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Stephens Kings Novelle „Der Musterschüler“ ist einerseits eine Abhandlung über die Faszination des Bösen, andererseits ein erdachtes, exemplarisches Beispiel dafür, wie es in Form nazistischer Ideologie auch in ein Musterbeispiel eines liberalen Mittelschichthaushalts Einzug halten kann und damit nicht nur ein unterhaltsamer Schmöker, sondern auch ein intelligenter, wenn auch ultraharter, schwer verdaulicher Beitrag zu einer oftmals auf das Prekariat/Proletariat beschränkten Debatte. Der in einer heilen Welt wohlbehütet aufgewachsene, aufgeweckte und intelligente Teenager Todd deckt die Schutzidentität eines alten SS-Schergen in seiner Nachbarschaft auf und erpresst ihn. Er möchte aus erster Hand erfahren, wie sich die damaligen Gräueltaten exakt abgespielt haben, entwickelt eine ab einem gewissen Wendepunkt von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägte, bizarre Freundschaft zu Dussander alias Denker, wie er sich in seinem US-amerikanischen Kleinstadt-Exil nennt, und verknüpft die menschenverachtende NS-Ideologie mit den ihm von Elternhaus und Schule vermittelten Vorstellungen eines gesellschaftlich verträglichen Daseins, was sich schließlich im Hass gegen „unwertes Leben“ entlädt.

„X-Men“-Regisseur Bryan Singer verfilmte diesen Stoff 1998 in an das US-Mainstream-Kino angelehnter Form, was in diesem Falle einerseits gute schauspielerische Leistungen - insbesondere von Ian McKellen als ehemaligem SS-Offizier Dussander -, eine professionelle, dynamische Kameraarbeit und eine fast durchgehend stimmige, unbehagliche Atmosphäre in einer äußerlich intakten, lebenswerten Kleinstadt, unter deren Oberfläche es brodelt, bedeutet, andererseits aber neben der King-Verfilmung-typischen und notwendigen Abstraktion des komplexen, von inneren Monologen und ausführlichen Beschreibungen der Gefühlswelt seiner Protagonisten bestimmten Stoffs eine zunächst scheinbar starke Abschwächung der ursprünglichen Brisanz zugunsten leichterer Konsumierbarkeit durch eine breit gefächerte Zielgruppe nach sich zieht.

So wurde die Geschichte insofern abgewandelt, als es – um es auf den Punkt zu bringen – wesentlich weniger Tote und sonstige Gewaltexzesse gibt. Im Vordergrund stehen stattdessen die mit der Rezeptur eines Psychothrillers dargereichten rhetorischen Duelle zwischen Todd und Dussander, mit denen eine angespannte, aufgeladene Stimmung einhergeht und die den Film interessant machen. Dennoch bleibt Todds Entwicklung in Novellenform tiefgründiger und dadurch nachvollziehbarer, insbesondere im Zusammenhang mit den dort näher beschriebenen Hintergründen, die Todds grundsätzliches Interesse für die Thematik wecken. Daher läuft der Film bisweilen Gefahr, eine zu starke Distanz zum Zuschauer zu wahren, statt ihn in die komplizierte Gefühlswelt eines beeinflussbaren Heranwachsenden mitzunehmen. Doch mit seinem neu geschriebenen Ende, das – Achtung, Spoiler! – Todd ungeschoren davonkommen und fortan mit seiner Lüge, seiner im wahrsten Sinne des Wortes „Leiche im Keller“ wie zuvor Dussander weiterleben lässt, spielt das Drehbuch sein lange verborgen gehaltenes As aus dem Ärmel und verzichtet somit geschickt sowohl auf ein „Happy End“ als auf eine gewissermaßen reinigende Eskalation, die das „Problem“ verlustreich, aber nachhaltig aus der Kleinstadtidylle schaffen würde. Das verleiht „Der Musterschüler“ eine wirkungsvolle, zusätzliche Ebene, die evtl. gar ein flaueres Gefühl in der Magengegend des Zuschauers zurücklässt als Kings niedergeschriebene Fassung.

Fazit: Eine unterm Strich gelungene Verfilmung einer ungewöhnlichen King-Vorlage. Nicht der ganz große Hit, aber immerhin mit einem konstanten Spannungsbogen, gewahrten Niveau und durchdachten Konzept versehen.

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