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„Der Spion, der mich mit seinem Schuh anrief"

Mitte der 1960er Jahre war die „Bonditis" auf ihrem Höhepunkt. Nach dem globalen Siegeszug des dritten 007-Films Goldfinger bombardierten Film- und Fernsehstudios die Zuschauer mit unzähligen Bond-Plagiaten, -Hommagen und -Persiflagen. Jeder wollte auf der Agentenwelle mitschwimmen. Da die Bondfilme bereits sehr früh selbstironische Brechungen aufwiesen, war der Weg zur Parodie nicht weit. Vor allem in den USA entstanden Mitte der 60er Jahre mehrere Vertreter dieser Spielart. James Coburn kämpfte sich als Superagent Derek Flint durch zwei überkandidelte Abenteuer (1965/66), Dean Martin brachte es als Playboyspion Matt Helm sogar auf vier Einsätze (1965-68). Im Fernsehen feierte vor allem die von Parodie-Schwergewicht Mel Brooks miterdachte Agentenserie Get Smart große Erfolge (1965-1970).
Im Zuge der Wiederaufbereitungsflut diverser TV-Serien (u.a. Mission Impossible, Auf der Flucht) war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Get Smart fürs Kino relaunched werden würde. Der Komödien- (50 erste Dates) und Genre-erprobte (Die nackte Kanone 33 1/3) Regisseur Peter Segal übernahm schließlich den Auftrag und inszenierte eine Leinwandversion der kultigen TV-Serie. Bereits die Story lässt keinerlei Zweifel aufkommen, wer bzw. was hier als Blaupause diente:

Maxwell Smart (Steve Carell) ist Agent im Innendienst bei der ultrageheimen US-Regierungsbehörde CONTROL. Seit Jahren träumt der übereifrige Analytiker von einem Job als Außenagent an der Seite des Firmenstars Agent 23 (Dwayne „The Rock" Johnson). Der Chef von CONTROL (Alan Arkin) ist allerdings so von Maxwells analytischen Fähigkeiten angetan, dass er ihm trotz hervorragender Prüfungsergebnisse regelmäßig die Beförderung vermasselt.
Erst als die Verbrecherorganisation KAOS CONTROL infiltriert und deren sämtliche Agenten enttarnt, schlägt Smarts große Stunde. Zusammen mit der lediglich aufgrund einer Gesichtoperation unentdeckt gebliebenen Agentin 99 (Anne Hathaway) soll er den neuesten Plan des Verbrechersyndikats vereiteln: KAOS hat zahlreiche labile Regime mit Atomwaffen versorgt. Sollten die USA nicht 200 Milliarden Dollar zahlen, würden auch die Abschusscodes an etwaige Interessenten weitergeleitet werden. Die erste Spür führt die abgebrühte Veteranin und den tollpatschigen Neuling nach Moskau ...

Weit mehr als bei Mission Impossible waren die Macher von Get Smart bemüht, möglicht viele Zutaten und Bestandteile der Originalserie mit einzubeziehen. So wurden nicht nur sämtliche Hauptcharaktere (Maxwell Smart, Agent 99, Der Chef und Siegfried) beibehalten, sondern auch das Washingtoner Hauptquartier von CONTROL mit deutlichen Reminiszenzen versehen. Während die zahlreichen Geheimtüren zumindest technisch modernisiert wurden, scheint die berühmte „Aufzugstelefonzelle" (mit der die Agenten in die unterirdische Kommandozentrale gelangen) exakt dem Serienvorbild nachempfunden. Die deutlichste Hommage findet sich in den Ausstellungstücken des CONTROL-Museums, in dem der rote Sunbeam Tiger sowie das „Schuhtelefon" ausgestellt sind. Dass beides von Smart auf dem Weg zum finalen Showdown auch noch benützt wird, ist einer der originellsten Einfälle des Drehbuchs.

Darüber hinaus ist Get Smart vor allem eine wahre Fundgrube für eingefleischte Bondfans. KAOS und Siegfried sind eindeutig an SPECTRE/PHANTOM und Blofeld angelehnt. Siegfrieds rechte Hand Dalip ist eine deutliche Anspielung auf den bekanntesten Handlanger der Bondschurken: „Beißer" Jaws. Der vom 190 Kilo schweren Wrestlingstar Dalip Singh dargestellte „Henchman" gleicht Richard Kiels Figur nicht nur in körperlicher (hünenhafte Gestalt und Betonkinn) und geistiger Hinsicht (beide sind äußerst schwer von Begriff), sondern vor allem auch in seiner einzigen Schwäche: Smart appelliert geschickt an die weiche Seite des Killers und kann ihn so für die „gerechte" Sache gewinnen (Bond dreht Beißer in Moonraker auf exakt dieselbe Weise um). Auch der Fallschirmstunt zu Beginn der Mission findet sich in ganz ähnlicher Form in Moonraker.
Ein komödiantischer Höhepunkt des Films ist eine Tanzszene in der Villa von Siegfrieds russischem Verbindungsmann. Smart wuchtet auf dessen Party eine zentnerschwere Dorfschönheit übers Parket und stiehlt damit Agentin 99 die Show, die mit dem Gastgeber ihrerseits eine fulminante Tanznummer hinlegt. Diese Sequenz ist sogar die Parodie einer Parodie, ließ doch bereits James Cameron Arnold Schwarzenegger und Tia Carrere in True Lies den berühmten Tango aus Sag niemals nie (Sean Connery und Kim Basinger) persiflieren. Und als sich Agentin 99 mehr Beinfreiheit verschaffen will, muss man unwillkürlich an Carey Lowells „funktionales" Cocktailkleid in Licence to kill denken.
Natürlich ist auch der gesamte Plot der klassischen Bondformel nachempfunden. Der Staragent bekommt den Auftrag eine globale Bedrohung abzuwenden, hinter der eine mächtige Verbrecherorganisation steckt (u.a. Feuerball, Man lebt nur zweimal, Diamantenfieber). Er bekommt dabei Hilfe von einer weiblichen Agentin, die anfangs wenig Sympathie für ihn empfindet (u.a. Der Spion, der mich liebte, Moonraker, Der Morgen stirbt nie). Zunächst müssen sie die feindliche Organisation infiltrieren und dabei Teile des Plans aufdecken bzw. vereiteln. Dabei geraten sie kurzzeitig in Gefangenschaft. Diverse Gadgets retten sie aus der ein oder anderen brenzligen Situation. Der Endkampf schließlich erfordert die Beherrschung diverser Verkehrsmittel im Extrembereich.

All diese Bondtypischen Plotbausteine werden hier mit diversen Slapstickeinlagen und ironischen Brechungen serviert. Das funktioniert keineswegs immer auf hohem Niveau, bietet insgesamt aber doch vergnügliche und recht kurzweilige 90 Minuten. Natürlich ist alles eine Nummer kleiner als beim britischen Superspion. Die Geschichte ist weniger komplex und bietet nur einen (simplen) Handlungsstrang. Die Stunts sind weit weniger einfallsreich und auch weniger spektakulär geraten. An exotischen Schauplätzen gibt es lediglich Moskau zu bewundern, das aber - wie bei Bond - durch seine Hauptsehenswürdigkeiten trefflich ins Bild gesetzt wird. Siegfrieds Hauptquartier wirkt zwar wie ein Einfall Ken Adams, scheint aber über einen ersten Entwurf nicht hinausgegangen zu sein.

Insgesamt ist Get Smart keinesfalls so überdreht geraten wie beispielsweise Mike Meyers Austin Powers-Filme. Das Story-Grundgerüst ist nicht unglaubwürdiger als bei zahlreichen Bondfilmen. Auch die Actionszenen erscheinen zumindest möglich. Hommage und Parodie halten sich in etwa die Wage, wobei erstere stets mit einem Augenzwinkern serviert wird und letztere leicht überwiegt.
Das große Plus des Films ist aber eindeutig Hauptdarsteller Steve Carell. Er liefert eine umwerfende Performance als tollpatschiger Trottelagent, der lediglich durch Glück und seine erheblich kompetentere Partnerin erfolgreich durch seine gefährliche Mission stolpert. Ähnlich Leslie Nilsons Darstellung in der Naked Gun-Serie entsteht die meiste Komik aus der völligen Ernsthaftigkeit mit der sich Carell auch in den absurdesten Situationen bewegt. Der Mann ist einfach witzig. Ein wahrer Vollblutkomiker eben.
Allerdings kann auch er eine Reihe schlecht geschriebener Dialoge und müder Schenkelklopfer nicht durchgängig überspielen. Leider wurden einige der besten Szenen bereits im Kinotrailer verbraten, so dass der gesamte Film bei weitem nicht so spritzig und lustig wirkt, wie die Vorankündigung glauben machen wollte. Für eine (sehr wahrscheinliche) Fortsetzung ist in Sachen Humor und Dialogwitz jedenfalls noch ordentlich Luft nach oben.

Der übrige Cast ist ideal besetzt und harmoniert bestens mit Carell. Dwayne „The Rock" Johson liefert einmal mehr den Beweis für sein ausgeprägtes komödiantisches Talent als selbstverliebter und arroganter Superspion Agent 23. Alan Arkin überzeugt ebenso als stets besonnener Chef von CONTROL, wie Terence Stamp als sein Äquivalent Siegfried bei KAOS. Einzig Anne Hathaway wirkt etwas blass als Smarts Partner Agent 99. Darüber hinaus gibt es ein paar Cameos zu entdecken. So ist neben Bill Murray als Agent 13 auch der Originaldarsteller des Siegfried (Bernie Kopell) in einer kurzen Szene dabei. James Caan schließlich gibt eine teilweise recht böse Parodie auf den aktuellen US-Präsidenten. So sitzt er - während die terroristische Bedrohung Gestalt annimmt - wählerstimmenwirksam in einem Kindergarten und muss sich von der kleinwüchsigen Belegschaft ob seiner mangelnden pädagogischen Fähigkeiten belehren lassen. Während eines Beethoven-Konzerts in der Walt Disney Concert Hall (L.A.) schläft er mehrfach ein und outet sich als überzeugter Kunstbanause.

Fazit:
Get Smart ist eine recht kurzweilige und alles in allem auch weitestgehend vergnügliche Umsetzung der Kultserie aus den 1960er Jahren. Sowohl für Fans des Originals wie auch für eingefleischte Bondkenner gibt es zahlreiche Anspielungen und Gags zu entdecken. Das Vorbild 007 zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film, der sowohl als Hommage wie auch als Parodie funktioniert.
Leider ist das Niveau an witzigen Einfällen und spritzigen Dialogen nicht durchgängig hoch. Insgesamt hat der Film doch den ein oder anderen humoristischen Hänger und verlässt sich zu sehr auf die Wirkung seines Hauptdarstellers. Steve Carell ist dann auch die große Stärke des Films. Der begnadete Komiker rettet so manche Szene vor dem Absturz ins Niemandsland der Sparwitze und halbgaren Gags. Kein großer Wurf, aber gute Unterhaltung.

(6/10 Punkten)

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