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"Wir haben alle unsere Zeitmaschinen. Unsere Erinnerungen lassen uns in die Vergangenheit reisen, und in die Zukunft entführen uns die Träume." (aus Simon Wells' "The Time Machine")

Einzelbilder sehen wir hier, nichts als Einzelbilder. Ist das nicht bei jedem Film so? Nur nahm das bis auf Chris Marker noch niemand so wörtlich. "Un photo roman" nennt er sein Werk "La Jetée". Avantgardistisch ist es, obwohl es doch irgendwie dem Wesen der Kinematografie zuwiderläuft. Avantgardistische Regression, sozusagen. Weil der Franzose den Film in seine Grundbausteine zerlegt, ihn zu einer Abfolge von Einzelbildern, genauer: Schwarzweißfotos stilisiert. Das alles fast unter Vernachlässigung einer selbstverständlichen und nicht mehr wahrgenommenen Aufgabe des Films: der Darstellung von Bewegung.

Man könnte meinen, diese Technik wirke restriktiv, schränke die Perspektive ein. Vielleicht. Nein. Bestimmt sogar, denn zweifellos sind es ja nur Bilder. Einfach Bilder. Ausschnitte aus einem Ganzen. Und dennoch: Eine phantastische, komplexe Geschichte - und zwar in all ihren Facetten - vermag auf diese Weise trotzdem erzählt zu werden. Chris Marker trat 1962 den Beweis an - und benötigte dafür nur etwa 27 Minuten. 27 Minuten virtuos belichtete Fotos. Begleitet von Trevor Duncans Musik. Eine 27-Minuten-Präsentation in variierendem Rhythmus mit variierenden Übergängen. Mal schnell und hart, hart geschnitten, von Bild zu Bild springend. Dann wieder ruhig atmend und weich über- oder ausblendend. Und vereinzelt noch ein Zoom - vorwärts oder rückwärts - die Tiefenkante entlang. Alles dem Erzählgeschehen vorzüglich angepasst.

Dynamisch oder ausgeglichen, emotional oder nüchtern kann Markers knapp halbstündige Fotosequenz dabei auf uns wirken. Ist ihre inhaltliche Essenz erst einmal erkannt, rückt auch langsam die Genialität der außergewöhnlichen Montagetechnik ins Bewusstsein. Denn es wird sich erinnert. Und das Foto ist ein Medium, das Erinnerungen festhält - vielleicht sogar einprägsamer als der Film -, indem es einen Moment einfriert und konserviert. Mit gespenstischer Intensität vermag es sich ins Gedächtnis zu fräsen und festzusetzen und ist, wenn unerwünscht, so leicht nicht wieder von dort zu vertreiben. Das Foto ist ein Ding mit Widerhaken.

Ein Bild überdauert viele Jahre im Gedächtnis des Mannes, von dem "La Jetée" erzählt, und zeigt eine erschrockene Frau. Der uns Unbekannte begegnete ihr in seiner Kindheit. An einem Sonntag. Auf der Hauptterrasse des Pariser Flughafens Orly. Ein zärtlicher Augenblick, in dem alles stillsteht. "Und einige Zeit danach", erklärt dann eine prosaische Stimme im Off, "kam die Zerstörung von Paris."

Man sieht kurz eine apokalyptische Szenerie, die nukleare Verwüstung eines dritten Weltkrieges, wie sie die Menschheit seit den Bildern von Hiroschima und Nagasaki schon immer fürchtete, ehe man sich auch schon in den unterirdischen Gängen von Chaillot wiederfindet, wo Sieger oder jene, die sich für solche halten, über Besiegte herrschen. Es wird experimentiert. Mit dem Ziel, die Gefangenen auf Zeitreisen zu schicken, um etwas über die Zukunft der menschlichen Existenz in Erfahrung bringen zu können. Doch die Vorstellungskraft, mit der dies geschehen sollte, kapituliert regelmäßig. Alle unfreiwilligen Probanden sterben oder verfallen dem Wahnsinn, bis es unserem ebenfalls in dieser Gefangenschaft lebenden anonymen Helden tatsächlich gelingt, das Zeitkontinuum zu manipulieren und in die Vergangenheit zu reisen. Es ist das Foto in seinem Kopf, das Bild der erschrockenen, zärtlichen Frau vom Flughafen, das dies ermöglicht. Da war sie also wieder, die Erinnerung an den magischen Moment.

Selbst diese schönen Erinnerungen haben etwas mit Kakerlaken gemein: Sie überleben einfach alles. So überdauerte das Bild dieser Frau als einziges die Zeit des atomaren Krieges. Greifbar wird es für den Zeitreisenden während der Experimente. Und nicht nur das. Wie in einem Traum, der sich von Erinnerungen nährt und eine eigene Wirklichkeit zusammensetzt, entsteht im Laufe der Zeit eine zweite Realität, in der der unbekannte Mann die Frau vom Flughafen kennen und lieben lernt. Diese Reise in die Vergangenheit ist eine Reise des Geistes. Der Geist betritt eine andere Welt, während der reale Körper in der Gegenwart verweilt. Damit nimmt Chris Marker in gewisser Weise "Matrix" vorweg.

Überwacht wird ein jeder Trip in allen Details von den Experimentatoren, deren geflüstertes Deutsch (selbst in der Originalfassung) im Hintergrund zu hören ist. Ein Damoklesschwert schwebt also über dem Zeitreisenden. Es würde fallen, sobald das Ziel der Wissenschaftler erreicht sei. Und dann ist es irgendwann auch soweit: Der Sprung in die Zukunft gelingt. Der Zeitreiseheld nimmt Kontakt zum Homo sapiens der Zukunft auf und erfüllt seine Aufgabe. Fast beiläufig wird noch erklärt: "Man gab ihm ein Kraftwerk, das ausreichte, die gesamte Industrie wieder in Gang zu setzen". Zeitreisefilme haben eben ihre eigene Logik. Viel spannender ist ohnehin das, was anschließend passiert: Die Zukunftsmenschen bewahren den Protagonisten vor seiner Liquidierung und bieten ihm ein Leben in ihrer Wirklichkeit gewordenen Utopie, ihrer makellosen, uniformen und absolut harmonisierten Gesellschaft an.

Aber unser Held - und erst jetzt wird er zu einem - entscheidet sich für die Vergangenheit, für den Morgen in Friedenszeiten, das Schlafzimmer in Friedenszeiten. Für wirkliche Kinder. Wirkliche Vögel. Wirkliche Katzen. Wirkliche Gräber. Und für die Liebe. Für die Frau vom Flughafen, für die Marker sich in einer einzigen Sequenz dann doch einen Anflug von Bewegung zugesteht. Der Wunsch wird erfüllt, doch es folgt sogleich die Einsicht, dass der Zeit nicht entronnen werden kann. Das kann man wahrlich nicht. Denn es ist nämlich genau anders herum: Die Zeit, der wir nicht entrinnen können, entrinnt uns. Um sich dessen bewusst zu werden, hilft eine Reise in die Vergangenheit. Und die ist keinesfalls unmöglich: Wir brauchen uns ja nur ein Fotoalbum anzuschauen.

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