Dass man keinen „normalen" Spielfilm zu sehen bekommt, deutet sich schon im Vorspann an: Zu einem düsteren Choral ist die Einstellung eines Flughafen-Rollfeldes zu sehen und Chris Marker, der Regisseur des Films, erfährt seine Erwähnung unter der Bezeichnung „photo roman de". La Jetée besteht - mit der Ausnahme eines kurzen Augenblickes, als die Geliebte der Hauptfigur ihre Augen aufschlägt - aus einer Aneinanderreihung von Fotos, die von einem Off-Erzähler in der dritten Person kommentiert und von düsterer Musik oder Umgebungsgeräuschen untermalt werden. Wiederum mit einer Ausnahme: Von den Wissenschaftlern im Film sind mit Flüsterstimme Anweisungen und Bemerkungen in Deutsch zu hören.
La Jetée, diesen 26-minütigen Kurzfilm von Dokumentarfilmer und Fotograf Chris Marker, der 21 Jahre später mit Sans Soleil (1983), einem Essay-Film, wohl sein bekanntestes Werk inszenierte, kann man seinen avantgardistischen Charakter nicht absprechen. Marker, der zum erweiterten Kreis der französischen Kinoreformbewegung Nouvelle Vague gezählt werden kann, bricht die Konventionen des Kinos, mittels einer Frequenz von mindestens 16 Bildern pro Sekunde eine Geschichte zu erzählen, mittels schauspielerischer Darbietungen (unter ebenjener Bedingung) mitzureißen.
Während Jean-Luc Godard sich neben den Verstoß gegen tradierte Konventionen des amerikanischen Filmhandwerks wie des continuity systems des Filmschnitts vor allem daran machte, die Produktion des Films im Film zu thematisieren (an dieser Stelle ist Le Mépris zu nennen, der nicht zuletzt mit der berühmten Szene zu Beginn, als sich die Kamera im Bild auf das Blickfeld des Zuschauers zu bewegt und diesen dann „abfilmt"), ging Marker den Schritt über die Selbstreferenz hinaus und führte implizit mit seiner Verwendung schwarz-weißer Fotografien anstelle von Bewegtbildern auf die Konstituierung des Mediums „Film" zurück, dessen Ursprung in seinen frühen Tagen oftmals eben in der Fotografie und im Theater gesehen wurde. Die singuläre Momentaufnahme der Fotografie wurde erweitert um eine raum-zeitliche Dimension, Bewegung und eine zeitliche Kontinuität, die es ermöglichten, Geschichten zu erzählen. Doch was passiert, wenn singuläre Bilder untermalt von einem Kommentar aneinander gereiht werden? Ist der Film dann noch Film? Mit dieser filmtheoretischen Diskursfigur spielt Marker hier.Die Geschichte von La Jetée indes thematisiert Zeit noch auf einem anderen Weg.
Ein Mann wird seit seiner Kindheit, kurz vor Beginn des 3. Weltkriegs, von einem Bild verfolgt: Er sah damals am Flughafen Orly in Paris, wie ein Mann, der auf eine Frau zu rannte, erschossen wurde. Nun, Jahre später, nachdem sich im Zuge der verheerenden Vernichtungen des 3. Weltkriegs, welche die Erdoberfläche radioaktiv kontaminierten, ein Lager von Menschen, die eingeteilt sind in Herrscher und Gefangene herausbildete, wird der Mann (Davos Hanich) mit seiner Kindheitserinnerung ausgewählt, um mittels Reisen durch die Zeit das Überleben in der Gegenwart zu sichern. In der Vergangenheit - zur Zeit seiner Kindheit - lernt er eine Frau (Hélène Chatelain) kennen, in die er sich verliebt. Doch für den Erkenntnisgewinn wird ihm von den Experimentatoren nur wenig Zeit gegeben und alsbald - nachdem er auch in die Zukunft geschickt wurde - rebelliert er gegen seine Experimentatoren. Der Kenner von 12 Monkeys, welcher weitestgehend auf La Jetée zurückgeht, kann sich denken, wie die ganze Sache ausgehen wird.
Die kargen Schwarz-Weiß-Bilder entwickeln dabei durch ihre Trostlosigkeit eine Intensität, die ihresgleichen sucht und „normalen" Film beinahe schon voraus wirkt, was Ausdrucksstärke angeht. Jean Ravel, der Cutter, reguliert dabei eindrucksvoll das Tempo des Films, indem er mal schneller, mal langsamer, mal überblendend, mal in hartem Gegensatz, mal mehr, mal weniger dynamisch die einzelnen Fotografien aufeinander folgen lässt. Die düstere Stimmung des Films wird meisterlich bis zur bitteren Pointe aufgebaut und man kann Marker, diesem Visionär, nur attestieren, dass sein Experiment geglückt ist. Seine Geschichte stellt die philosophischen Fragen nach Wahrheit und Realität (Ist diese nur auf einer Zeitebene und für jeden individuell möglich?) reißt mit und die Bilder von La Jetée brennen sich tief ins Gedächtnis ein. Ein vielleicht unzugänglich anmutendes, aber enorm lohnendes Meisterwerk (9/10).