„Schon wieder ein Ost-Film? Muss das sein?“, paraphrasiert Regisseur Christian Schwochow das, was viele Kinogänger beim ersten Blick auf seinen Film Novemberkind wohl denken mögen. Neben Regisseur Schwochow reichten auch Produzent Matthias Adler und Kameramann Frank Lamm den eineinhalbstündigen Beitrag als Diplomfilm bei ihrer Ausbildungsstätte (Filmakademie Ludwigsburg, d. Red.) ein. Ähnlich wie Mein Freund aus Faro war Novemberkind – der während der Produktionsphase noch „Novemberlicht“ hieß – beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis vertreten und wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Letztlich lässt sich sagen, dass dies durchaus gerechtfertigt ist. Zudem gelang es Adler mit Schauspielern wie Anna Maria Mühe (Was nützt die Liebe in Gedanken), Juliane Köhler (Nirgendwo in Afrika) und Ulrich Matthes (gab den Goebbels in Der Untergang) etablierte deutsche Schauspieler zu gewinnen und somit seinem Film zusätzlich Professionalität mitzugeben. Das Drehbuch, welches Schwochow gemeinsam mit seiner Mutter Heide verfasst hat, basiert dabei teilweise auf eigenen Erfahrungen. Entgegen der Befürchtung einiger Zuschauer, gehört Novemberkind nicht zu jenen monopolartigen deutschen Filmen, die sich ausschließlich mit Nationalsozialismus oder DDR auseinander setzen können. Vielmehr ist es erfrischender Coming-of-Age-Film über eine junge Frau ohne Identität.
Die Bibliothekarin Inga (Anna Maria Mühe) lebt in einem kleinen mecklenburgischen Dorf. Ihren Vater hat sie nie Kennen gelernt. „Wahrscheinlich war er Mutter zu peinlich“, vermutet sie. Ihre Mutter Anne sei, so erzählten es ihr die Großeltern, bei einem Badeurlaub ums Leben gekommen. Doch eine Waise ist Inga dem eigenen Verständnis nach nicht. „Ich habe Eltern. Die heißen Oma und Opa“, erklärt sie bestimmt. Doch Ingas Idylle beginnt erstmalig zu bröckeln, als ihre beste Freundin Steffi (Christina Drechsler) wegzieht. Fortan ist Inga auf sich alleine gestellt und scheinbar in ihrem Alltag gefangen. Da ihr Großvater (Hermann Beyer) langsam bettlägerig wird und Ingas Großmutter (Christine Schorn) sich nicht mehr allein um ihn kümmern kann, ist Ingas Rückzug ins „elterliche“ Haus mehr als wahrscheinlich. Aus den Fugen gerät ihr Leben endgültig, als der fremde Robert (Ulrich Matthes) sie aufsucht. Die scheinbar zufällige Bekanntschaft hat tiefer greifende Ursachen. Robert erzählt Inga er sei Literaturprofessor in Konstanz. Vor zwanzig Jahren wäre eine aus Ostdeutschland stammende Studentin namens Anne bei ihm gewesen, die es sich nie verziehen hat, ihr Kind im Osten gelassen zu haben. Allmählich erschließt sich Inga ihre Kindheit und die betrübende Wahrheit um ihre Mutter. Aus Liebe zu einem sowjetischen Deserteur war sie einst über die Grenze geflohen. Roberts Offenbarung bringt Inga nachvollziehbar durcheinander. Von einer Waise unglücklicher Umstände wird sie auf einmal zum sozialen Pflegefall. Zum verstoßenen Kind. „Sie hätte glücklich Hundert werden können“, urteilt Robert im Laufe des Filmes. Während Inga sich gemeinsam mit Robert auf die Spuren ihrer Mutter begibt, verfolgt der Literaturprofessor eigene Ziele.
Schwochows Entscheidung, sowohl Mutter als auch Tochter von Mühe spielen zu lassen (selbst wenn sich diese im selben Alter befinden), wirkt durch seine Untermauerung, das Publikum nicht verwirren zu wollen, wenig glaubwürdig. Mühe tut sich auch sichtlich schwer, in die Rolle der Anne zu schlüpfen, was mitunter daran liegen kann, dass diese wenig Tiefe und Platz innerhalb des Filmes erhält. Dennoch erfüllt die Doppelbesetzung zumindest innerhalb der Geschichte ihren Zweck, wenn Weggefährten Inga begegnen und ihre Mutter wieder erkennen. Ohnehin sind es die Rückblenden, die den Film als Independent-Projekt „bloßstellen“. Über Farbfilter versucht Lamm den Flair der achtziger wiederzubeleben. Dass dies gelingt verdankt sich letztlich eher der musikalischen Untermalung von Daniel Sus. Stets zum richtigen Zeitpunkt setzt seine Komposition ein und verleiht dem Film dabei gar eine eigene narrative Kraft. Da sich neben Mühe auch Ilja Pletner in der Rolle des jungen Deserteurs schwer tut, sind die Rückblenden fraglos der Schwachpunkt des Diplomfilmes. Es ist jedoch jener Status, der den Zuschauer gegenüber dieser Makel etwas gnädig stimmen lässt. Bedenkt man seine Mittel und die Erfahrung seiner jungen Macher ist Novemberkind ein überaus gelungener Film, der sich gegenüber Eichinger-Produktionen nicht zu verstecken braucht.
Gerade durch die etwas schwächeren Rückblenden tritt die Stärke der Gegenwartspassage besonders hervor. Mühe beeindruckt in der Rolle der jungen Inga, der plötzlich ihre Identität geraubt wird. Die junge Schauspielerin zeigt hier durchgängig, weshalb sich Schwochow noch vor Beenden der finalen Drehbuchfassung auf sie als Inga festgelegt hat. Aus der Masse an (unter-)durchschnittlichen deutschen Filmen hebt sich Novemberkind nun gerade deswegen empor, da seine Geschichte einen sympathischen, anti-deutschen Charakter besitzt. Schwochow erschafft eine Selbstfindungsgeschichte von internationaler Stärke, ganz ohne den Beigeschmack üblicher deutscher Filme. Hier macht sich die westliche Orientierung der baden-württembergischen Filmakademie vielleicht doch bezahlt, denn entgegen anderer Filme wie „Die Welle“ ist Novemberkind nicht explizit „Deutsch“ von seiner Art her, sondern weitaus zugänglicher. Dass die Handlung im Nachhinein weit weniger verschachtelt ist, wie sie eigentlich hätte sein müssen, stört da kaum noch. Bei seinem Debütfilm verzeiht man es Schwochow, dass er einige Figuren einführt, die keinen Zweck erfüllen und andere dafür ab einem gewissen Zeitpunkt aus dem Blickfeld verliert, die noch etwas hätten beitragen können. Seine Bemühungen jene Geschichte auf eine durchaus authentische und ehrliche Art und Weise dem Publikum zu präsentieren lassen viel erhoffen von dem geborenen Ostdeutschen. Novemberkind stellt von seiner Thematik her die „Frage nach dem richtigen Leben im Falschen. Und diese Frage ist nicht an die DDR und ihr Danach gebunden. Deshalb ist Novemberkind kein Ostfilm geworden“, erläutert Schwochow und hat damit durchaus Recht. Denn selbst wenn die DDR ein Teil des Filmes ist, behandelt der Film nicht die DDR. Novemberkind ist damit einer der besten deutschen Filme des Jahres und von den Machern selbst wird man sicherlich noch einmal hören.