IL MARE von Lee Hyeon-seung
Südkorea 2000
Lee Hyeon-seungs Fantasy-Romanze Il Mare gehört zu den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Aushängeschildern des kommerziellen südkoreanischen Kinos, wozu auch ein recht erfolgreiches US-Remake beigetragen haben dürfte, für das man mit Sandra Bullock und Keanu Reeves immerhin zwei Akteure aus der obersten Hollywood-Liga ins Rennen geschickt hat. Dankbarerweise ist hierzulande auch das Original publiziert worden und man kann sich ohne größeren Aufwand davon überzeugen, dass die überschäumende Begeisterung, die der Film bei Publikum und Kritik ausgelöst hat, vorwiegend dem Blick durch eine stark rosarot gefärbte Brille geschuldet zu sein scheint.
Am 21. Dezember 1999 zieht die junge Synchronsprecherin Kim Eun-joo, die bis dahin in einem architektonisch sehr eigenwilligen Haus unmittelbar am Meeresstrand gelebt hat, in eine Wohnung in der Stadt. Beim Verlassen des Strandhauses hinterlässt sie eine Weihnachtskarte im Briefkasten, auf der sie ihrem Nachmieter nicht nur ein frohes Fest wünscht, sondern ihn auch bittet, eventuell noch für sie eintreffende Post an ihre neue Adresse weiterzusenden. Außerdem weist sie darauf hin, dass die offensichtlich schwer entfernbaren Hundespuren im Eingangsbereich schon vor ihrem Einzug da waren und nicht durch ihr Verschulden entstanden sind.
Diese Nachricht findet der Ingenieur Han Seong-hyeon, als er das Haus bezieht, und sie ruft große Verwunderung bei ihm hervor. Er ist nämlich seltsamerweise überhaupt nicht Eun-joos Nachmieter, sondern vielmehr der Erstbewohner des gerade fertiggestellten Domizils. Da sich das Ganze im Dezember 1997 abspielt, hält er die Karte folgerichtig für einen Scherz oder einen merkwürdigen Irrtum. Kurz darauf jedoch läuft ihm ein kleiner Hund zu, wirft einen Farbtopf um, tapst durch die ausgelaufene Farbe und hinterlässt unübersehbare Spuren in der Nähe der Tür ...
Nun ahnt man, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Auch Seong-hyeon wird nachdenklich und beschließt, auf die seltsame Weihnachtskarte zu antworten. Einige Szenen später ist das Unglaubliche zur Gewissheit geworden: Eun-joo und Seong-hyeon können sich über die Grenzen der Zeit hinweg Briefe schreiben, wobei der Briefkasten vor dem Strandhaus als „Zeitmaschine" fungiert. Während sie nunmehr im Jahr 2000 angelangt ist, lebt er im Jahr 1998. Dem Genre des Films getreu verlieben sich die beiden gewissermaßen auf schriftliche Weise ineinander und suchen nach Wegen, auf denen sie zueinandergelangen können.
Die Grundidee von Il Mare ist reizvoll und originell. Freilich muss man sie bedingungslos als gegebenen märchenhaften Fakt akzeptieren und darf sich keine Sekunde lang mit der Suche nach einer Erklärung aufhalten - eine solche gibt es natürlich nicht einmal ansatzweise, weder im wahren Leben noch im vorliegenden Film. Wer diese Hürde genommen hat, erlebt eine sauber gespielte und in schönen Bildern festgehaltene Romanze, deren ungewöhnliche Ausgangssituation sie vorerst deutlich aus dem gestaltlosen Einerlei des Genres heraushebt. Irgendwann legt sich allerdings die anfängliche Begeisterung und man wird ein wenig empfänglicher für einige Unzulänglichkeiten, von denen der unbekümmerte Umgang mit den heraufbeschworenen Zeitparadoxen besonders ins Auge fällt.
Wer glaubt, mit dem Phänomen der Zeit spielen zu können, hat sich viel vorgenommen. Einerseits eröffnen sich ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten für kreative Ideen, andererseits zieht fast jede dieser Ideen eine Reihe schwer zu überblickender Konsequenzen und offener Fragen nach sich. Es ist nahezu unmöglich, in dieser Beziehung ein bis ins letzte Detail schlüssiges Konzept zu entwickeln. Daher muss man an einen Film, der sich eines solchen Grundgedankens bedient, zumindest einen fundamentalen Anspruch stellen: Die dargestellten Geschehnisse müssen so fesselnd und kurzweilig sein, dass der Zuschauer davon abgehalten wird, schon beim ersten Anschauen auf die Suche nach Logiklöchern zu gehen. Diesem Anspruch wird Il Mare nur bedingt gerecht. Der Film widmet sich ausschließlich der Romanze zwischen Eun-joo und Seong-hyeon. Diese hat aber außer dem Umstand, dass sie sich auf zwei verschiedenen Zeitebenen abspielt, nur wenig Bemerkenswertes zu bieten, was vor allem daran liegt, dass beide Charaktere ausgesprochen blass bleiben. Man erfährt auf recht schwerfällige Weise, dass sie gescheiterte Beziehungen hinter sich haben und wird Zeuge ihrer mitunter etwas plakativ in Szene gesetzten Einsamkeit. Während Eun-joo wenigstens noch ein soziales Umfeld gegönnt wird, welches hier und da für etwas Erhellung und Abwechslung sorgt, darf man dem weitgehend im Strandhaus isolierten Seong-hyeon immer wieder beim Ausleben seiner schwermütigen Stimmung zuschauen. Das ist auf Dauer ein wenig ermüdend und dem Interesse an seiner Person nicht gerade zuträglich.
Zudem entwickelt sich das Geschehen mitunter reichlich schleppend. Es gibt fraglos ein paar sehr schöne Ideen, aber auf diesen ruht sich der Film dann immer wieder viel zu lange aus. Bei einer Laufzeit von lediglich 92 Minuten führt das dazu, dass unter dem Strich nur wenig passiert, was wirklich von Bedeutung ist. Lee Hyeon-seung lässt sich viel Zeit für ruhige Bilder, oft vor dem Hintergrund des Meeres. Das ist prinzipiell überhaupt nichts Kritikwürdiges - im Gegenteil. Problematisch wird es nur, wenn diese Bilder nicht den Nerv des Zuschauers treffen. Mich persönlich haben sie nur selten in irgendeiner Weise gefangen genommen. Besonders das eigenartige Strandhaus empfand ich als kalt und abweisend. Da das exponierte Gebäude und weitläufige Küstenlandschaften die zentralen Schauplätze sind, fehlt dem Film auch weitgehend jede koreanische Identität. Dieser Umstand und die in mehrerlei Beziehung recht oberflächlich abgearbeitete Handlung lassen zunehmend jenen faden Beigeschmack aufkommen, der gewöhnlich den Fließbandprodukten amerikanischer Herkunft anhaftet.
Die letztgenannten Punkte unterliegen allerdings stark der subjektiven Wahrnehmung des Zuschauers. Es dürfte nicht wenige geben, welche gerade sie ganz anders empfinden und zu den großen Stärken des Films zählen. Deutlich objektiver lässt sich das Ende von Il Mare beurteilen - es ist zutiefst ärgerlich und nimmt dem Werk im Nachhinein noch viel von jener Faszination, die es bei allen Problemen doch immer wieder ausstrahlen kann. Ich will nicht zu viel verraten, aber die Entscheidung, dem Publikum ein tragisches, aber in jeder Beziehung konsequentes Ende vorzusetzen und es dann ohne jeden Grund, ohne jede sich nachvollziehbar aus der Handlung ergebende Logik wieder zurückzunehmen, ist eine der schlechtesten, die überhaupt denkbar sind. Wenn das der Versuch sein soll, die Zuschauer kurz vor Schluss noch einmal auf eine rasende emotionale Achterbahnfahrt zu schicken, dann ist er ziemlich plump geraten. Wenn dagegen einfach der Mut gefehlt hat, es beim ersten Ende zu belassen (welches für koreanische Verhältnisse gar nicht so ungewöhnlich gewesen wäre), dann hätte man besser daran getan, ganz darauf zu verzichten und sich von vornherein an jenem Teil des Publikums zu orientieren, der es gern etwas seichter hat. Übrigens werden bei der letztlich gewählten Variante die Probleme mit den Zeitparadoxen noch einmal besonders augenfällig (kleiner SPOILER): Wenn sich Seong-hyeon bei Eun-joo meldet, bevor sie ihre Weihnachtskarte in den Briefkasten steckt, kann doch all das, was man fast neunzig Minuten lang gesehen hat, gar nicht passiert sein - jedenfalls nicht so wie gezeigt. Vielleicht fühlen sich Rätselfreunde und passionierte Zeitschleifen-Grübler davon herausgefordert. Das Ende von Il Mare im Sinne von Hugh Everetts Viele-Welten-Theorie (Entstehung von Paralleluniversen bei der Beobachtung von Quantenprozessen beziehungsweise hier bei alternativen Handlungsverläufen) zu interpretieren, wie es manch ratloser Betrachter schon getan hat, geht allerdings etwas zu weit. So dürfte es Lee Hyeon-seung bei einer nüchternen Einschätzung seiner Zielgruppe nicht gemeint haben. Ohnehin gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass hier zwei Enden gleichwertig nebeneinanderstehen. Es gibt genau eins, und das ist billig und gleichbedeutend mit dem endgültigen Abstieg in die Niederungen des Kitsches. Zu diesem trägt übrigens auch der Score bei, der in den letzten Szenen alle Zurückhaltung aufgibt und fast unerträglich klebrig wird.
Den Schauspielern kann man nichts vorwerfen. Lee Jung-jae als Seong-hyeon ist zumindest nicht blasser als seine Rolle und Jeon Ji-hyeon (das spätere Sassy Girl) bietet als Eun-joo eine tadellose Vorstellung, welche ihr den Weg zu einer überaus respektablen Karriere bahnte. Sie allein dürfte dafür verantwortlich sein, dass sich diese deutlich überzuckerte Romanze auch und gerade beim männlichen Publikum einer ganz erstaunlichen Beliebtheit erfreut.
Interessanterweise erschien im gleichen Jahr in Südkorea mit Ditto ein Film, der ein ganz ähnlich gelagertes Konzept hat und Lee Hyeon-seungs Il Mare in fast allen Belangen überlegen ist. Er umfasst ein wesentlich breiteres Handlungsspektrum, welches auch die gesellschaftlichen Turbulenzen kurz vor dem Ende der Park-Diktatur im Jahr 1979 anreißt, bemüht sich etwas mehr um die Konsequenzen, die sich aus den verschiedenen Zeitebenen ergeben (glanzvolle Lösungen werden auch hier nicht geboten, aber man zeigt wenigstens, dass man an sie gedacht hat) und behält seine feine Melancholie bis zum gelungenen und stimmigen Ende bei. Überdies ist er mit Kim Ha-neul, Yoo Ji-tae und Ha Ji-won auch erstklassig besetzt, weshalb er hier ganz am Rande ausdrücklich empfohlen werden soll.
Fazit: Südkoreas Vorzeige-Romanze Il Mare wird dem ausgezeichneten Ruf, den sie genießt, nur sehr eingeschränkt gerecht. Der Film wirkt über weite Strecken wie ein Hollywoodstreifen mit koreanischen Schauspielern und reißt mit einem völlig misslungenen Ende alles ein, was er durch originelle Ideen, gute Schauspielerleistungen und eine hochästhetische Bildsprache mühsam aufgebaut hat. Da bis zu diesem Zeitpunkt durchaus die Chance bestand, statt passabler Durchschnittsware wirklich ergreifendes Kino vorzulegen, ist der eingeschlagene Weg umso enttäuschender.
5.5 von 10 Punkten