Ralf König gilt seit Jahren als der wichtigste Chronist der deutschen Schulenszene und seine Comics mit den kultig gezeichneten Knollennasen-Protagonisten finden auch schon lange eine weite internationale Verbreitung. Kein Wunder wenn da die Filmindustrie von den zahlreichen Werken des Autors lassen könnte – den Anfang machte 1994 Sönke Wortmann und schuf mit „Der Bewegte Mann“ einen deutschen Komödien-Klassiker. Vorlage waren Königs Comic-Romane „Der Bewegte Mann“ und „Pretty Baby“, worin es der Autor einen typischen Hetero-Macker kurzzeitig in die Schwulenszene Düsseldorfs verschlagen lässt. Sönke Wortmann selbst schrieb das Drehbuch und verbindet die Handlungsstränge der beiden Comics wunderbar stimmig und übernimmt einen großen Teil der Dialoge direkt aus Königs Sprechblasen.
Dennoch war Ralf König nicht wirklich zufrieden mit der Adaption und es lässt sich leicht erkennen warum, zumindest wenn man die Vorlage kennt. Denn Wortmann hat geschickt fast sämtliche homo- bzw. bisexuellen Züge aus vielen Dialogen säuberlich entfernt, auch wenn nichts sinnentstellend hinzugefügt wurde. Gerade durch die Weglassung diverser Ein- und Zweideutigkeiten erreicht Wortmann einen wichtigen Punkt für den kommerziellen Erfolg des Films: er ändert die Sichtweise und lässt mögliche homosexuelle Züge des Hauptcharakters Axel nur ganz zaghaft an einigen vereinzelten Szenen erahnen. Im Comic wird es da schon eindeutiger, ein Beispiel dafür ist die Szene, in der Axel dem schwulen Norbert seine intime Tätowierung zeigt. Die Vorlage geht einen entscheidenden Schritt weiter und lässt Axel von einem homosexuellen Erlebnis berichten, vom Tätowierer hat er sich damals einen blasen lassen…
Betrachtet man den Film allerdings nicht anhand der literarischen Vorlage(n), bleibt kaum ein Manko zu bemerken und bis heute setzt „Der Bewegte Mann“ die Meßlatte für die deutsche Beziehungskomödie (ein in den 90ern bekanntlich sehr beliebtes Genre) ziemlich hoch. Schließlich agiert das Ensemble, gespickt mit etlichen nationalen Schauspiel-Größen, absolut geschlossen und überzeugend. Til Schweiger stellt sich als Bestbesetzung heraus und geht in seiner Rolle voll auf, wirkt jederzeit natürlich und trägt auch nie zu dick auf. Sowohl Axel (Til Schweiger) als Hetero-Macker als auch die homosexuellen Protagonisten wirken nie wie Abziehbilder sondern werden natürlich und authentisch gezeichnet. Weiterhin überzeugen Rufus Beck als schrille Schwuchtel Walter, dessen überzeichnete Art direkt dem Comic entspringt, als auch Joachim Krol als schüchterner Norbert. Krol ist stets eine gute Wahl für zerbrechliche und emotional zerrüttete Figuren und kann sich in „Der Bewegte Mann“ mal hemmungslos auslassen.
Ebenfalls denkwürdig ist Armin Rohde als „Metzger“ – denkwürdig und immer wieder komisch, Rohde punktet mit skurrilen Outfits und seiner grantigen Darstellung des wohl heterosexuellsten Homosexuellen den man sich so vorstellen kann…
Ganz so wie im Comic erscheinen auch hier die Frauenfiguren nur sporadisch und selbst Katja Riemann als weibliche Hauptdarstellerin (Axels Freundin Doro) hat verhältnismäßig wenig Präsenz. Martina Gedeck und Judith Reinartz sind nicht mehr als Randerscheinungen und haben fast gar keine Screentime – trotzdem bleibt anzumerken das die Damen allesamt überzeugen, auch wenn ihren Figuren und deren Gefühlsleben nur wenig wirkliche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dasselbe gilt für Antonia Lang als verführerische Elke Schmitt, brüllend komisch ist vor allem die letzte Szene in der Lang zu sehen ist.
Der Film verzichtet völlig auf Slapstick-Einlagen, auf überzogene Zoten und sexistische Plattheiten, schöpft seinen sprühenden Humor beinahe ausschließlich aus den geschliffenen Dialogen die vor treffsicherem Wortwitz nur so sprühen. Innerhalb der realistisch angelegten Handlung gibt es keine Durchhänger, Langweile kommt garantiert nicht auf. Auch am Ende wird der Zuschauer nicht mit dem üblichen Komödien-Showdown konfrontiert, keine aufgesetzte charakterliche Veränderung ist durch die Protagonisten gegangen und aus den Fehlern hat man nicht unbedingt gelernt. Schön, dass sich Wortmann hier nicht auf ein vorhersehbares und simpel gestricktes Finale verlassen hat und dem Ganzen zusätzlich die nötige emotionale Tiefe verleiht.
Stimmungsvoll ist auch die musikalische Untermalung, Max Raabe interpretiert mit ansprechender Orchester-Unterstützung wunderbar schmissige Evergreens im Stil der deutschen 20er-Jahre-Musik. Die tollen Coversongs ergänzen die atmosphärische Originalmusik von Torsten Breuer sehr gut und passen allesamt perfekt in den Film. Der Song „Kein Schwein ruft mich an“ entwickelt sich sogar als Single zum Hit.
Dem Film folgte übrigens eine grottenschlechte TV-Serie mit dem Titel „Bewegte Männer“ – diese „Fortsetzung“ bitte unbedingt vermeiden und gänzlich außer Acht lassen. Erstens spielt keiner mehr aus dem Original mit, zweitens hat das Ganze mit Ralf König nichts mehr zu tun und drittens (und ganz klar am schlimmsten): „Bewegte Männer“ ist – ganz im Gegensatz zum Kinofilm – nicht für zehn Cents lustig.
Fazit: Nach so hervorragenden Filmen wie „Allein unter Frauen“ oder „Kleine Haie“ erntete Wortmann mit „Der Bewegte Mann“ erstmals einen wirklich riesigen Erfolg und das völlig zu Recht. Nur König-Puristen werden sich an dem heteronormativen Blickwinkel des Films stören denn sowohl die Charakterzeichnung als auch das Drehbuch und die starke Schauspieler-Riege sind mehr als nah an der Vorlage. „Der Bewegte Mann“ ist eine deutsche Komödie von internationaler Klasse und überzeugt auch noch beim mehrmaligen Ansehen – mehr als nur eine unterhaltsame Komödie für zwischendurch, denn dieser Film hat richtig Klasse.
09 / 10