Bryan Singer verfilmt King, Ian McKellen spielt die böse Hauptrolle - na, das klingelt doch in den Ohren! Dabei folgt Singer konkret dem damaligen Kult rund um authentischere King-Verfilmungen, der bei "Stand By Me" angefangen und bisher bei "The Green Mile" aufgehört hat. Dazu hat er sich auch gleich eine der düstersten Geschichten des Schockmeisters rausgesucht, nämlich "Apt Pupil". Eine Geschichte um einen Jungen, der zunehmend faziniert ist von den Nazis.
Brad Renfro spielt hierbei den Schwiegermutter-Traum Todd Bowden, das typisch amerikanische Kind. Der findet heraus, dass sein Nachbar Arthur Denker in Wahrheit der flüchtige Kriegsverbrecher Kurt Dussander ist. Eines Nachmittags stellt er den alten Mann zur Rede, überlistet ihn geschickt mit dem Nachweis von Fingerabdrücken und scheint überlegen zu sein. Dussander will wissen, was genau Bowden will, und der schildert sein Interesse an Nazideutschland und den Verbrechen an den Juden. Er will die Geschichte von jemanden hören, der dabei war. Schluss mit dem Schulkram, der anscheinend nur Halbwahrheiten erzählt und detallierte Beschreibungen außer Acht lässt. Schnell entwickelt sich zwischen dem Nachbarsjungen und dem alten Kriegsverbrecher eine merkwürdige Freundschaft, die böse endet.
Kings gleichnamige Novelle wird von Singer konsequent verfilmt, hier und da erlaubt man sich allerdings auch gewisse Änderungen. So werden einige Sachen für das freundliche Publikum entschärft, der hohe Gewaltgrad der Novelle wird in der Verfilmung völlig auf Sparflamme gedreht. Töten Dussander und Todd in Kings Geschichte abwechselnd ein paar Landstreicher, beschränkt sich der Film auf einen einzigen Obdachlosen, was tatsächlich die bessere Entscheidung war. Nicht umsonst wirkt die Novelle gerade wegen dieser Mordorgie gegen Ende absolut überladen; der Film geht damit weitaus geschickter um.
Singer gelingt es, die Spannungskurve während des ganzen Films aufrecht zu halten. Es gibt zwar einige dialoglastige Passagen, aber die sind nie sinnlos, sondern tragen immer zur Handlung mit bei. Knisternde Spannung, könnte man sagen. Am Ende kommt natürlich eine gehörige Spannungspritze ins Spiel, die dann auch sprichwörtlich wieder verpufft. Das rabiate Finale der Novelle wird gegen einen erzwungenen Wow-Effekt eingetauscht. Dreht Todd in Kings Variante völlig durch und wird geschnappt, darf er im Film weiterleben. Die Moral erschließt sich dadurch irgendwie nicht. Das Böse darf durch geschickten Einsatz seines Könnens weiterleben, das wird mir dadurch vermittelt.
Jetzt kann man selbstredend auch wieder die Giftspritze ausfahren, denn ohne Klischees kommt "Apt Pupil" nicht aus. Es scheint schlicht mal wieder so, als würde man mit Dussander das ganze Deutschland widerspiegeln wollen. Böse, schroff, wache Intelligenz. Das wurde in der Novelle allerdings noch etwas konsequenter durchgezogen. Hier und da wirkt "Apt Pupil" auch ein bisschen unglaubwürdig. Kann ein Junge in dem Alter schon so einwandfrei den arroganten Bengel spielen, der offenbar keine Angst hat vor einem gewaltbereiten Mörder? Brad Renfro spielt seine Rolle tatsächlich so intensiv, dass man fast mehr Unsympathie gegen Todd hegt als gegen den eigentlich schlimmeren Dussander. McKellen übrigens führt den Film locker an mit seinem Dussander, da macht dem inzwischen alten Mann keiner mehr was vor!
Letztlich überzeugt "Apt Pupil" denoch mit seiner Thematik, dem ungemütlichen Thema und einigen wirklich unangenehmen Szenen. Einen dermaßen beunruhigenden Film gab es lange nicht mehr. Die Spannung wird konstant auf einem Leven gehalten und manche der Dialoge sind goldwert ("Verstehst du nicht, Junge, dass wir uns gegenseitig am Arsch lecken?"). McKellen gibt eine geniale Leistung ab, Brad Renfro's Part fällt ebenfalls überraschend gut aus und nebenbei darf Bruce Davison den Grinsepapi spielen. Nicht umsonst gehört dieser fantastische Psycho-Thriller zu den Lieblingsvefilmungen Kings.
Fazit
Erschütternd erzählt, mit einigen derben Szenen und schlichtweg großartigen Schauspielern. "Apt Pupil" ist einer der wenigen Beweise dafür, dass eine Verfilmung in seltenen Fällen auch besser als die Vorlage sein kann.
8/10