Heute beinahe vergessen, schleppt der Roman "Schwarzer Sonntag" immer noch die Hypothek mit sich herum, von Thomas Harris zu sein, aber mit dem Hannibal Lector-Mythos nichts zu tun zu haben. Der mit enormem Aufwand produzierte Film von John Frankenheimer fällt ebenfalls in den Limbus der vergessenen Filme, obwohl einiges daran durchaus erinnerungswert ist, wenn auch bei weitem nicht alles.
Als Polit- und Katastrophenthriller in Personalunion findet der Film heute einen aktuellen Bezug, wenn man den Terroristenanschlag der Palästina-Terroristen auf das vollbesetzte Superbowlstadion mittels einer Stahlnadelsprengladung mit dem WTC-Terrorakten in Beziehung setzt. Die Aktivitäten der USA in Israel dienen auch hier als Aufhänger, auch wenn das nur der Auftakt zu einer simplen Jagdgeschichte ist, bei der ein Terroristenpärchen den Anschlag vorbereitet und ein Terroristenjäger versucht, hinter den Plan zu kommen.
Leider liest sich das besser, als es filmisch umgesetzt wurde, denn Frankenheimer folgt dem Buch und zieht den Plot ewig in die Länge. Für den Zuschauer bedeutet es ein Rätselspiel, langsam herauszufinden, was Bruce Dern als durchgeknallter Army-Veteran und seine Nah-Ost-Gespielin vorhaben. Als Ergebnis wirkt das Ganze erschreckend (Dern will mittels Plastiksprengstoff 220.000 Stahlbolzen gestreut im Stadion abfeuern), doch verschwendet das Buch zu viele Szenen an Derns psychisch belasteten Jammereien, die seinem Charakter Tiefe geben sollen, die Handlung jedoch nur aufhalten. Marthe Keller ist bezaubernd fehlbesetzt als Palästinenserin, die mit so wenig Kaltblütigkeit vorgeht, daß man ihr einen Jobwechsel vorschlagen möchte.
Auch die Gegenfraktion mit Robert Shaw als israelisch-russischem Anti-Terror-Jäger wirkt zu gedehnt operierend, zögerlich, nur dann zu drastischen Mitteln greifend, wenn der Film einzufrieren droht. Weaver als FBI-Mann bleibt vollkommen farblos.
Das alles wäre noch wesentlich unterhaltsamer, wenn Frankenheimer einiges an überflüssigen Dialogen und viele stumme Füll- und Leidensszenen weggelassen hätte. Besonders schlimm fällt auf, daß der über zwanzigminütige Showdown ständig durch Einblendungen des laufenden Footballspiels unterbrochen wird. Mit über zweieinviertel Stunden Lauflänge ist "Schwarzer Sonntag" einer der Filme, die man problemlos um eine halbe Stunde (oder noch besser Dreiviertelstunde) kürzen kann, ohne daß ein negativer Effekt auffällt, im Gegenteil, es würde ihn actiontechnisch aufs Positivste straffen.
So wird eine reizvolle Idee beinahe zu Tode gedehnt, obwohl es seine optischen Vorzüge hat, wenn Dern am Ende mit dem Zeppelin ins Stadion einbricht und eine Massenpanik auslöst. Auch reichlich Tote würzen das Spektakel, wobei es Frankenheimer manchmal übertreibt, wenn der Terroristenboß bei einer Jagd quer durch Miami mehr als ein Dutzend Leute tötet, ohne angeschossen zu werden. Leider versäumt es das Drehbuch auch, den Showdown zwischen Dern, Shaw und Keller geschickt in die Länge zu ziehen, sondern verläßt sich nach einer kurzen Schießerei auf seine Luftschiffschauwerte, die bisweilen beeindruckend, bisweilen bescheiden sind.
Ebenfalls unangenehm fällt auf, daß keinerlei Resumee gezogen wird, sondern der Film nach der Verhinderung des Attentats einfach endet, eine Todsünde, wenn man bedenkt, wie sehr die innere Verfassung der Protagonisten betont wird.
Dementsprechend wirkt der Film wie eine Mißkalkulation in einigen Bereichen, während er bisweilen durchaus überzeugen kann. Trotzdem wird der Genuß doch eher zur Geduldsprobe, die mit der Vorspultaste wesentlich gemildert werden kann.
"Schwarzer Sonntag" ist trotzdem sicherlich beachtenswert, verlangt aber sehr viel Geduld und kann auf keinen Fall die Erwartungen, die Inhalt und Herkunft aufwerfen, vollständig erfüllen. (6/10)