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Scarlett Johansson und Rebecca Hall spielen zwei junge Amerikanerinnen, Christina und Vicky, die gemeinsam einen längeren Urlaub in Spanien verbringen. Dort lernen sie einen spanischen Maler, gespielt von Javier Bardem kennen, der überaus offen und direkt sein Interesse an den beiden bekundet. Vicky, die ihm anfangs wesentlich abgeneigter als ihre Freundin war, schläft schließlich mit ihm, obwohl sie bereits verlobt ist, versucht dann jedoch den Vorfall zu vergessen und ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Cristina hingegen geht eine Beziehung mit dem Maler ein, die jedoch gestört wird, als seine psychopathische Ex-Frau, gespielt von Penelope Cruz, wieder auftaucht.

Einundzwanzig mal wurde Woody Allen mittlerweile für den Oscar nominiert, den er dreimal gewinnen konnte, seit 46 Jahren ist er als Autor, Regisseur und Darsteller aktiv und ist mittlerweile 73 Jahre alt. Doch während seine langjährigen Kollegen mittlerweile nicht selten mit sperrigen und langatmigen Alterswerken daherkommen, wie Francis Ford Coppola mit "Jugend ohne Jugend" oder zuletzt Sidney Lumet mit "Tödliche Entscheidung", zeigt Woody Allen, der in Europa und in seiner aktuellen Muse Scarlett Johansson neue Inspiration gefunden zu haben scheint, keinerlei Verschleißerscheinungen und liefert mit "Vicky Cristina Barcelona" nach dem düsteren Thriller-Drama "Cassandras Traum" eine leichte, lockere Liebes-Komödie ab, die einen erfreulichen Gegenpol zu den fäkalhaltigen und klischeehaften Teenie- und Liebeskomödien der letzten Jahre darstellt.

Inszenatorisch leistet der Altmeister gewohnt routinierte Arbeit. Allen setzt die Schönheiten Spaniens, die herausragenden Bauwerke von Barcelona, aber auch andere spanische Städte, genauso, wie die malerischen Landschaften versiert in Szene und hinterlegt den Film dabei mit warmen Farben, wobei man Allen zu jedem Zeitpunkt seine Liebe zum Detail und zu den Reizen der katalanischen Stadt deutlich ansieht. Hinzu kommt noch die Filmmusik, bestehend aus spanischer Gitarrenmusik, die ebenfalls kaum besser in den Film passen könnte, sowie ein Hauch von Erotik, den Allen immer mal wieder aufkommen lässt und dies ohne, dass der Film auch nur eine Sekunde lang billig wirken würde. Damit ist "Vicky Cristina Barcelona" einer der erfreulichsten, stilvollsten, heitersten und sympathischsten Filme, den man diesen Winter zu sehen bekommen konnte. Dabei verbucht Allen erneut einige Lacher, die, wie gewohnt, aus den geschliffenen Dialogen resultieren, meist nebenbei eingestreut werden und zu einem hohen Anteil aus Wortwitzen und Situationskomik bestehen. Auch hier bewart Allen Stil und leistet sich keinen einzigen Rohrkrepierer, keinen geschmacklosen Moment und schadet der doch recht ernsten Thematik des Films zu keinem Zeitpunkt. Unterm Strich ist der Film damit leicht und locker, stilvoll und unterhaltsam, genauso, wie man Allens Komödien wie "Hannah und ihre Schwestern", "Der Stadtneurotiker" oder "Manhattan" aus seinen besten Zeiten kennt und hoffentlich auch in Zukunft noch zu von ihm zu sehen bekommt.

In seinem Drehbuch fokussiert Allen erneut zwischenmenschliche Beziehungen und das gelingt ihm auch hier mit charakterlichem Tiefgang und einer guten Personenkonstellation, in diesem Fall bezogen auf die beiden jungen Frauen, die in Spanien schließlich feststellen, wie sie ihr späteres Leben (nicht) führen wollen und eine Art Selbstfindungsprozess durchlaufen. Cristina hat eher unkonventionelle Einstellungen zur Liebe, sucht das Abenteuer, versucht sich darüber hinaus künstlerisch, romantisch und sexuell zu entfalten, wobei ihr der Maler und seine Ex-Frau durchaus weiterhelfen. Vicky ist eher konservativ eingestellt und ist daher auch mit dem Idealbild eines amerikanischen Ehemannes verlobt, der mit seinem Arbeitskollegen Golf spielt und es schon für ein Abenteuer hält in einem spanischen Standesamt zu heiraten. Durch die Beziehung mit dem Maler, den immer noch eine Art Hass-Liebe mit seiner Ex-Frau verbindet, werden die beiden schließlich mit ihren Einstellungen zu Liebe, Romantik und Beziehungen konfrontiert, wobei Cristina feststellen muss, dass sie doch nicht so tolerant und leidenschaftlich ist, wie sie gern wäre und Vicky, dass sie doch kein wohl gesittetes, biederes Leben mit ihrem, alles in allem doch eher langweiligen Mann führen will, weil sie dann doch die Sehnsucht übermannt, nachdem sie mit dem charismatischen Verführer geschlafen hat. Dieser wird selbst als lebensfroher Künstler dargestellt, der in seiner Dreiecksbeziehung mit Cristina und seiner Ex-Frau schließlich sein persönliches Glück findet. Am Ende scheitert schließlich die leidenschaftliche, sinnliche, beinahe anarchische Dreiecks-Beziehung Cruz/Johansson/Bardem, aber auch die wohl gesittete, aber leidenschaftslose Beziehung von Vicky, die am Ende des Films zum Scheitern verurteilt scheint. Und eben diese Charakterstudien, diese genaue Beobachtung menschlicher Lebensphilosophien konstruiert Allen erneut virtuos und serviert sie anschließend mit seiner unverkennbar lockeren und amüsanten Art, ohne, dass der Film auch nur eine Sekunde eine depressive Stimmung verbreiten würde. In dieser Hinsicht wird wohl nie ein zweiter Regisseur dem Altmeister das Wasser reichen können.

Bei der Story will Allen dann aber vielleicht doch zu viel. Zu viele Nebenfiguren integriert Allen in sein Beziehungs-Vieleck, zu viele Nebenschauplätze und Subplots lässt Allen in seinen Film einfließen. Daraus ergibt sich ein relativ holpriger dramaturgischer Aufbau, da Allen immer mal wieder bei neuen Figuren anknüpft und die Überbrückung der verschiedenen Handlungsfäden einem Erzähler überlässt, der dem Film auf Dauer die Fahrt nimmt. So ist der Film durchaus romantisch, teilweise mitreißend, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich dramatisch oder spannend, da Allen stellenweise ein wenig über sein Ziel hinausschießt, was sich angesichts der Vorzüge des Films jedoch ohne weiteres verzeihen lässt. Ein zweiter Fehler ist, dass die Handlung dann doch etwas konstruiert wirkt und sich der Film im Mittelteil von jeder Realität entfernt und so der emotionale Zugang des Zuschauers zum Geschehen noch weiter blockiert wird. Der Unterhaltungswert ist damit nicht ganz so hoch, wie er sein könnte, zumal der Film narrativ zwischenzeitlich immer mal wieder etwas hölzern wirkt, da die Gags für eine reine Komödie etwas zu dünn gesät sind und der Film für ein Drama zu unrealistisch gestrickt ist, doch die Mischung weiß durchaus zu gefallen, auch wenn sie stellenweise ein wenig unausgewogen zu sein scheint.

Wie zuletzt bei "Cassandras Traum" tritt Woody Allen auch hier nicht selbst vor die Kamera, kann aber auf einen hervorragenden Cast zurückgreifen, der hier wirklich exzellente Arbeit verrichtet. Zunächst einmal wäre hier Javier Bardem zu nennen, der mit seiner charismatischen Art und seinem kühlen, aber doch gänzlich überzeugenden Spiel als spanischer Verführer hervorragend besetzt ist und damit nach seinem Oscar-Gewinn für "No Country for Old Men" erneut seine Klasse unter Beweis stellt. Darüber hinaus greift Allen mal wieder auf eine ganze Reihe attraktiver Hollywood-Schönheiten zurück. So spielt Scarlett Johansson nach "Scoop" und "Match Point" erneut unter der Regie von Allen und macht sich als leidenschaftliche und abenteuerlustige Cristina sehr gut, auch wenn Rebecca Hall, die momentan ebenfalls in "Frost/Nixon" zu sehen ist, ihre komplexe Figur, die allmählich an ihrer bisherigen Lebensauffassung zu zweifeln beginnt, vielleicht sogar noch überzeugender spielt und mit ihrer liebenswerten Art perfekt besetzt ist. Penelope Cruz, die für ihre Darstellung sogar den Oscar in Empfang nehmen konnte, spielt zwar eine etwas kleinere Rolle, doch das, was man von ihr zu sehen bekommt ist schlicht und einfach perfekt, so ist sie als psychopathische Künstlerin zwar durchaus suspekt, beinahe beängstigend, streut aber dennoch beiläufig einige hervorragende Gags ein und beweist komödiantisches Talent. Mit ihrer temperamentvollen Art verschmilzt sie zudem nahezu mit ihrem Charakter, womit der Oscar-Gewinn durchaus gerechtfertigt ist. Des Weiteren wären noch Kevin Dunn und Patricia Clarkson lobend zu erwähnen, die den Cast abrunden.

Fazit:
Einmal mehr widmet sich Woody Allen zwischenmenschlichen Beziehungen, verschiedenen Lebens- und Liebesauffassungen und serviert diese vielschichtigen Aspekte mit Situationskomik und Wortwitz so entspannt, einfach und sympathisch wie zu besten Zeiten. Darüber hinaus überzeugt der Film durch seine stilvolle Machart, mit warmen, romantischen Aufnahmen von Spanien, sowie durch seinen grandiosen Cast, in dem vor allem Javier Bardem, Penelope Cruz und Rebecca Hall wahre Meisterleistungen vollbringen. Umso ärgerlicher ist es, dass Allen den Film narrativ relativ holprig auf die Leinwand bringt, sich teilweise auf Nebenschauplätzen verliert und keine rechte Dramaturgie, keinen mustergültigen Spannungsbogen auf die Leinwand bringt. Dennoch eine empfehlenswerte und stilvolle Liebeskomödie, die einmal mehr einen Beweis für die beständige Qualität von Allens Werken darstellt, von denen man hoffentlich noch einige zu sehen bekommen wird.

70%

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