Review

Züge – das wissen wir schon seit Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ und „Ein Fremder im Zug“ - sind nicht unbedingt der sicherste Platz auf Gottes Erden und eine Zugreise über mehrere tausend Kilometer in fremden Ländern macht die Angelegenheit nicht besser.
Das scheint die Ausgangsposition für Brad Andersons „Transsiberian“ zu sein, doch die Bedrohung, die die Protagonisten umkreist, kommt hier eigentlich immer nur dann zum Tragen, wenn sie den Zug verlassen, auch wenn die Umstände drinnen wenig heimelig bleiben.

Es ist die Paranoia vor der Fremde, vor unberechenbaren Gefahren, die Anderson offenbar hier gereizt hat und die Ausweglosigkeit, der sich normale Leute auf fremdem Parkett plötzlich ausgesetzt sehen.
Eine fotogene Heimreise wünschen sich Roy und Jessie, er ein Eisenbahnnarr, für den die Reise quer durch Rußland ein Traum ist und sie ein langsam ruhiger werdender unsteter Geist, der das alles mit der Kamera dokumentiert. Doch man soll Fremden nicht trauen – was aber bleibt einem über, wenn der Zug vor kantigen Russen mit bösen Geschichten eines tödlichen Landes, unfreundlichen Zugbegleitern und der Drogenpolizei nur so wimmelt. Ergo freunden sie sich mit einem englisch sprechenden Ehepaar an, dem Spanier Carlos und der jungen Amerikanerin Abby. Doch die haben erst recht illegale Pläne mit dem Ehepaar...

Es ist eine klassische Situation und in der reinen Schriftform, als „pitch“, der den Inhalt des Thrillerdramas umreißt, klingt die Story wie aus dem Lehrbuch, Hitchcock hätte so etwas sicherlich gefallen.
Was man daraus filmisch macht, steht auf einem anderen Blatt und so fällt das Ergebnis dann aber in letzter Instanz, trotz guter Besetzung und erheblichem Aufwand weitestgehend enttäuschend aus – um so enttäuschender, da Brad Anderson mit „Session 9“ und „The Maschinist“ zwei abgründige Genrebeiträge erster Qualität bereits abgeliefert hatte.

Doch hier hat sich der Regisseur ordentlich verzettelt (er war auch für das Skript verantwortlich), denn es bedarf einer gehörigen Portion Geduld, bis die Geschichte überhaupt ins Laufen kommt und da ist der Zug schon lange auf freier Strecke.
Zugfilme leben von der Komprimation, von der Gedrängtheit, doch bei 111 Minuten Lauflänge entfaltet sich erst einmal ein scheinbarer Reisebilderbogen, nachdem uns ein tödlicher Prolog schon darüber informiert hat, was uns erwarten könnte.
Geradezu völkisch gemütlich wird die Geschichte und die Location eingeführt, wobei der biedere Roy den Zuschauer schon bald nervt und der Fokus sich auf Jessie richtet, die die unruhige Position des Zuschauers einnimmt. Mit dem Eintreffen des zweiten Pärchens wird die Sache dann langsam besser, allerdings ist man da schon eine gute halbe Stunde dabei und wird langsam ungeduldig. Dazu klimpert die ganze Zeit ein vollkommen belangloser Folklore-Soundtrack von Alfonso Vilallonga und schläfert zusätzlich die Spannung ein.

Doch der Plot läßt noch eine Weile auf sich warten, obwohl man pflichtschuldigst davon ausgehen kann, daß der Spanier die Amis zum indirekten Drogenschmuggel mißbrauchen wird, spielt Anderson erst die normale sexuelle Bedrohungskarte aus und setzt reihenweise roten Heringe in einem Meer aus Offensichtlichkeiten.
Spätestens wenn Roy dann bei einem Aufenthalt verschwindet und man ihn zuletzt mit Carlos, der gerade eine Eisenstange in der Hand hielt, gesehen hat, weiß man, wohin man geführt werden soll, doch so einfach wird es nicht werden – und so ist es dann auch.

Bei nächsten Halt, wo man auf den verschollenen Ray warten will, nimmt die Handlung eine neue Wende, ein kurzer Fotoausflug zu einer abgelegenen Kirche führt zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung und der Drogenschmuggel wird zu einem erschwerenden Nebenprodukt in einer Reise in den Schrecken, denn statt des unsicheren Multi-Kulti-Paares hat man plötzlich den Drogenpolizisten Grinko (Bombenrolle für Ben Kingsley) im Abteil.

Also soll die allgemeine Verunsicherung den Zuschauer mitreißen, doch das Offensichtliche, das sich dann als falsch erweist, brüskiert die Zuschauer mehr, als das es sie überraschen könnte, die Drogenstory wird lauwarm in Szene gesetzt und als die Kacke dann wirklich am Dampfen ist, versteht der Zuschauer nach und nach die Welt nicht mehr, denn ausgerechnet die schwer belastete Jessie kämpft mit den jüngsten Ereignissen und schweigt sich hartnäckig in eine immer ausweglosere Situation hinein, obwohl sie eigentlich dazu überhaupt keinen Grund hätte und sich aus ihren Erlebnissen problemlos herausargumentieren könnte.

Emily Mortimer leistet dennoch erfreuliche Schwerstarbeit als geplagte Jessie und das rettet den Film noch am ehesten vor dem Abgrund der vorzeitlichen Langeweile, ist doch Woody Harrelson als eisenbahnverliebter Biedertrottel eine glatte Fehlbesetzung, es bedarf nun mal keines bekannten Darstellers, der gern mimisch chargiert, um ihn dann einen faden Langweiler spielen zu lassen. Wenigstens Eduardo Noriega als Carlos verdient das Prädikat „sympathisch und bedrohlich“ und läßt den Zuschauer ein wenig miträtseln ob seiner Motive.

Doch bis der Film wirklich in Fahrt kommt, vergeht zu viel Zeit, nur die letzte halbe Stunde hat das nötige Tempo und dann wirken die Versuche Jessies, der Falle zu entgehen, zunehmend enervierend. Geht es dann richtig zur Sache, wird der Suspense auch noch zuungunsten einer hostel-esken Hollywooddramaturgie mit der Mafia fallengelassen und der sowieso schon recht fremdkulturenfeindlich eingestellte Film (die Russen wirken alle kantig, robust, bedrohlich, unterschwellig kalt oder unfreundlich) rutscht total in ein US-Touristen-Trauma ab.

Den letzten Zahn zieht sich der Film dann beim unnötig actionbepackten Showdown und einer finalen Szene in der amerikanischen Botschaft, die auch noch verlogen die letzten moralischen Zweifel von Jessies Charakter mittels einer Personalakte absichert, eine fast schon widerliche Abrundung des Gezeigten. In Amerika wäre das nicht passiert.

Als gestraffter 90-Minüter hätte das alles einen passablen Thriller abgegeben, aber so landschaftsverliebt und getragen, wie Anderson sein Skript in Bilder umsetzt, sind weder die Thrillerfans, noch die Dramainteressierten am Ende zufrieden, zu viele Klischees und bekannte Konstellationen nagen am Interesse und das alles in endet in einem unausgegorenen Hickhack, an das man sich nicht unbedingt mit Begeisterung noch erinnern mag.
Vielleicht sollte der Film nicht vordergründig wirken und das Publikum überraschen, doch dafür ist er schwerlich innovativ genug, sondern greift auf das zurück, was zuletzt öfters schon ein Modemerkmal gewesen ist, die Furcht vor den unzivilisierten Osteuropäern und Asiaten. Hier und da bricht zwar mal die Sonne durch die Wolken (die Sequenz an der Kirche), aber eine zwingende Spannungskurve bringt der Film einfach nicht zustande und wird so wohl als Nischenprodukt baldigst in Richtung DVD weitergereicht und darf hier und da das Nachtprogramm veredeln, wo so sperrige Zwischen-den-Stühlen-Ware doch ganz gern gesehen wird. (4/10)

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