1987 „Running Man" oder „Blut und Spiele in der Fake News-Arena" (Arnie Nr. 7)
Fake News, manipulierte Bilder und geschmacklose TV-Shows, die einzig und allein dem Diktat der Quote folgen. Da war ja „Running Man" geradezu prophetisch. Und das vor über 30 Jahren. Arnold Schwarzenegger und Science Fiction das passte einfach. Wie kaum ein Zweiter schaffte er es immer wieder Stoffe aufzutun, die Anspruch, Gesellschfaftskritik bis hin zu klugen philosophischen Exkursen mit brutalen Action-Schlachtplatten fusionierten. Nach „Terminator" und „Running Man" lieferte er dazu noch das schlagkräftige Trio „Total Recall", „Terminator 2" und „The 6th Day".
Der Plot spielt anno 2019, also nächstes Jahr. Als der Film in die Kinos kam, war die zynische Dystopie den meisten Zuschauern und Kritkern noch reichlich überzogen vorgekommen, inzwischen allerdings scheint das Gebotene gar nicht mal so abwegig. Im Kern geht es um einen lupenreinen TV-Straßenfeger, der seine Traumquoten durch eine maximale Konzentration auf Voyeurismus und Sensationsgeilheit einfährt. Das Konzept bedient schamlos die niedersten Instinkte und baut auf das todsichere Phänomen des Katastrophen-Gaffers. Dazu inszeniert der Sender eine blutige Menschenjagd, bei der die unfreiwilligen Delinquenten durch eine Art Hindernisparkour ums nackte Überleben kämpfen. Mitleid kommt erst gar nicht groß auf, denn die Kandidaten sind allesamt Schwerverbrecher aus den staatlichen Hochsicherheitstrakten. Kommen sie durch, sind sie reich und frei, so jedenfalls die offzizielle Propaganda. Damit das möglichst selten gelingt, hat man ein paar monströse Killer-Typen auf der Gehaltsliste, die beim Fernsehpublikum Kultstatus gnießen. Ausgerüstet mit allerlei Spezialwaffen und wilden Kostümen werden sie frenetisch als moderne Arena-Gladiatoren bejubelt. Während der Show laufen heiße Wetten, welcher Star als nächstes eingreift bzw. wer die Opfer letztlich vor laufender Kamera ins Jenseits befördert. Alles live, alles in Farbe, alles ungeschnitten. Brot und Spiele fürs 21. Jahrhundert, ein Gore-Wetten dass? als Familien-Event der Zukunft.
Ursprünglich waren mal Christopher Reeve und später Don Johnson für die Titelrolle vorgesehen und ein deutlich philosophischer Ansatz geplant gewesen. Als Arnold Schwarzenegger schließlich zu dem Projekt stieß, waren solche Überlegungen natürlich schnell Makulatur. Nun hieß die Parole Action, Action und nochmals Action. Eine weise Entscheidung, denn „America´s Next Tophero" hatte sich mit dem Trio „Commando", „Raw Deal" und „Predator" gerade so richtig warm geschossen und dabei eine beachtliche Fangemeinde erballert. „Gib dem Mob nach was er verlangt!" ist also in doppelter Hinsicht das Motto von „Running Man". Ein Meta-Bonmot zum Zungeschnalzen.
Also griff Stephen E. de Souza erneut zur Feder und überarbeitete seinen Skript-Entwurf ein weiteres Mal, diesmal zugeschnitten auf Arnolds Astralkörper. Frei nach dem Motto „Kill the enemy and kill the dialogue!" programmierte er Ben Richards zur kompromisslosen Kampfmaschine um und komprimierte seinen Verbalausstoß auf ein strammes Paket knackiger Oneliner. De Souza konnte hier aus einem profunden Erfahrungsschatz schöpfen, schließlich hatte er dieszbezüglich ja schon bei „Commando" ganze Arbeit geleistet und Arnolds Leinwand-Persona erst so richtig von der Leine gelassen.
Für einen solchen Bullterier tun es natürlich keine gewöhnlichen Stöckchen. Da müssen schon ein paar ordentliche Kanten her, also legte De Souza auch da noch mal nach und stellte Arnold alias Ben Richards ein aufgedonnerstes Berserker-Quintett in den Weg. Deren grelle Kampfnamen werden nur noch von ihren schrillen Outfits übertroffen. Subzero (Charles Kalani, Jr.) ist ein japanischer Eishockey-Goalie mit einem zackigen Sensen-Stick. Buzzsaw (Gus Rehthwish) ist ein wasserstoffblonder Irrer, der per Bike und Motorsäge über seine Gegner herfällt. Dynamo (Erland Van Lidth) dagegen bezirzt die Bemitleidenswerten zunächst mit seinem donnernden Bariton und verzückt sie des weiteren mit seinem bunt blinkenden Starkstrom-Kostüm, bevor er sie dann schlussendlich mit mehreren tausend Volt grillt. Bei Fireball (Jim Brown) wiederum darf man sich von seiner Streifenhörnchenfrisur nicht täuschen lassen, denn der kommt da deutlich schneller zur Sache und gibt seinem gefräßigen Flammenwerfer großzügig Futter. Captain Freedom (Jessye Ventura) schließlich verdient sich in seiner killfreien Zeit ein paar Extrabrötchen mit einem eigenen Workout-Channel, sozusagen als Youtuber-Pionier. In der „Running-Man"-Show rennt er mit einem recht unhandlichen Brustkasten voller Stichwaffen durch die Gegend und ist sicher nicht völlig frustriert, wenn die übrigen vier sein Eingreifen überflüssig machen.
Besetzt wurden die fünf Helden mit ehemaligen Sportstars aus der Wrestling- (Kalani, Jr., Ventura, Van Lidth), Gewichtheber- (Rethwish) und Football- bzw Lacrosse-Szene (Jim Brown). Ventura nahm Arnie kurzerhand gleich vom „Predator"-Dreh mit, an den sich der von „Running Man" praktisch nahtlos anschloss. Die beiden Muskelmänner verstanden sich auf Anhieb prächtig und sollten wItzigerweise später auch beide erfolgreich in die Polit-Arena wechseln. Auch dort sollte Arnold der größere Star sein, immerhin regierte er als Gouvernor von Kalifornien für zwei Legislaturperioden den prestigesträchtigsten US-Staat. Ventura brachte es immerhin zu einer Amtszeit in Minnesota.
Ins Rennen geschickt werden die Show-Gladiatoren von Damon Killian, Host, Produzent und Star des von ihm konzipierten Quotenmonsters „The Running Man". Damon ist kamerageil, arrogant, sarkastisch und bis in die stets perfekt getrimmten Haarspitzen skrupellos ("Ja, ihr Jungs von der Justiz könnt nicht immer alles haben,. Ihr wollt Zuschauerraten, ihr wollt die Menschen reihenweise vor der Glotze statt Streikposten, das erreicht man nicht mit Wiederholungen von Gilligan's Island - Gilligan's Island - Ja, das ist der - Ja - Ja! das ist der eine mit dem Boot" ). Vor dem TV-Mob gibt er den jovialen, generösen und enthusiastischen Showmaster, hinter den Kulissen feuert er auch mal eine Putzkraft, wenn sie ihn versehntlich anrempelt: „Brenda, (Kilinas Sekretärin) wenn dieses Arschloch morgen noch den Boden putzt, dann putzt Du ihn den Rest Deines Lebens!". Für die entsprechende Quote ist er zu jeder Schandtat bereit, für Moral, Anstand und vor allem Mitgefühl hat er keinerlei Verwendung. Zu der diktatorischen Regierung pflegt er beste Beziehungen, schließlich braucht man sich gegenseitig. Damon liefert die bestmögliche Ablekung von den misslichen Lebensbedingungen und dafür bekommt er permanent Nachschub an Vebrechern und anderen unliebsamen Regierungsgegnern für seine Show. Das sensationslüsterne Publikum wähnt sich auf der richtigen Seite, schließlich werden hier ja nur ganz üble Gesellen gejagd, und Damon sorgt praktischerweise dafür, dass die Gefängnisse nicht überquellen und der kriminelle Abschaum nicht auch noch durchgefüttert werden muss. Eine Win-win-win-Konstellation also, verlieren können nur die „Running Man"-Kandidaten, aber immerhin haben selbst sie die Chance auf einen Sieg. So zumindest die offizielle Version, denn absolut niemand hat bisher den Mörder-Parcours überlebt. Der Öffentlichkeit wirft man hin und wieder ein paar bildmanipulierte Sieger-Photos hin, so kann man die Spannung und den Mitfieberanteil dauerhaft hoch halten.
Der britische Showmaster Richard Dawson (u.a. Match Game, Family Feud) spielt das suberb, man hasst Damon praktisch vom Fleck weg und amüsiert sich gleichzeitig über seinen ultimativen Zynismus. Er nimmt sich und seine ganze Berufsgruppe gnadenlos auf die Schippe und entlarvt die TV-Branche als selbstverliebtes Haifischbecken ohne einen Funken von Moral. Sicher ist „Running Man" in erster Linie ein Action-Spielwiese für Arnold, aber der böse gesellschfaftskritische Unterbau treibt den Fun-Faktor auf nicht unerhebliche Weise nach oben. Im Unterschied zu Rivale Stallone ist Arnold ja immer wieder in Filmen aufgetreten, die eben auch noch einen kritischen Blick auf politische, soziale, oder wissenschaftliche Misststände warfen. Atomare Bedrohung in den Terminator-Filmen, Kalter Krieg in „Red Heat", Gedanken- und Traummanipulation in „Total Recall", Klonen von Menschen ind „The 6th Day" oder eben mediale Massenmanipulation in „Running Man".
Der stetig wachsende Erfolg Mittte bis Ende der 80er Jahre hat aber auch viel damit zu tun, dass Schwarzenegger sich und seinem Kernpublikum, also uns, unbedingt treu blieb. Er stand in erster Linie für Action und die musste möglichst brutal sein. Viele seiner Filme bekamen für die deutschen Kinos einen FSK18-Stempel vepasst, mindestens aber FSK16, was Arnolds Kultstatus wesentlich beflügelte. „Running Man" passte da perfekt ins Bild, er ist sogar einer der wenigen Filme die bis heute nh nicht runtergestuft wurden. Es gibt aber auch wirklich ein paar derbe Szenen, angefangenen mit Richards Gefängnisausbruch, bei dem einem Mithäftling die elektronische Halsfessel den Kopf abreisst, bis hin zur Running Man-Show, in der er die Gladiatoren einen nach dem anderen auf äußerst blutige Weise aus dem Spiel nimmt. Die derben Oneliner nach dem jeweiligen Ableben gehören zu den meist Zitierten und sind von einem genüßlichen Zynismus, der seinerzeit die Tugendwächter auf die imaginnäre Palme brachte und damit natürlich erst Recht Arnolds Ruf als Action-Ikone zementierte. Dem zersägten Buzzsaw schickt er ein „Den gibts jetzt zweimal" hinterher, das unsanfte Ende Subzeros im Stacheldraht kommentiert er mit „Jetzt für immer zero!" und den eben gegrillten Fireball bemitleidet er mit „So ein Hitzkopf."
Bei so viel gewalttätigem Verbalfeuerwerk fällt es gar nicht so sehr ins Gewicht, dass die eigentliche Action nicht sonderlich spekatkulär und auch nicht sehr ausufernd ausfällt. Die einzig längere Sequenz ist der erwähnte Gefängnisausbruch, bei dem auch der Bodycount entsprechend ausfällt. Im Mittelteil bekommt es Richards ja lediglich mit Kilians Schlächter Truppe zu tun, die er zwar recht brutal, aber jeweils relativ kurz abserviert. Ansosnsten lebt der Film über wete Strecken von seinem flott erzählten Chase-Plot und dem bitterbösen dystopischen Szenario. So spielt Arnold einen Polizisten, der sich weigert auf aufständische Zivilisten zu schießen, nur um dann nach der von anderen durchgeführten Straffaktion als vermeintlich verantwortlicher Mörder im Knast zu landen. Dazu werden Filmaufnahmen manipuliert und Falschmeldungen in den Medien verbreitet. Das durch und durch korrupte Justizministerium wiederum verfügt über eine eigene Unterhaltunsgabteilung, deren größter Trumpf die besgate „Running Man"-Show ist.
All das hat mit Richard Bachmanns Romanvorlage (hinter dem wiederum Horror-Papst Stephen King steckte) nur noch Eckpunte gemein, was Spannung, Rasanz und Schauwerten aber keinerlei Abbruch tut. Autor De Souza schrieb an die fünf unterschiedliche Drehbuchfassungen, je nach dem gerade aktuellen Regie- und Hauptdarstellerduo, da kann man schon mal die ursprüngliche Geschichte aus den Augen verlieren. Abgesehen davon hätte das deutlich finsterere und nihilistischere Ende so gar nicht zu Arnolds inzwischen fest etablierter Leinwandpersona gepasst. Der Terminator sollte in dieser Hinsicht die große Ausnahme bleiben und selbst der ist bereits ab Teil zwei ein richtig dufter Typ. So wie eben auch Ben Richards.
„Running Man" war 1987 Arnolds zweiter Film binnen weniger Monate und hatte an der Kasse das Nachsehen gegenüber dem Hit „Predator". Ob es am zu kurzen Abstand, oder dem geringeren Actionanteil lag, ist letzlich müßig. Jedenfalls macht die Brachial-Variante des „Millionenspiels" auch dreißig Jahre später noch richtig Spaß, nicht nur wegen ihrer verblüffenden Aktualität. Selten war Zynismus unterhaltsamer, auch wenn auf Arnold ja noch ein gewisser Paul Verhoeven wartete. Aber das sollte ein völlig neues Spiel werden.
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Bad Ass Rating: 9/10 (gesprengte Köpfe, zersägte, erdrosselte und gegrillte Gegner sowie von oben angeordnter Massenmord an Zivilisten)
Muscle Posing Rating: 6/10 (vergleichsweise zahm, ein paar Feinripp-Einlagen, ansosnten regiert der hautenge, aber wenig Posing-feundliche Running Man-Jumpsuit)
Ähnlichster Stallone Film: „Demolition Man" (wesentlich humorvollere und unblutigere Dystopie, dafür ebenfalls mit dikatorischer Massenmanipulation)
Arnold mit Zigarre: Check / Arnold mit Bürste: Fehlanzeige / Arnold oben ohne: diesmal nur armfrei
Beste Oneliner: „Ich werde dich von Kopf bis Fuß ankotzen" (Richards Geisel Amber) „Kotz` so viel du willst, das kann man auf dem Hemd sowieso nicht sehen" (Richards); „Was ist mit Buzzsaw passiert?" (Amber) - "Den gibt"s jetzt zweimal!" (Richards); „Ich komme wieder" (Richards) - „Ja, aber nur auf Videocassette" (Kilian); „Weisst Du, wer ich bin Ben?" (Kilian) - „Ja, das Arschloch vom Fernsehen." (Richards); „Das ist Subzero. Jetzt für immer zero" (Richards);
Filmposter-Slogan: Fehlanzeige (eine Rarität), einen Text gab es nur auf der US-Version, dafür einen recht umfangreichen („It is the year 2019. „The Running Man" is a deadly game no one has ever survived. But ... Schwarzenegger has yet to play")