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  „Gangsta-Rock Made in Britain"

Mache Männer stehen auf Sex, einige fühlen sich magisch von Drogen angezogen und wieder andere sind einfach nur hoffnungslos dem schnöden Mammon verfallen. Nur ein echter RocknRolla passt in keine der drei Fun-Schubladen, denn er braucht nichts weniger als das volle Programm zur ultimativen maskulinen Glückseligkeit. B-Rockstar Johnny Quid (Toby Kebell) ist ein solches Exemplar, nur dass er das Rennpferd von hinten aufzäumt.  Als ständig zugedröhnter Crack-Junkie hat er die erste Hürde bereits mit Bravour genommen. Leider ist er dabei weder so richtig berühmt, noch sonderlich reich geworden. Also inszeniert er kurzerhand sein Ableben frei nach dem Motto „erst ein toter Rockstar scheffelt so richtig Kohle". Die entsprechenden Vertreter des zarten Geschlechts finden sich dann meist von ganz alleine ein.
So weit, so simpel. Zu dumm, dass Johnny mehrgleisig fährt. Neben der Karriereplanung hat er nämlich auch ein paar familiäre Rechnungen zu begleichen.  Und da droht er sich gehörig zu übernehmen. Auftritt Lenny Cole (Tom Wilkinson), seines Zeichens Johnnys ungeliebter Stiefvater und ganz nebenbei heimlicher König der Londoner Unterwelt. Ob Bestechung von Stadtratsmitgliedern, Folter durch hungrige Flusskrebse oder krumme Immobiliengeschäfte mit zwielichtigen russischen Milliardären, der raffgierige Gangsterboss hat das volle Repertoire seines Berufzweigs in petto.
Die Kleinganovengang „The Wild Bunch"  kann ganze Arien davon singen. Wenn auch in Moll.  Als One Two (Gerard Butler) und seine Kumpels ins lukrative Immobiliengeschäft einsteigen wollen, werden sie von Lenny ausgetrickst. Nur gut, dass ihnen Stella (Thandie Newton) die Chance bietet, die 2 Millionen Pfund Schulden bei einem einzigen Fischzug wieder reinzuholen. Die durchtriebene Buchhalterin des russischen Oligarchen Uri Obamovich (Karel Roden) ist bestens über dessen Geldtransporte informiert und packt die Gelegenheit beim Schopf, ihren Brötchengeber mal so richtig auszunehmen. Zu blöd, dass Uri den Zaster für Schmiergeldzahlungen an Lenny benötigt. Schließlich will auch er ins Londoner Immobilien-Karussell einsteigen, und zwar im ganz großen Stil. Alles klar?

Lassen wir es mal dabei bewenden. Denn das war noch lange nicht die letzte Verwicklung in dieser ausgefuchsten Ganovengroteske. Willkommen in der bizarren Gangsterwelt Guy Ritchies. Mit RocknRolla knüpft der einst etwas vorschnell als Brit-Tarantino hochgejubelte Regisseur an seine frühen Erfolge Lock, Stock and Two Smoking Barrels (1998) und Snatch (2000) an. Nach einer mehrjährigen künstlerischen und erfolgstechnischen Talsohle läuft Ritchie endlich wieder zu alter Höchstform auf. Verschachtelte und clever arrangierte Handlungsstränge, skurrile Charaktere, zum Brüllen komische Wortgefechte und schräge Gewalteinlagen. Das alles gewürzt mit einer gehörigen Prise schwarzen Humors und einem ordentlichen Schöpfer Selbstironie, fertig ist die hippe Gangsterfarce.
Natürlich kann man lamentieren, dass hier ausgiebig Selbstklau betrieben wird. Vieles konnte auch insbesondere in den letzten Jahren so oder ähnlich sowohl bei Tarantino wie auch bei seinen unzähligen Nachahmern konsumiert werden. Geschenkt. Wenn man an so stümperhafte Versuche wie Smokin´ Aces denkt, dann kann man Ritchie zu seinem neuesten Streich nur applaudieren. Trotz bekannter Versatzstücke und gängiger Arrangements macht RocknRolla gehörig Laune. Allein die Einlage über Wert und Vorraussetzung einer richtigen Ohrfeige ist witziger als Tarantinos kompletter letzter Film. Anders als der öde geschwätzige Death Proof kann RocknRolla mit ein paar  klasse geschriebenen Dialogknallern aufwarten. Da verzeiht man dann auch, dass nicht jede Pointe sitzt und nicht jeder Gag ins Schwarze trifft.
Die Darsteller sind ausnahmslos perfekt gecastet. Tom Wilkinson gibt einen herrlich schmierigen und größenwahnsinnigen Gangsterboss. Gerard Butler ersetzt nahtlos Ritchies Stammschauspieler Jason Statham als leicht unterbelichteter Kleinganove. Thandie Newton spielt gekonnt die unterkühlte Businessfrau, die ihren nicht unerheblichen Sexappeal meistbietend unters Gangstervolk wirft. Karel Roden liefert eine bissig-böse Parodie auf den aktuellen Besitzer des FC Chelsea, die dem Milliardenschweren Wahllondoner recht bitter aufstoßen dürfte. Und der grandiose Mark Strong hinterlässt erneut als Nebendarsteller den bleibendsten Eindruck. Als Lennys kultivierter Mann fürs Grobe drückt er nicht nur der oben beschriebenen Ohrfeigenszene seinen Stempel auf, sondern darf auch als Off-Erzähler als Einziger den Durchblick behalten.

Fazit:
RocknRolla ist eine toll geschriebene, knallig inszenierte und schwer unterhaltsame Gangsterkomödie aus dem Hause Guy Ritchies. Anknüpfend an seine früheren Hits läuft der britische Tarantino-Ableger endlich wieder rund. Neben dem Verfassen des Drehbuchs hat der zuletzt arg gebeutelte Regisseur diesmal vor allem bei der Zusammenstellung des Soundtracks ein goldenes Händchen bewiesen. Selten war eine Songauswahl mehr auf den Punkt wie hier. Die Story ist trotz ihrer zahllosen Handlungsstränge und Figurenkonstellationen nie langweilig oder wirr. Der Film ist clever, zynisch, witzig, makaber und sprüht vor skurrilen Einfällen und schrägen Typen. Kurz: RocknRolla rockt.

(8/10 Punkten)

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