James Bond tritt Türen ein. Nicht nur jene von Superschurken und Terroristen, auch die Einlasspforten von Produzenten und Geldgebern sind vor ihm nicht sicher. Der gigantische Erfolg seines ersten Auftritts im Dienste Ihrer Majestät, Casino Royale (2006), ermöglichte dem Schauspieler Daniel Craig das Auftreiben der Finanzmittel für das Regiedebüt seines Freundes Baillie Walsh. Walsh, der bis dahin lediglich Dokus, einige Musikvideos und die Rockumentary Lord Don't Slow Me Down (2007) über die „Don't believe the Truth!"-Tour der Band Oasis gedreht hatte, dachte bereits beim Schreiben seines Drehbuchs an Craig für die Hauptrolle. So entstand schließlich Flashbacks of a Fool und der Einsatz Craigs abseits der Kamera hat sich beinahe mehr gelohnt, als jener davor für sein zweites Agentenabenteuer Ein Quantum Trost.
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»Sons of the thief, sons of the saint - Who is the child with no complaint - Sons of the great or sons unknown - All were children like your own« (Scott Walker, „Sons Of")
Der Schauspieler Joe Scott führt ein Leben zwischen Drogen, Sex, Selbstsucht - und verblastem Ruhm. Ein junger Regisseur lehnt ihn wegen seines Alters ab, sein Agent hat auf die egoistischen Allüren keine Lust mehr, die Filmkarriere liegt in Trümmern. Einzig seine persönliche Assistentin und Haushälterin Ophelia ist Joe geblieben. Da erreicht ihn aus der englischen Heimat die Nachricht, dass sein Jugendfreund Boots plötzlich verstorben ist. Nach einem gescheiterten Leben, in dem er versucht hat, vor der Vergangenheit zu fliehen, erkennt Joe nun, dass er auf das zurückblicken muss, was damals in einem kleinen Küstenort geschehen ist...
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»But sons of tycoons or sons of the farms - All of the children ran from your arms - Through fields of gold, through fields of ruin - All of the children vanished too soon« (Scott Walker, „Sons Of")
Zwei Jungen sitzen am See, sie ritzen sich in die Handflächen, schließen Blutsbrüderschaft, einer von ihnen schläft über dreißig Jahre später mit zwei Frauen, konsumiert Koks und wacht am nächsten Morgen in einer Welt auf, in der sich seine Bettgespielinnen über seine Stehkraft beklagen und sich über die Kostenverhältnisse von Nasen- und Brust-OPs aufregen. Joe Scott ist einen Weg gegangen, den viele gehen wollen und an ein Ziel gelangt, das niemand erreichen will. Vor ein paar Tagen noch - oder Wochen? - oder Jahren? immerhin noch nicht lange genug her, um es vergessen zu haben, da war er ein gefeierter Filmstar, mit Haus an der Küste Malibus, in das ihm auch heute noch Frauen und Drogenkuriere folgen, durch das Joe aber mittlerweile verloren wandelt. Beziehungen misst er nicht in Nähe, sondern in Distanz, die größte hat er zwischen sich und sein altes Leben gebracht und Schauspieler ist Joe geworden, um auch zu sich Distanz zu schaffen, um Rollen zu spielen, bloß nicht sich selbst. An einem Morgen, an dem Joe gegen einen Kater und einen Hund, den eine Bettfreundin vergessen hat, kämpft, an dem er Fältchen abdeckt, die er vor ein paar Tagen - oder Wochen? - oder Jahren? noch nicht hatte und an dem er um die Gunst seiner Haushälterin Ophelia bettelt, um nicht auch noch von ihr verlassen zu werden, an diesem Morgen klingelt das Telefon und seine Mutter erzählt ihm vom Tod seines einst besten Freundes Boots.
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»If there is something that I might find - Look around corners - Try to find peace of mind I say - Where would you go if you were me« (Roxy Music, „If there is something")
Flashbacks of a Fool könnte einer dieser typischen ‚Arschloch-findet-zu-sich-selbst-zurück‘-Filme sein (siehe als ein aktuelles Beispiel Ridley Scotts Ein gutes Jahr), verweigert sich aber deren Mechanismen gleich mehrfach. Statt das Walsh seinen Protagonisten nach Hause reisen und das alte Leben als das wahre Gut erkennen lässt, indem er dessen Vorzüge durch mehrere Rückblenden immer wieder verdeutlicht, spaltet er Prolog, Hauptteil und Epilog seines Films formell streng voneinander ab. Am Ende des Prologs stürzt sich Joe in den Pazifik und gemeinsam mit dem Zuschauer in eine Erinnerung an seine Teenager-Zeiten. Bereits hier ist Joe sein eigener Mittelpunkt, der kränkliche und unsichere Boots wird von ihm eher durchgeschleppt und steht sofort hinten an, wenn Joe etwas besseres in den Sinn kommt, etwa mit Ruth auszugehen, in die Boots heimlich verliebt ist. Doch neben der frech-reizenden Ruth lässt Joe sich auch von der verheirateten Nachbarin und Freundin seiner Mutter Evelyn verführen, die durch Joes Jugend ihre Angst vorm Älterwerden kompensiert und dafür ihre kleine Tochter ein verhängnisvolles Mal zu oft aus den Augen lässt. Seine Mitschuld an einem schrecklichen Unfall, seine Verantwortungslosigkeit, Leichtsinn und Feigheit im Auge der Konsequenzen treiben Joe schließlich fort von der Heimat. In eine neue Heimat, in der er alles genauso weiterführt, dank Ruhm und Reichtum bloß völlig konsequenzbefreit.
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»Shake your head girl with your ponytail - Takes me right back (when you were young) - Lift up your feet and put them on the ground - You used to walk upon (when you were young)« (Roxy Music, „If there is something")
Flashbacks of a Fool erzählt keine große, keine wichtige Geschichte, keine, von der man behaupten kann, sie gesehen haben zu müssen. Der Film liefert keine Erkentnisse über jene der Charaktere hinaus, maßt sich keinen höheren, als den vorhandenen Anspruch an. Doch je weniger der Film sich einem anbiedert, desto mehr fordert er einen dazu auf, entdeckt zu werden. Daniel Craig ist abgewrackt, spielt maulig und unsympathisch, eitel und hypochondrisch, aber hinter vielen Gesten, Blicken und Worten vermittelt er den Glauben daran, dass dieser Joe einen Hintergrund, ein Innenleben besitzt. Craig ist physisch wie psychisch zeigefreudig, packt den blanken wie den sprichwörtlichen Arsch aus, er fordert dazu heraus, seiner Geschichte zu folgen, einem aufzwingen tut er sie nicht. Die 70er Jahre, in denen die lange Rückblende stattfindet, sind kein nostalgisch verklärtes Wunderland, nicht Hort und Gedanke des wahren Joes, denn Harry Eden bewegt auch diesen mit unbekümmertem Selbstverständnis und Selbstsucht durch eine Zeit, die in der Erinnerung magisch wirkt, in seinen Taten jedoch nicht. Weichgezeichnete Bilder und eine beeindruckende südafrikanische Küste als Imitation einer englischen sorgen für den Trug, die im Grunde einfache, aber auf den lohnenswerten zweiten und dritten Blick extrem reichhaltige Geschichte baut über die Figuren und tollen Darstellerleistungen eine unverschachtelte und gleichsam enggestrickte, in ihrer Auflösung gänzlich entromantisierte Dramaturgie auf. Dazwischen schafft Walsh wahren Zauber: Eden und die strahlende Felicity Jones, die in Zeitlupe zu Roxy Musics „If there is something" singen und tanzen, das dürfte wohl eine der wundervollsten und kunstvoll-ungekünstelt, schwärmerisch-herzerfülltesten Szenen sein, die es im Filmjahr 2008 zu entecken gab.
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Ein Maß an Empathie erfordernd, dass Filme ähnlicher Thematik aufgrund eines zugänglicheren Helden und einer plakativeren Wandlung zum Guten desselben nicht voraussetzen, ist Flashbacks of a Fool jede Minute, jede ungewöhnlich lange Kameraeinstellung, jeden der doppelbödig geschriebenen Dialog, jeden Zentimeter Haut seiner Schauspieler, jede Note seines famosen Soundtracks das Erlebnis wert. Walsh geht es nicht darum, Joe Scott zu erlösen, ihm bleibt am Ende nur die Erinnerung, deren Zusammenfassung in der Zeile eine Songs und die Möglichkeit, damit einer trauernden Witwe die überfälligen Tränen zu schenken, die sie um ihren verstorbenen Mann nicht weinen kann. Ohne den geringsten Anflug falscher Sentimentalität, Kitsches oder einer sich aufzwingenden Moral ist das schlicht ein großartiger Film. Muss man so nicht sehen, ist aber eine Möglichkeit, und bereits damit erreicht Flashbacks of a Fool mehr, als manch andere Produktion, die ganz unbedingt etwas und dann noch viel mehr sein will und letztlich wie gar nichts wirkt. Viel mehr ließe sich noch über diesen feinen Film sagen - aber dann bliebe nicht mehr genug zum selber entdecken und gerecht würde es ihm eh nicht.
»Lift up your eyes and put them on the screen - The films are better (when they are truthful)« (ChristiansFoyer, „Review: Flashbacks of a Fool")