„Ich muss nach Hamburg zum Geburtstag!“
Die neunte Episode des „Tatort“-Spin-offs „Schimanski“ präsentiert sich als Polit-Krimi, geschrieben von Michael Klaus und inszeniert von Matthias Glasner („Sexy Sadie“), der damit seine einzige Regiearbeit innerhalb dieser Reihe ablieferte. Die Erstausstrahlung erfolgte am 3. Dezember 2000.
„Die Frau ist wandelndes Dynamit!“
Schimanski (Götz George) und Marie-Claire (Denise Virieux) machen sich für die Fahrt nach Hamburg zum 80. Geburtstag Karl Königsbergs (Ulrich Matschoss), Schimmis ehemaligem Vorgesetzten, bereit. Die verstört und stumm vorm Hausboot der beiden stehende Kurdin (Jale Arikan, „Ärzte“) ignoriert Schimanski zunächst, doch sie drückt Marie-Claire einen Zettel in die Hand. Schimanski überantwortet die Frau, die zudem verletzt ist, dem jungen Polizisten Thomas Hunger (Julian Weigend), der sie im Krankenhaus behandeln lässt, wo man feststellt, dass sie zahlreiche Fotos am Körper bei sich trägt. Schimanski und Marie-Claire holen derweil Hänschen (Chiem van Houweninge) ab und machen zu dritt an einer Autobahnraststätte Halt. Dort werden sie unfreiwillige Zeugen, wie ein junger Delinquent einen vermeintlichen Drogendealer über den Haufen schießt und dessen Großmutter (Christiane Hörbiger, „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“) beinahe Schimanski überfährt. Schimmi schaltet sich ein, steigt zu ihr ins Auto – und realisiert nach und nach, dass er zwischen die Fronten des politischen Kampfes zwischen Faschotürken und Kurden geraten ist, während Königsberg auf seinen Besuch wartet…
„Ich versteh' jetzt überhaupt nicht mehr!“
Um 5:30 Uhr schellt der Wecker auf dem Hausboot, und dann steht da auch noch diese Frau herum, die, wie man den Zuschauerinnen und Zuschauern als Wissensvorsprung gewährt, dort von zwei Menschen abgesetzt und Schimmi damit bewusst in Gefahr gebracht wurde. Genaueres weiß man aber lange nicht, zumal mit den Jünglingen Taco (Alexander Beyer, „Sonnenallee“) und Maya (Susanne Bormann, „Schlaraffenland“) zwei Figuren eingeführt werden, die eine Beziehungskrise, aber ansonsten erst einmal nichts damit zu tun haben. Wie bald darauf dann doch alles miteinander zusammenhängt, Anlass für Autostunts, Blech- und Anzugschäden wird und Schimanski mittenreingerät, ist zu Unterhaltungs- und Dramaturgie-Zwecken ein klassischer Fall von Überkonstruktion, aber eben auch eine der Prämissen dieser Episode.
„Ich bin ein Magnet für Idioten.“
Eine zweite ist die Thematisierung des türkisch-kurdischen Konflikts, und zwar auf eine PKK-kritische Weise. So wird die junge, verstörte und verletzte Kurdin Nadiye von beiden „Parteien“ skrupellos verfolgt, von ihren Landsmännern offenbar, da sie einerseits als Beweis für den türkischen Terror herhalten soll, andererseits des Verrats verdächtigt wird. Dr. Arkar (Tayfun Bademsoy, „Ein starkes Team“), der Chef der Duisburger Nerveneilanstalt, hängt da mit drin, auch Staatsanwältin Schäfer (Suzanne von Borsody) wird auf den Plan gerufen, Schimanski nimmt sich Hunger zur Brust, nur Marie-Claire hat keine Lust und sucht per Anhalter in einem Lkw das Weite. Idiotensicher ausformuliert werden die politischen Hintergründe und die Motivation der Figuren nicht, aber auch ein erfahrenes und gebildetes Publikum dürfte zumindest während der Erstsichtung hier und da Schwierigkeiten haben, dem Ganzen zu folgen.
„Warum drehen die Leute heute alle durch?!“
Das liegt unter anderem daran, dass Schimanskis Verhältnis zur Großmutter des Kleinkriminellen Taco gleichberechtigt erzählt wird und er schließlich sogar mit ihr ins Bett steigt. Zusammen mit dieser hatte er zuvor bereits Maya beim Sex mit einem anderen erwischt. In dieser Episode haben alle einen an der Waffel, und immer mal wieder bekommt man waghalsige Stunts oder auch mal eine Explosion zu sehen. Die Narration ist modern und das Tempo hoch, die Dialoge herrlich schnoddrig, der zwischen Verzweiflung und Verantwortungsbewusstsein hin- und hergerissene Schimanski nicht zu beneiden. Wo er geht und steht, passiert nur Scheiße. Die Handlung ist absurd, aber dafür schwer unterhaltsam. Insbesondere Christiane Hörbiger spielt ihre Rolle überaus sehenswert. Nur wird dieser Film dadurch seiner politischen Komponente kaum gerecht und ist dieser Inszenierungsstil dem Thema nicht angemessen, im Übrigen auch nicht so recht dem Abschied von einer altgedienten Figur aus „Tatort“-Tagen, Kriminalrat Karl Königberg.
Vielleicht hätte man aus dem Stoff zwei, dafür etwas weniger hektisch und nachvollziehbarer erzählte Filme machen sollen.