Mit dem Etikett "Komödie" weithin gezeichnet, verbirgt sich hinter "Familienfest..." jedoch nicht das daraufhin zu erwartende Gagspektakel, sondern eher eine stille, stilistisch ungewöhnliche Satire auf amerikanische Familienwerte, die ihren Humor mehr aus den komplexen Figuren bezieht, denn aus etwaigen Witzen oder ähnlichen. Ein Panoptikum seltsamer und gerade deswegen menschlicher Figuren lädt zum Schmunzeln und Nachdenken ein, auch wenn der Film dankenswerterweise am Ende keine Patentlösung anbietet, aber immerhin einen versöhnlichen Schluß bietet.
Thematisch ist das Sujet schon in vielen Sitcoms aufgearbeitet worden (besonders häufig in "Roseanne"), die Familienzusammenkunft vieler Charaktere, die sich, ihre Sorgen und Probleme samt Antipathien untereinander dem Sippenwohl (Alles für die Eltern!) unterordnen, ohne ihnen letztlich so aus dem Weg gehen zu können.
Hier hängt sich die Handlung an die jüngere Tochter der Familie, dargestellt von Holly Hunter, inzwischen selbst Mutter und momentan in beruflichen und amurösen Nöten, ganz abgesehen davon, daß sich ihre Tochter am Festtag entjungfern lassen will.
Das Ereignis und die damit verbundenen Umstände schiebt sie möglichst ganz weit nach hinten, um das Unvermeidliche so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Und das hat sie auch nötig, denn Regisseurin Jodie Foster hext ein Panoptikum des subtilen Schreckens herbei, um die Guten zu peinigen.
Die Mutter hat weder Hemmungen noch Rücksicht auf Privatsphäre, wenn sie ihren Ehemüll bei ihrer Tochter abladen will, ihr Vater ist seltsam bis uneinsichtig; ihre Schwester zürnt ihr, weil sie sich stets um ihre Familie kümmern muß, deren Mann ist ein stupider Langweiler, die gemeinsame Tochter ein Prinzeßchen; die Tante ist verschroben-beknackt und ihr Bruder ist ein exaltierter Schwuler, der sich wie Hunters Claudia selbst emotional nicht einbringen kann oder will, da er sich wenig verstanden fühlt. Er bringt denn auch noch einen mysteriösen Freund mit, der zum wahren Rätselspiel und Unsicherheitsfaktor wird, weil weder seine Herkunft, noch seine Gesinnung oder sexuelle Ausrichtung bekannt sind, er also unvorbelastet ist. Dieser "Fremde" ist schließlich die einzige Konzession an die Komödienkonventionen, denn mittels ihm gelingt Hunter ein gefühlsmäßiger Neuanfang.
Foster bietet die nun folgende Neuroserei nicht als zusammenhängende Geschichte an, sondern spult das Thanksgiving-Wochenende in Form von übertitelten Kapitelchen und bietet dem zahlreichen Cast so jeweils mehrere Set Pieces zur Charakterentwicklung.
Ein positiver Effekt ist, daß niemand als Pappdeckelcharakter, sondern mit ausreichend Tiefe daherkommt, komplett ambivalent mit guten und schlechten Seiten.
Das Problem, daß aus der mangelnden Zentrierung auf eine "wirkliche" Hauptperson folgt, ist ein Mangel an einer Figur, an die sich der Zuschauer effektiv hängen kann. Hunter ist zu passiv und still, selbst etwas schräg und bietet als konfliktscheue Künstlerin wenig Identifikationsfläche. Die Charaktere sind nahrhaft, aber sie sind dem Publikum wenig nahe in ihrer individuellen "Verrücktheit", so daß man zwar Parallelen zum wirklichen Leben entdecken kann, aber nie in einen einzutauchen vermag.
Am nächsten einem vergnüglichen Charakter kommt Robert Downey jr. als schwuler (aber nicht tuntiger) Sohn, der seine Manierismen auch vor der Familie nicht ablegt. Sehr intensiv auch Geraldine Chaplin als halbverrückte Tante, die an ihrer verlorenen Liebe, ihrem Schwager im Leben vollkommen gescheitert ist und jetzt Fruit Loops als Kette trägt. Richtig ungewohnt dagegen Strahlemax Steve Guttenberg als mißmutiger Bürokratenehemann.
Trotz dieser Identifikationsschwierigkeiten rührt das Geschehen oft mehr an, als es witzig unterhält, obwohl genug Unterhaltungspotential vorhanden ist. Foster gönnt sich wenig Aufregung, sondern komponiert ruhige, wenig farbige Bilder und läßt stattdessen die Konflikte schwelen, bis es zum Ausbruch kommt.
Am Ende lösen sich die Konflikte zum Glück nicht in Rauch auf, sondern bleiben grundsätzlich bestehen, mit der Betonung, daß am Ende jeder in seinem Leben glücklich werden muß, auch wenn sich das familiäre Band fast völlig ausgeleiert hat. Obwohl auch da sind immer noch Überraschungen möglich...
"Familienfest..." wirkt tendenziell nicht bei der ersten Ansicht, sondern gewinnt als Erinnerung an Wert und läßt Freude auf ein Wiedersehen aufkommen, da er ebenso konsumierbar wie reichhaltig ist. Seit dem dritten Mal habe ich den Film liebgewonnen, was also bedeutet, daß manche Filme ein zweite Chance brauchen.
Erwachsenenkomödie in seiner reinsten Form, skuril und unverbraucht, ohne bekannte Bilder. Aber mit der Weisheit, daß das Leben noch so schlimm sein kann, die Familie ist immer noch ein wenig schlimmer. Die Hölle, das sind die anderen - und die Hoffnung auch.
(8/10)