Guiseppe Tornatore ist ja spätestens seit „Nuovo Cinema Paradiso“ so eine Art Heimat-Pflicht-Regisseur für die Italiener geworden und hat nach ein paar Arthousefilmen (z.B. „Der Mann, der die Sterne macht“) mit „Der Zauber von Malena“ noch mal so richtig im Honigpott gerührt. Plötzlich sprach man wieder über den Regisseur, dessen Ausblicke in die italienische Vergangenheit immer dem Volk aufs Maul und dem Lokalkolorit unter den Rock geschaut hat.
Apropos „unter den Rock“: das ist dann auch der Zwiespalt, der den Rezensenten bei „Malena“ peinigt.
Einerseits ist es eine wunderbar entlarvende Darstellung von verlogener Sitte und Moral in einer sizilianischen Stadt zur Duce-Zeit, in der die hübsche Malena, offenbar Kriegswitwe, aufgrund ihrer subtilen Sexualität in Verruf gerät. Ihr Anblick macht die Männer verrückt, ohne daß sie wirklich etwas dazu tut (die traditionelle sizilianische Frau hüllte sich zu dieser Zeit in Ganzkörperschwarz der unerotischen Sorte), was wiederum den Zorn und das Gift derer Ehefrauen provoziert. Gerüchte und Geschichten werden solange beschworen, bis sie zur Wahrheit werden, was, anscheinend komplett von allen unbemerkt, genau die Zustände in Malenas Leben provoziert, über die alle anderen herziehen.
Ohne jegliches Schuldbewußtsein treibt die allerseits herrschende Doppelmoral Malena in die Arme von Promiskuität und Prostitution, um nicht zu verhungern.
Andererseits ist es jedoch auch die „Coming-of-Age“-Story unseres Erzählers und Protagonisten, der Zeit seines Lebens der erotischen Ausstrahlung Malenas verfallen ist. Seine erotischen Wunschträume und Masturbationsfantasien machen einen anderen Großteil der Erzählung aus.
Und damit haben wir auch das Problem: die Gewichtung der Elemente hängt ziemlich schräg, denn je länger der Film dauert, um so mehr hat man das Gefühl, Tornatore wäre selbst der Über-Erotik Monica Belluccis verfallen, weil er eine erotische Darstellung an die andere hängt, eine Nacktszene der nächsten folgen läßt.
Die daraus resultierenden feuchten Träume des Jungen sind zwar durch ihren Hollywood-Film-Kontext ironisiert worden (Klassiker der Filmgeschichte müssen als Parodie herhalten, um die Schöne immer wieder durch den Jungen retten zu lassen), aber das Übermaß dieses sexuell aufgeladenen Reigens läßt den Schluß zu, daß hier der Regisseur zeitweise Opfer seiner eigenen Wichsphantasie wurde.
Und wir reden hier von der schon stark entschärften internationalen Fassung, die um ein Viertelstündchen kürzer und wesentlich weniger explizit rumkommt. Nichts zu bemängeln gibt es allerdings am Sexappeal Monicas/Malenas, der tatsächlich so intensiv ist, wie schon lange nicht mehr auf der Leinwand sichtbar.
Dabei ist der Blickwinkel des ganzen Films eigentlich sehr interessant, denn ebenso wie die Bilder lediglich als Erinnerungen des Jungen fungieren, erleben wir die Szenerie auch nur durch seinen Blickwinkel, erleben Malena nur in den Szenen, in denen er anwesend war, erschaffen wir das Geschehen nur durch seine Augen.
Doch da die moralische und die sexuelle Handlung irgendwie nie übereinkommen, fragt man sich zurecht, was dem Regisseur denn nun eigentlich wichtig war, wenn er es auch schafft, wieder so etwas wie ein finsteres HappyEnd zu zaubern, in dem Malena zwar Gerechtigkeit widerfährt, die Frauen der Stadt sie aber erst dann akzeptieren, als sie wahrhaftig eine von ihnen aus ihr gemacht haben. Malena hat also verloren, wenn man es genau nimmt, jedoch bleibt ihr Inneres für Zuschauer wie für Protagonist verschlossen verschlossen.
Bleibt ein visuell reizvoller und beängstigend kompentent gemachter Film mit manchmal ironischer Zeichnung, der allerdings seiner Hauptdarstellerin derart verfallen ist, daß man es schon Fetischismus nennen kann. (6,5/10)