Das Schicksal ist vorherbestimmt. Aber nicht so ganz.
Regisseur Tom Tykwer erzählt in „Lola Rennt“ die Geschichte von Lola (Franka Potente), die ihrem Freund Manni (Moritz Bleibtreu) in einer dramatischen Krise helfen muß. Sie hat genau 20 Minuten Zeit, 100.000 DM (ja, die gab es damals noch) zu besorgen, denn sonst schwant ihrem Freund Böses. Genauer gesagt, erzählt Tykwer die Geschichte nicht nur ein Mal, sondern gleich drei Mal. Dabei variiert er einige Parameter, die in der jeweiligen Episode große Auswirkungen haben. Ganz nach dem Motto: kleine Ursache, aber große Wirkung.
Das Hauptmotiv von „Lola Rennt“ ist die Zeit. Schon am Anfang, noch vor den Credits wird dies etabliert, indem eine Kamerafahrt ein dämonisch verziertes Pendel mitsamt der zugehörigen Uhr zeigt. Zeit ist der größte Feind von Lola. Es ist ihr Dämon, denn sie hat viel zu wenig davon. Sie steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, innerhalb von 20 Minuten eine unglaubliche Geldsumme aufzutreiben. Der Zuschauer begleitet sie dabei. Wie schon der Titel verrät, tut sie dies die meiste Zeit rennend. Begleitet wird sie von einem pumpenden technoiden Soundtrack, der nicht nur Lola und die Handlung antreibt, sondern auch den Zuschauer angespannt im Sessel sitzen läßt. Die Kompenente „Zeit“ ist auch der Schlüssel zu dem Spiel mit der Variation, das Tykwer hier betreibt: kleine Veränderungen haben mit Hilfe der veränderten Zeit große Auswirkungen. Am deutlichsten belegt dies das Beispiel mit dem Krankenwagen und der Glasscheibe, die über die Straße getragen wird (ganz sicher eine Anspielung an den klassischen Slapstickfilm Hollywoods, in dem eigentlich immer eine Scheibe über die Straße getragen wird [warum eigentlich?], die dann genüßlich von einem Auto zerstört wird). Kommt der Krankenwagen in einer Episode gerade noch zum Stehen, ohne die Scheibe zu zerstören, kracht er in der nächsten Variante mitten durch. Weitere Beispiele physischer Auswirkungen von veränderten zeitlichen Umständen finden sich viele in „Lola Rennt“.
Tykwer bricht mit „Lola Rennt“ auch die Erzählkonventionen des klassischen Kinos. So sind die Episoden nicht logisch auf irgendeine Art miteinander verbunden. Der Film liefert keine Erklärung, warum die Uhr wieder auf Null gedreht wird und die Jagd von vorne los geht. Zudem ist es für den Zuschauer (zumindest für den uninformierten Erstseher) ein ziemlicher Schock, wenn die titelgebende Protagonistin nach einem Drittel der Laufzeit erschossen wird. Dass es danach weitergeht freut den Zuschauer, der sich nicht mit dem tragischen Tod der Heldin abgeben muß. Genausowenig wie sie selbst. Ein weiterer Konventionenbruch sind die Szenen, in denen Lola das Treppenhaus herunterrennt. Die sind im Zeichentrickstil gehalten. Tykwer wechselt also völlig den gesamten Filmstil für jeweils knapp eine Minute und er tat dies vor Quentin Tarantino, der in „Kill Bill 1“ einen Teil des Films als Manga inszenierte. Dass der Film trotz aller Experimente und der ungewöhnlichen Erzählstruktur dennoch zu fesseln weiß, ist vor allem der Verdienst von Regisseur Tom Tykwer, der es geschafft hat, interessante Situationen und Charaktere zu schaffen, mit denen sich der Zuschauer identifiziert. Da wären wir auch bei dem anderen Hauptgrund, warum „Lola Rennt“ so gut funktioniert: die Darsteller. Franka Potente, die vorher durch „Nach Fünf im Urwald“ aufgefallen war, ist für die Rolle scheinbar wie geschaffen. So gibt sie der Figur trotz der kurzen Episoden eine Tiefe, die sich sowohl in Stärke, als auch in Sensibilität ausdrückt. Auch Moritz Bleibtreu als Manni kann voll und ganz überzeugen. Er harmoniert gut mit Frau Potente und auch die weiteren Darsteller bilden ein „Who is Who“ des deutschen Filmes. Zumindest jedes Gesicht ist dem Zuschauer bekannt und so kann man Tykwer nur gratulieren, welch hochkarätige Besetzung er für einen Film wie „Lola Rennt“ er zusammenstellen konnte.
Alles in allem ist „Lola Rennt“ enorm spannendes und aufregendes Kino, vor allem weil der Film bewußt von Standard-Hollywood-Normen abweicht. Nicht umsonst konnte er sich auch in den USA einen Namen machen. So gewann „Lola Rennt“ 1999 den Preis „Bester ausländischer Film“ auf dem renommierten Sundance Film Festival und bedeutete für Franka Potente die Möglichkeit nach Hollywood zu gehen. Ein Erfolg, dem man einem solch mutigen Projekt aus deutschen Landen nur gönnen kann!
Fazit:
9/10