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„Crack – ist Koks für Arme!“

Nach „Zahn um Zahn“ aus dem Jahre 1985 folgte 1987 mit „Zabou“ der zweite Duisburger „Tatort“ um die Ermittler Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik), der auf die große Kinoleinwand ausgerichtet wurde und dort seine Premiere feierte. Die Regie führte erneut der Miterfinder dieser Duisburger Subreihe Hajo Gies, fürs Drehbuch zeichnen Martin Gies und Axel Götz verantwortlich.

„Ich bin vielleicht betrunken, aber ich bin doch nicht wahnsinnig!“

Schimanski und Thanner erwischen auf ihrem Streifzug gegen harte Drogen den Dealer Sandrowski (Ralf Richter, „Verlierer“) beim Crackverkauf. Sie verfolgen den Flüchtigen bis zu seiner Arbeitsstelle, dem anrüchigen Nachtclub „Sunflash“, in dem er sich als Hilfskoch verdingt. Zu seiner Überraschung trifft Schimanski dort seine ehemalige Ziehtochter Conny (Claudia Messner, „Die Zuhälterin“) aus der Zeit seiner Liaison mit ihrer Mutter wieder. Conny ist zu einer attraktiven jungen Frau gereift und nennt sich nun Zabou. Schimanski schwört sich, nicht nur zu beweisen, dass das „Sunflash“ als Drogenschleuse fungiert, sondern auch Conny aus diesem Milieu herauszuholen. Doch diese ist auf Schimmi nicht gut zu sprechen und wirft ihm vor, ihre Mutter und damit auch sie damals sitzengelassen zu haben. Mit seinen Ermittlungen hat Schimanski weit mehr Erfolg, woraufhin Hocks (Wolfram Berger, „Drei gegen drei“), Chef des Etablissements, Thanner zu bestechen versucht. Da dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt ist, stellt er Schimanski eine Falle – ausgerechnet mit Connys Hilfe: Sie arrangiert eine Aussprache Hocks mit Schimmi, in deren Zuge Schimanski niedergeschlagen wird, man ihm Alkohol injiziert und in ein Auto setzt, mit dem er durch Duisburg irrt und verunfallt. Als er benommen im Krankenhaus erwacht, wird er von Thanner verhaftet: Er soll Hocks erschossen haben…

„Sind die denn alle besoffen?!“

Natürlich wäre Schimanski nicht Schimanski, würde er sich nicht aus seiner Haft befreien und auf eigene Faust und unter vollem Körpereinsatz weiterermitteln. Zunächst jedoch zeigt dieser „Tatort“ Schwarzweißbilder einer Liebschaft und einer Art Familienglück Schimmis – damals noch ohne Schnurri –, wie sich herausstellen wird handelte es sich um die Beziehung zu Connys Mutter. Joe Cocker röhrt dazu sein schönes Rührstück „And Now You're Gone“, erhältlich auf 7“-Single mit ihm und George auf dem Cover. In Farbe fällt Schimmi dann wortwörtlich mit der Tür ins Haus, der Gejagte stürzt sich durchs geschlossene Fenster, jemand greift den Kommissar mit einem Messer an – Drogenrazzia in Duisburg. In die Küche des „Sunflash“ hat sich nicht nur der gewohnt schnoddrige Ralf Richter im stilvollen Venom-Shirt zurückgezogen, sondern auch Klaus Lage für einen Cameo als Koch hineingeschmuggelt.

„Leben wir noch oder sind wir schon über’n Jordan?“ – „Wir leben… leider!“

Jener Klaus Lage, dessen „Faust auf Faust“ (erhältlich auf 7“-Single mit ihm und George auf dem Cover) der formidable Titelsong des ersten Kino-Ausflugs Schimanskis war, war auch an der Musik zu „Zabou“ beteiligt: Seine Nummer „Nie wieder Kind“ wird in einer Instrumentalversion oder gesummt von den Figuren wiederholt auf der Tonspur aufgegriffen. Hört sich gut an. Das „Sunflash“ entpuppt sich als dekadente Nobeldisco mit angeschlossener Peepshow, aus der man Schimmi folgerichtig erst einmal herauswirft. Was soll’s, schleppt er sich eben eine junge Punkette mit LED-Ohrring ab. Abgeschleppt werden muss schließlich auch das Vehikel, an dessen Steuer man ihn, nicht mehr Herr seiner Sinne, nach einer zünftigen Hauerei mit den Übeltätern setzte und das eine Verfolgungsjagd mit der Polizei herausbeschwört, die man gesehen haben sollte: Nicht einmal spektakuläre Stunts beenden Schimmis Irrfahrt. Unglaublich!

„Überall, wo du hinkommst, gibt’s Tote!“

Seinen von Dieter Pfaff („Treffer“) gespielten Aufpasser hat Schimmi nach dem bösen Erwachen schnell übertölpelt, indem er seine männlichen Reize einsetzt. Klingt komisch? Ist so. In neuer Jacke gibt’s Action auf dem Großmarkt und eine Bootsverfolgungsjagd auf der Ruhr, die sich ebenfalls sehen und hören lassen kann: Zumindest in der TV-Fassung untermalen die Animals das rasante Treiben mit ihrem Hit „We Gotta Get Out Of This Place“. Neben all der kinoformatigen Action gelingt es „Zabou“ aber auch, ruhigere Töne anzuschlagen und sensibel das ambivalente Verhältnis Connys und Schimanskis zueinander zu thematisieren. Dass dieses in einem Bettverhältnis mündet, ist dann aber doch ein bisschen viel älterer Mann mit jüngsten Frauen auf einmal. Eine bessere Figur macht Schimmi, wenn er in Zeitlupe auf ein fahrendes Auto springt, das durch explodierende Fässer rast. Oder wenn er seine Dienstmarke für ein paar Groschen an ein kleines Mädchen verkauft, um telefonieren zu können. Hätte Thanner, der ihn zuvor wieder eingefangen hatte, das gesehen, er hätte mit Sicherheit einen erneuten Wutausbruch bekommen.

„Ich versohl‘ dir den Arsch!“

Als die Spur zu Hannes Jaenicke („Abwärts“) als aalglattem Firmenbesitzer Melting führt, überrascht „Zabou“ mit weiteren Wendungen und gewinnt zusätzlich an Härte; ein Leben ist in diesen Kreisen keinen Pfifferling wert. Kurios hingegen wird’s, wenn Conny während (!) ihrer Liveshow vor Publikum im „Sunflash“ Schimmi noch einmal ordentlich den Kopf wäscht. Und als man glaubt, der Fall sei gelöst, hat man die Rechnung ohne die bereits hinter der nächsten Ecke lauernden Wendung gemacht, die noch ein paar weitere Stunts in petto hat – wenngleich sie leider nicht mehr sonderlich glaubwürdig erscheint. Immerhin greift sie auf, was sich mehr oder weniger subtil durch diesen Film zieht: Wie schwer es geworden ist, jemanden wirklich zu durchschauen, einschätzen zu können, sich seiner Rolle in diesem Spiel sicher zu sein. Das finale findet in den überaus stylischen Kulissen einer Zisterne statt. Das sieht sogar derart beeindruckend aus, dass man sich fragt, weshalb nicht mehr viel mehr Finals in Zisternen stattfinden.

Leidtun kann einem jedoch einmal mehr Thanner, der, wie schon in „Zahn um Zahn“, auch in diesem Kino-„Tatort“ wieder eine etwas undankbare Rolle innehat, in der er nach dem ersten Drittel gar zum Gegenspieler Schimanskis wird und ihm (zum wiederholten Male innerhalb der Reihe) die Freundschaft kündigt. Zwischen Fisch-Splatter, ein paar barbusigen Frauen und omnipräsenter Sinalco-Cola (war die 1987 im Pott tatsächlich derart angesagt oder handelt es sich um gezielte Produktplatzierungen?) gewinnt „Zabou“ aus heutiger Sicht durch sein als nostalgisch empfundenes ‘80er-Zeitkolorit, punktet auch mit seinem coolen Rock-Soundtrack und ist unterm Strich ein sehenswerter und unterhaltsamer Action-Krimi mit Neo-Noir-Anleihen, dessen Drehbuch zum Ende hin in Sachen Wendungen etwas zu sehr die Gäule durchgingen.

Erwähnenswert sind noch die Unterschiede zwischen der Kino- und der Fernsehfassung: Die Musikstücke „Joey“ und „We Gotta Get Out Of This Place“ finden sich lediglich in letzterer, dafür wurde die TV-Version um ein paar Gewaltspitzen erleichtert.

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