Der amerikanische Geschichtslehrer Ron Jones führte 1967 an der Highschool im kalifornischen Palo Alto ein Experiment mit seinen Schülern durch, da er die Frage eines Schülers zum Thema Nationalsozialismus nicht beantworten konnte: „Wie konnten die Deutschen vorgeben, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben?". Er hielt seine Schüler fortan dazu an, diszipliniertes Verhalten an den Tag zu legen und formierte mit ihnen eine Gemeinschaft namens „The Third Wave". Alsbald geriet dieses Experiment jedoch außer Kontrolle, als andere Schüler ausgegrenzt oder zusammen geschlagen wurden und es musste abgebrochen werden.
Auf diesen realen Ereignissen basiert ebenso wie der US-amerikanische Fernsehfilm von 1981 und das auf jenem Skript beruhende gleichnamige Buch von Todd Strasser (veröffentlicht unter seinem Pseudonym Morton Rhue) auch der Film Die Welle mit Jürgen Vogel, der hier in die Rolle des Lehrers schlüpfte. Als ehemaliger Hausbesetzer unterrichtet der Lehrer Rainer Wenger, den seine Schüler duzen dürfen, am Gymnasium Politik und Sport und bekommt während einer Projektwoche das Thema „Autokratie" zugewiesen. Bei dieser Regierungsform liegt die uneingeschränkte Staatsgewalt in der Hand eines einzelnen Herrschers oder einer Gruppe.
Um den anfangs extrem ablehnenden Schülern zu zeigen, dass die Errichtung einer Autokratie auch heute, in unserer „aufgeklärten" Gesellschaft (wie es ein Schüler nennt) möglich ist, startet Rainer für die Dauer der Projektwoche ein stufenhaftes Experiment, welches zusehends die Eigenschaften einer Autokratie zusammen fügt. Es beginnt mit dem Grundsatz „Macht durch Disziplin": die Schüler müssen ihren Lehrer siezen und aufstehen, wenn sie etwas sagen wollen. „Macht durch Gemeinschaft" (gegenseitiges Helfen und uniforme Kleidung) und „Macht durch Handeln" folgen und die Gruppe entwickelt zusehends eine Eigendynamik, die Rainers Kontrolle zusehends entgleitet. Es kommt zu Anfeindungen, Ausgrenzungen und schließlich Gewalt...
Regisseur Dennis Gansel widmete sich mit Napola - Elite für den Führer 2004 bereits einer brisanten Thematik um ein beinahe vergessenes Kapitel deutscher Geschichte. Mit Die Welle knüpft er an diesen, seinem letzten Film, nahtlos an, indem er der Frage nachgeht, inwiefern sich das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte in der Gegenwart wiederholen kann, wenn auch nur ähnliche Voraussetzungen gegeben sind. Der Nationalsozialismus entfaltete seine Macht durch die Demonstration von Einheitlichkeit und einer starken, charismatischen Führerfigur, die gemeinhin akzeptiert wurde. Gründer der „Welle" ist hier der unkonventionelle Lehrer Rainer, der gerade durch sein Hierarchie verachtendes Kumpel-Image als positive Identifikationsfigur und Autorität unter seinen Schülern gemocht und akzeptiert wird. Der Alt-68er-Lehrer als Hitler des frühen 21. Jahrhunderts, könnte man überspitzt behaupten.
Dies ist die Stärke von Die Welle: sein Subtext um fatalen Gehorsam und extreme Autorität, der immer mitschwingt und ständig ein beklemmendes Gefühl beim Zuschauer hinterlässt. Besonders als Lehrer Wenger gegen Ende des Films die Aula der Schule betritt, die uniforme Masse ihn mit dem gemeinsam ersonnenen Zeichen grüßt und er daraufhin populistisch die Probleme der Globalisierung proklamiert mit der Parole, „die Welle" müsse sich weiter ausbreiten und dieser Entwicklung entgegen wirken, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Ist die Jugend so orientierungslos und undiszipliniert, dass sie erst eine starke Persönlichkeit und strenge Autorität braucht, welche sie auf den „richtigen Weg" bringt? Kann man nur im Kollektiv etwas bewegen? Gleich zu Beginn des Films wird man Zeuge eines misslingenden Dürrenmatt-Theaterstücks, wo keine Disziplin herrscht, Zeuge des Trainings der Wasserballmannschaft (unter Leitung von Lehrer Wenger), wo Egoismus zur Niederlage führt. In beiden Fällen müsste also die bedenkliche Antwort lauten: „Ja.".
Allerdings geraten die (offensichtlichen) Parallelen zur Nazi-Diktatur zu gewollt: Wenn die gegen „Die Welle" opponierende Karo (Jennifer Ulrich, Die Wolke) in der Schwimmhalle bei einem Wasserballspiel Flugblätter verteilt, erinnert das doch allzu sehr an NS-Widerständlerin Sophie Scholl; wenn der sich anbiedernde, nach Anschluss suchende Tim (Frederick Lau, ab Mai in Freischwimmer im Kino zu sehen) sich Rainer als Beschützer anbietet, fühlt man sich zwangsläufig an Hitlers Leibgarde, die SS erinnert.
Darüber hinaus fällt eine doch arg eindimensionale, holzschnittartige Zeichnung der Charaktere auf, was allerdings ein notwendiges Übel zum Fortgang der Handlung darstellt. Allen voran der extreme Mitläufer Tim, der Klischee-Außenseiter schlechthin; die idealistische Karo; die übermäßig kritische Intellektuellen-Schülerin Mona (Amelie Kiefer) inklusive Dreadlocks; der Klassenclown Ferdi; der sich arrangierende, aber später nachdenkende Sportler Marco (Max Riemelt, schon in Napola dabei).
ACHTUNG: SPOILER!
Zudem ist das vorhersehbare Ende des Films zwar konsequent, aber letztlich doch etwas zu uneindeutig in seiner Aussage geraten. Sind konservative Unterrichtsmethoden, die an den Jugendlichen vorbei gehen und sie nicht interessieren letztendlich doch der Weisheit letzter Schluss? Führt ein gesundes Maß an Anarchie zwangsläufig zur Katastrophe? Es wirkt wie der noch fehlende moralische Zeigefinger, der noch einmal den Fatalismus der Konformität betonen muss und jeglichem eigenen Nachdenken des Zuschauers über das Geschehene entgegenwirkt.
SPOILER ENDE
Abgesehen davon kann Die Welle jedoch mit seiner beklemmenden Stimmung, suggestiver Spannung und einer coolen Optik überzeugen, welche die dem Film anhaftende Anarcho-Attitüde (beginnend bei gesprayten Credits über die stimmige, äußerst rockige Musikuntermalung bis hin zu teilweise extrem abgedunkelten Sequenzen) noch unterstützen. Ein lehrreicher, hoch interessanter und aufrüttelnder Film, der (nicht nur) Schülern auf unterhaltsamen, aber nicht gehaltlosem Wege Wissen vermittelt und mit guten Darstellerleistungen überzeugen kann (7/10).