Samuel Fuller wusste, was er verfilmen wollte.
Selbst Kriegsteilnehmer des zweiten Weltkriegs an vorderster Front, kämpfte er jahrelang für sein Traumprojekt „The Big Red One“, musste jedoch bis 1980 warten, ehe der Film schließlich zur Aufführung kam. Und was aus dem opulenten dreistündigen Werk durch den Verleih wurde, sah der Urversion kaum mehr ähnlich, gerade mal zwei Stunden lang war die finale Fassung (in Deutschland wurde noch weiter auf 109 Minuten gekürzt).
Das an sich ist schon fast ein Verbrechen, denn „The Big Red One“ geht das Thema Kriegsfilm auf eine ganz andere Art und Weise an, wie die meisten Epen oder Antikriegsfilme.
In episodischer Form bemüht sich Fuller, die eigenen Erinnerungen verarbeitend, das Bild des Soldaten im Krieg zu beschreiben. Dabei zeichnet er vordergründig ein intimes Portrait, unabhängig von Sinn oder Unsinn, von Vorgesetzten und Plänen. Die Kamera folgt einfach einer Gruppe Soldaten, der ersten Infanterieeinheit von Schauplatz zu Schauplatz im Krieg, von der nordafrikanischen Küste 1942 über die Landung in Sizilien 1943, der Invasion in der Normandie, der Ardennenoffensive und schließlich dem Kriegsende in der Tschechoslowakei 1945.
Die Männer haben keine großen, ruhmreichen Taten zu vollbringen oder Unmögliches zu erledigen. Ihr Job: töten! Ihr Ziel: überleben!
Die Ironie des Films besteht darin, dass die fünf Soldaten, denen der Zuschauer durch den Film folgt, genau das tun, während um sie herum ihre Kameraden wie die Fliegen fallen und so schnell ausgetauscht werden, dass sie, wie der Offkommentar berichtet, sich nicht mal mehr ihre Namen merken.
So erfährt man auch nicht wirklich etwas über die Männer, sie sind Chiffren, die meistens selbst nur gewisse Eigenschaften identifizierbar sind (der eine malt, der andere raucht immer Zigarre).
Fuller lässt sie ihre Einsätze begehen, Gefahren begegnen und Gegner erschießen, er wertet nicht und vermeidet Schwarzmalerei, beleuchtet er doch parallel die Erlebnisse eines deutschen Offiziers namens Schröder (gespielt von Siegfried Rauch), der die Gruppe der „Big Red One“ immer wieder streift.
Der Schlüssel der Handlung ist die wiederkehrende Frage, ob Soldaten im Krieg morden oder töten. Der Sergeant, hinreißend gespielt von Lee Marvin, der selten besser war, impft seinen zweifelnden Männern ein, dass sie lediglich töten, schließlich sei Krieg. Wäre der Krieg vorbei, würde es sich um Mord handeln. Somit legitimiert der Kriegsfall das Töten, der Feind wird bekämpft.
In Frage gestellt wird diese Regel durch eine dramaturgische Klammer, in der sowohl am Anfang wie auch am Ende der Sergeant einen deutschen Soldaten niedersticht, unwissend, dass der Krieg bereits vorbei ist. Zu Beginn (in s/w gehalten) handelt es sich noch um den 1.Weltkrieg, der seit vier Stunden vorbei ist, am Ende handelt es sich um Schröder, dem das gleiche Schicksal blüht. Die Tendenz, das der Sinn dieser Legitimation in Frage gestellt wird, beweist die Hartnäckigkeit, mit der die fünf am Ende um Schröders Leben kämpfen, weil sie einen Irrtum begangen haben. Damit wird der ganze Irrsinn, die Absurdität des Krieges erneut betont, der vorher, wenn auch manchmal schweren Herzens akzeptiert wird.
Dabei geht der Deutsche interessanterweise genauso vor wie die Amerikaner, nur unter anderen Gesichtspunkten, wenn er etwa eine deutsche Adelige, deren Schloß vor den anrückenden allierten Truppen gesprengt werden soll, erschießt, als sie ihrem Haß auf Hitler Luft macht, folgerichtig aus der Sicht des Soldaten.
Für den gewöhnlichen Zuschauer wirkt „The Big Red One“ leider etwas spröde, denn die Handlung führt nicht gerade zu einem linearen Spannungsverlauf, sondern bezieht ihren Reiz mehr aus den einzelnen Episoden, die in ihrer Gesamtheit ein Mosaik des Kriegswahnsinns ergeben. Ein deutscher Heckenschütze entpuppt sich etwa als Minderjähriger, der den Hintern versohlt bekommt; die Insassen eines Irrenhauses beteiligen sich kriegsneurotisch am Kampf gegen die Nazis; eine Kompanie französische Soldaten der Vichy-Regierung verweigert in Afrika den Schießbefehl auf die Allierten, was aber trotzdem um ein Haar zu einer Katastrophe führt, den Durchbruch bei der Invasion schließlich bewerkstelligt die Kompanie nur durch eine Sprengstoffröhrenwaffe, bei der nacheinander sieben Soldaten (die Nummern gezogen haben fallen), bis das Ziel erreicht ist.
Man kann Fullers Film tatsächlich häppchenweise sehen, vor allem in der von Richard Schickel restaurierten Fassung, die immerhin fast 160 Minuten läuft, jedoch weicht die Dramatik hier stets einem spröden Realismus, der für Heroentum keinen Platz lässt.
Indem er seine Figuren in ihrem Dilemma zeigt, das den Faktor „Krieg“ an sich anzweifelt und die Fehler, die in Kriegen begangen werden, wirkt er als Antikriegsfilm deutlicher als so mancher, der auf bewusste Kritik oder Wirkung angelegt ist. (8/10)