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Wenn ein Franzose wie Bertrand Tavernier in den Südstaaten der USA einen Krimi inszeniert, kann man davon ausgehen, daß man keine gradlinige Thrillerkost präsentiert bekommt - im Falle von "In the Electric Mist" jedoch zeigte sich sogar die etablierte Filmkritik ein bißchen irritiert bis ratlos, was sie mit dem fertigen Film anfangen sollte.
Zwar an vielen Fronten als persönliches Werk gelobt, hat man mit der Rezeption dennoch so seine Probleme, denn der Film zeigt verschiedene Einflüsse aus mehreren Welten, ohne sie schlüssig zu einem signifikanten Ganzen zu verschmelzen und teilt so die Zuschauer automatisch in zwei Lager - und selbst die Befürworter und Ablehner haben so ihre Schwierigkeiten damit zu erklären, was ihnen daran ge- oder mißfällt.

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist eine Mordserie an Frauen mitten in Louisiana, in einer eher ländlichen Gegend, in der sich ein Cop und Ex-Alkoholiker mit der Beharrlichkeit eines Ermittlers aus den Werken des "film noir" und der Lakonie eines echten Südstaatlers daran macht, den Täter zu finden, obwohl scheinbar niemand den Taten wirklich intensive Beachtung zu schenken scheint.
Tommy Lee Jones knorriges und windschiefes Beißergesicht, daß den Film in wirklich jeder Szene dominiert (die ganze Geschichte wird ausschließlich aus seiner Sicht der Ermittlungen erzählt), arbeitet sich ruhig und unnachgiebig, wenn auch über sich selbst verwundert an diesem Fall ab, der sich mit jedem Tag als komplizierter und gefährlicher erweist.
Eine wirklich typische Fallentwicklung findet aber nicht statt, denn wie filmgeschichtliche Verweise mischen sich immer neue seltsame Figuren in die Geschichte: ein Hollywoodstar mit Alkoholproblem und seine gebeutelte Freundin, ein dubioser Finanzier mit starker Halbweltaffinität (sprich: Gangsterboß), der aus der tarantinoesken Phase importiert scheint, farbige Lokalgrößen und lokale Farbige, die in einen viele Jahre zurückliegenden Mord an einen Schwarzen verwickelt sind, der nebenbei behandelt wird; die übergeordneten Behörden, Jones eigene Familie und als Krönung noch ein seit 140 Jahren toter Südstaatengeneral, der als geisterhafter Ratgeber und Mentor durch den Morgennebel wandert.

Das funktioniert natürlich alles nur bedingt: der Film folgt weniger typischen Genreerwartungen, als vielmehr verschiedenen Figurenschattierungen, die einen Einfluß auf das Verständnis der Situation haben - und daraus entwickeln sich dann immer mal wieder Impulse für die Cop-sucht-Mörder-Handlung, die man lässig nebenbei behandelt.
Tavernier arbeitet nicht zwingend, sondern versucht sich ein bißchen philosophisch, dippt ins französische Kopfkino und albert dann immer mal wieder herum, wenn John Goodmans aufgeblasener Mobster im Bild ist, bis immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, überraschende Gewaltausbrüche und brutale Morde über den Zuschauer hereinbrechen.
Die Kunst dabei ist, dem Plot zu folgen und nebenbei zu enträtseln, was man mit dieser Fülle an Motiven und Visualisierungen anfangen soll, denn allein die Komplexität und Tragik des Falls hätten schon als Thrillerdrama längst ausgereicht, ohne daß man noch eine Metaebene über den eh erzählenden Handelnden einschieben müßte.

Dabei sind weniger Klischees, dafür mehr Lokalkolorit und Land wie Leute am Start, was jedoch den roten Faden immer wieder zerfasern läßt, bis das Voiceover alles wieder zusammenführt, notgedrungen wie ein Memorierungsprozeß, den das Publikum mit dem Ermittler durchmachen muß, allerdings ohne den beißend finsteren Witz typischer "privat eyes" des Hollywoodkinos der 40er, sonder nur mit einem staubtrockenen Augenzwinkern.

Heißt soviel wie: "In the Electric Mist" ist kein mißlungener Film, sondern eher ein Werk eines Fremden im fremden Land, das man studieren muß, um die vielen Lagen und Schichten schätzen zu lernen, ohne daß man sicher sein kann, daß es dazu auch eine erschöpfende Erklärung oder eine übergeordnete Botschaft dazu gibt - auf halben Weg zwischen Kunst und reiner Unterhaltung gestrandet - wie die Bevölkerung von Louisiana nach dem großen Hurricane, der hier als Menetekel noch gar nicht lang zurückliegt. Wäre es keine Mordermittlung, es wäre ein bizarrer Ausflug in ein innerlich wie äußerlich angegriffenes Land, daß unter der Oberfläche brodelt und kocht. (6,5/10)

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