Western für Arme oder ein Möchtegern-Leone aus der Kiesgrube ist, aber so weit soll hier natürlich nicht gegangen werden. Was den Streifen mit Roland Klicks anderer Vorzeigearbeit Supermarkt verbindet und auch zu einem hinreichend faszinierenden Erlebnis macht, sind seine Tristesse, sein Fatalismus und ebenjener bittere Determinismus, dem sein Personal und eigentlich seine ganze Welt unterliegt. Mit so etwas muss man freilich umgehen können, weshalb wohl (jenseits des Feuilletons und der Filmwissenschaft) nur die wenigsten mit Deadlock glücklich werden dürften. Ich bin’s auch nicht geworden, in erster Linie jedoch, weil mir einfach alles, was Klick hier abliefert, entschieden zu nachgemacht erschien. Ihren Reiz will ich der hiesigen Veranstaltung jedoch nicht absprechen – immerhin hatte ich kein essenzielles Problem damit, neunzig Minuten mit äußerst zweifelhaften Leuten im israelischen Ödland zu verbringen. Den Namen Roland Klick werde ich also weiterhin auf meiner Liste behalten – wenn auch gewiss nicht ganz oben.

(06/23)

6 von 10 Punkten.





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