Review

Samuel Fuller hatte den Zweiten Weltkrieg selbst live im Kampfgeschehen mitbekommen, das Thema immer wieder in seinen Filmen aufgearbeitet, doch sein Herzensprojekt war „The Big Red One“ von 1980.
Auf DVD liegt der Film nun nach einigen Produktionsquerelen und damit verbundenen Studiokürzungen in einer rekonstruierten Fassung vor, die schon ein wenig das narrative Konzept von „The Hurt Locker“ vorwegnimmt: Keine durchgehende Geschichte, keine Drei-Akt-Struktur oder ähnliches, sondern episodisches Erzählen über Erlebnisse im Krieg, zusammengehalten durch wiederkehrende Figuren, in erster Linie durch den Sergeant (Lee Marvin), dessen Namen der Zuschauer nie erfährt.
Zentrale Figuren neben dem Sergeant sind vier Soldaten, die so wie er immer wie die Gefechte überleben, während die Neulinge so schnell fallen, dass man sich ihre Namen gar nicht mehr merkt, die „Four Horsemen“, wie die vier genannt werden, und der deutsche Soldat Schroeder (Siegfried Rauch), der den Weg der Truppe immer wieder kreuzt, aber nie zum direkten Antagonisten oder Erzfeind aufgebaut wird. Zwar zeigt „The Big Red One“ ihn als den kaltblütigeren und unmoralischeren Soldaten, gleichzeitig erscheint er stellenweise aber auch wie ein deutsches Spiegelbild des Sergeants – seine Rolle wird teilweise auch als „Schroeder (German Sergeant)“ bezeichnet (z.B. in der imdb), was die Verwandtschaft beider Figuren noch weiter herausstellt.

Mit seiner sprunghaften Dramaturgie ist „The Big Red One“ nicht immer unbedingt benutzerfreundlich, doch das Episodische ist gleichzeitig seine Besonderheit, die es ihm ermöglicht kaleidoskopartig von verschiedenen Kriegsschauplätzen zu erzählen ohne dabei auf die Kausalkette eines Mainplots achten zu müssen. Einen Rahmen bilden dabei Auftakt- und Endszene des Films: In der schwarz-weiß gehaltenen Anfangsszene des Films erschießt der Sergeant einen deutschen Soldaten nach Ende des Ersten Weltkriegs, da er noch nichts von der deutsche Kapitulation mitbekommen hat, gegen Ende verwundet er Schroeder schwer, da ihn auch hier die Nachricht vom Kriegsende zu spät ereilt. Die Ironie dabei ist, dass Schroeder wohl weniger „rettenswert“ als der junge Soldat aus der Auftaktszene ist, da es sich bei ihm auch um einen Killer handelt, der auch in voller Überzeugung ein paar deutsche Adelige über den Haufen knallt, als diese den Führer beleidigen.
Gleichzeitig sind es diese Szenen, in den Fuller bevorzugt den Irrsinn des Krieges zeigt, und es gibt sie reichlich: Die Erstürmung eines Irrenhauses. Beschuss des G.I.s durch friendly fire. Der sichere Opfertod nach gezogenen Nummern, um eine Sprengladung zu platzieren. Gastieren in einem quasi nur von Frauen bewohnten Dorf, da die Männer alle tot oder im Krieg sind. Verstecken in selbst gegrabenen Löchern, über die Panzer fahren, was die Soldaten nur durch Angstschreie quittieren können, wenn der Panzer gerade über sie drüber fährt und es daher kein Deutscher bei dem Lärm hören kann (das Bonusmaterial der DVD klärt dies auf, da vor der Rekonstruktion nicht ganz klar war, ob es sich hierbei um Angst- oder Todesschreie handeln sollte).

Natürlich zeigt Fuller gleichzeitig auch wesentlich konventionellere Kriegsszenen, vom der Erstürmung einer Ortschaft über den Häuserkampf bis hin zum Durchkämmen einer Gegend, wobei er das übliche Dilemma des (Ant-)Kriegsfilms zu bewältigen weiß: Solche Momente sind natürlich spektakuläre Set-Pieces, durchaus unterhaltsam, aber glücklicherweise nie verklärend oder den Krieg verharmlosend, denn Anschauen möchte man sich das, aber eben nicht miterleben.
Die grob umrissenen Figuren werden von den Schauspielern mit Charisma dargestellt, vor allem natürlich Charakterkopf Lee Marvin als bärbeißiger Sergeant. Aber auch Siegfried Rauch und das Quartett der Horsemen (Mark Hamill, Robert Carradine, Bobby Di Cicco, Kelly Ward) weiß den Film zu tragen.

Alles in allem ist „The Big Red One“ ein nicht unbedingt alltäglicher und gerade deshalb sehenswerter Kriegsfilm, auch wenn man mit der episodischen Struktur der Erzählung klarkommen muss. Doch man spürt mit jeder Faser, dass hier jemand seine Erlebnisse authentisch in einen Film übersetzt hat.

Details
Ähnliche Filme