Jürgen Vogel spielt einen Gymnasiallehrer, der mit seinen Schülern während der Projektwoche zum Thema Staatsformen ein Experiment durchführt, um diesen zu verdeutlichen, wie es zu einer totalitären Staatsform kommen kann. Das Experiment beginnt harmlos, die Gruppe "Die Welle" wird gegründet, die Schüler beschließen dieselbe Kleidung zu tragen und man entwickelt ein eigenes Zeichen, sowie einen speziellen Gruß. Als die Schüler die Organisation jedoch immer ernster nehmen und der Lehrer zunehmend die Kontrolle über seine Gruppe verliert, wird es gefährlich.
"Die Welle" ist eines der meistgelesenen Lektüren in deutschen Schulen und ist gerade deshalb sehr interessant, weil es auf einer wahren Begebenheit basiert, wobei das damalige Sozialexperiment "The Third Wave" schließlich abgebrochen wurde, bevor Schlimmeres passieren konnte und, weil es sehr anschaulich vermittelt, wie totalitäre, faschistische Systeme zustande kommen, funktionieren und aufrecht erhalten werden.
Im Endeffekt ist "Die Welle" bei Weitem kein perfekter Film, kein Meisterwerk und macht durchaus Fehler, aber ich glaube nicht, dass man etwas hätte besser machen können. Oft wurde kritisiert, der Film sei zu kurzweilig, man hätte der Entwicklung der Charaktere mehr Laufzeit eingestehen sollen und langsamer darstellen sollen, wie eine Gruppe Individualisten schließlich zu einer gefährlichen Organisation zusammenwächst, aber dies lässt sich leider nicht vermeiden, weil man damit die Zielgruppe, Schüler der achten oder neunten Klasse, aus den Augen verloren hätte und lediglich einen sperrigen, wenn auch sehr tiefsinnigen Film abgeliefert hätte, den Kritiker und Sozialkundelehrer dann aber gelobt hätten. Gerade weil "Die Welle" aber wie kaum ein anderes Werk darstellt, wie schnell sich auch in der heutigen Gesellschaft, trotz demokratischer, aufklärerischer Ideale eine Diktatur bilden kann, ist es in meinen Augen aber enorm wichtig, dass sich die Zielgruppe auch freiwillig auf den Film einlässt, was die hohen Besucherzahlen im Endeffekt auch beweisen, und, dass sie es nicht als sperriges, vielleicht sogar unverständliches Drama in der Schule von diversen Deutschlehrern aufgezwungen bekommen. Und der Spagat zwischen unterhaltsamen, spannenden Thriller und ambitionierten, vielschichtigen und interpretationswürdigem Drama wird alles in allem sehr galant gemeistert, mehr wäre meiner Meinung nach nicht drin gewesen.
Zunächst einmal funktioniert die Übertragung der Geschichte nach Deutschland ganz gut, wobei man sich krampfhaft bemüht, die Verhältnisse an deutschen Schulen realistisch darzustellen und die aktuelle Jugendkultur zu treffen, wobei die Versuche, Jugendsprache u.ä. mit einzubringen dabei teilweise etwas unbeholfen wirken, aber dies stört nur sekundär, denn ansonsten macht man bei der Story eigentlich alles richtig. Die Entwicklung der Schüler, die zugegebenermaßen etwas übertrieben und etwas zu schnell dargestellt wird, zeigt sehr anschaulich, wie schnell verschiedene Individuen zu einem kleinen Rädchen in einer Gruppierung werden. Dabei behält der Film einzelne Schüler im Auge und zeigt exemplarisch, welche Personen am ehesten für eine Beeinflussung dieser Art zugänglich sind. Da wären dann z.B. der Außenseiter, der nun endlich in eine Gemeinschaft integriert wird, oder die Willensschwachen, die einfach mit dem Strom schwimmen, sowie die, die nicht die Courage aufbringen, sich nicht zur Welle zu bekennen. Dabei wird auch aufgezeigt, wie schnell die Gruppe immer gewaltbereiter wird und schließlich zu einer echten Gefahr wird, wobei sich hier ein Projektmonat eher empfohlen hätte, als eine kurze Projektwoche, da es einfach zu schnell geht. Die, die den Mut aufbringen, sich gegen die Gruppe zu stellen, werden ausgeschlossen, die Funktionalität der faschistischen Bewegung, die ihr eigenes Zeichen, ihren eigenen Gruß und ihre eigene Kleidung entwickelt, wird erschreckend realistisch aufgezeigt. Teilweise werden hier etwas zu offensichtlich Verbindungen z.B. zum Nationalsozialismus oder zum Kommunismus hergestellt, so dürfte das Verständnis der Zielgruppe aber gewährleistet sein. Der Film lässt sich ohne weiteres auf jede faschistische Bewegung beziehen und wird seinem eigenen Anspruch damit auf jeden Fall gerecht.
Glücklicherweise wird die Verbindung zum Nationalsozialismus hier aber nicht mit aller Macht hergestellt, nur einmal kurz angeschnitten und dann durch die Schüler selbst verworfen, zumal man es als deutscher Schüler wirklich kaum noch höheren kann und die Thematik mittlerweile so oft behandelt wurde, dass eigentlich nichts Neues mehr kommen kann. Die Beweggründe des Lehrers für das Projekt, ob er nur seinen Kollegen zeigen will, dass er trotz seines eher schlechten Schulabschlusses der bessere Pädagoge ist, oder ob er es wirklich genießt, dass er seine jungen Schüler derart stark manipulieren kann, werden nicht ganz klar, müssen sie aber auch gar nicht, da er ansonsten sehr gut konstruiert ist und es um die eigentliche Bewegung und deren Auslöser und nicht um deren Anführer geht. Man mag der Story anlasten, das es zu schnell geht, dass sie zu offensichtlich Verbindungen zu faschistischen Bewegungen herstellt, oder, dass sie nicht noch weiter in die Tiefe geht, aber hier noch einmal der Hinweis: Es ist ein Film für Jugendliche!
Inszenatorisch gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Die Filmmusik besteht meist aus moderner Pop- und Rockmusik und ist alles in allem gut gewählt. Anfangs lässt sich Regisseur Dennis Gansel viel Zeit, um die Figuren vorzustellen, legt wert darauf, die Mitglieder unterschiedlicher ethnischer Gruppen und gesellschaftlicher Schichten zu zeigen und beginnt dann allmählich den Spannungsbogen zu steigern. Mit einem, vielleicht etwas zu hohem Erzähltempo zeigt er anschließend, wie die Mitglieder der Welle immer wieder einen Schritt weiter gehen und, wie sich immer mehr Schüler, selbst die, die nicht im entsprechenden Kurs sitzen, der Gruppe anschließen. Das Finale, das dem einen oder anderen etwas überdramatisiert erscheinen mag, hinterlässt dann durch seine schockierende Wirkung einen bleibenden Eindruck und gibt dem Zuschauer definitiv zu Denken und damit erfüllt der Film auf jeden Fall, was von ihm erwartet wird und findet einen guten Kompromiss zwischen einem attraktiven, unterhaltsamen Film für die Zielgruppe und einem interpretationswürdigen Drama. Damit ist dies die bisher beste Arbeit von Gansel, der den Stoff hervorragend auf die Leinwand bringt und, anders als bei vielen anderen deutschen Kinofilmen der Fall ist, zu keinem Zeitpunkt den Eindruck eines gehobenen TV-Films erweckt.
Auch darstellerisch bewegt sich der Film auf hohem Niveau. Jürgen Vogel zeigt einmal mehr, dass er einer der besten deutschen Darsteller ist und spielt die Rolle des charismatischen und sympathischen Lehrers, dem seine eigene Schöpfung so allmählich aus den Händen gleitet, hervorragend und legt ein sehr intensives Spiel mit hoher Präsenz an den Tag, wie man es von den echten Führern faschistischer Gruppierungen kennt. Die Schüler werden ebenfall stark gespielt, dutzende junge, deutsche Talente zeigen, hier, was sie so auf dem Kasten haben, wobei mir vor allem Frederick Lau mit seiner beängstigend guten Darstellung des psychisch labilen Schülers, der zum glühenden Mitglied der Bewegung wird, sehr gut gefallen hat. Christiane Paul spielt gewohnt überzeugend, steckt aber in einer potentiallosen Nebenrolle und auch der übrige Cast weiß zu gefallen.
Fazit:
Der schmale Grat zwischen einem unterhaltsamen, schnell erzählten und spannenden Thriller-Drama, das die Zielgruppe durchaus ansprechen wird, und einem interpretationswürdigen, vielschichtigen Drama, das sehr gut exemplarisch darstellt, wie es zu einer faschistischen Bewegung kommen kann, ist geglückt, auch wenn es kleinere Kritikpunkte gibt, und damit erfüllt "Die Welle" ihren Zweck. Hinzu kommt noch der hervorragende Cast, in dem vor allem Jürgen Vogel und Frederick Lau ganz groß aufspielen, sowie die routinierte Inszenierung, die "Die Welle" zu einem der besten deutschen Filme seit der Jahrtausendwende machen.
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