Französische Filme – nun ja, das ist nicht was für jedermann.
Aber zumeist bringen sie außerordentliche schauspielerische Leistungen mit sich und das ist es auch, was „Die Fantome des Hutmachers“ zu einer inspirierten Galavorstellung des psychologischem Kriminalfilms macht.
Claude Chabrol war noch nie an den bewährten Bahnen des Kriminalfilms interessiert, dafür seziert er in diesem Film ausgiebig das kleinbürgerliche Leben in einer französischen Kleinstadt der 60er Jahre, wo Ruhe und Biederkeit scheinbar das oberste Gebot ist. Inwiefern das nun wirklich stimmt, bleibt offen, doch daß es unter der biederen Oberfläche brodelt, beweist uns der Hutmacher Monsieur Labbe, der seinen Laden genau gegenüber dem des ärmlichen Schneider Kachoudas hat. Man sieht sich in die Augen, man blickt tiefer und man ahnt, es stimmt etwas nicht.
Tatsächlich: ein Würger ist in der Stadt und was keiner ahnt: Labbe ist der Täter, denn er wird von Panik getrieben. Wie wir nach und nach erfahren, hat er nämlich vor drei Monaten seine bettlägerige und äußerst schwierige Frau im Affekt erwürgt und meuchelt nun präventiv deren Freundinnen, die sie stets zu ihrem Geburtstag besuchten.
Wenn der Zuschauer die Szenerie betritt, ist der sechste Mord gerade begangen, der siebte wird ausfallen, da die Betreffende bereits verstorben ist. Chabrol führt uns nicht an den Taten entlang, er läßt den Zuschauer nach und nach den Abgrund ermessen, der sich in Labbe geöffnet hat.
Der von der Angst getriebene Täter spielt ein Briefspiel mit dem hiesigen Journalisten und sein Gewissen ist ihm stets auf der Spur, in Gestalt von Kachoudas, der ihm stets durch die Straßen folgt, um seine Taten weiß, aber nicht darüber redet, weil, wie Labbe ganz treffend bemerkt, ihm niemand glauben würde.
Die ungesunde Verfolgung, die schwächliche Konstitution und die unausgesprochene Schuld, nichts tun zu können, bringt Kachoudas den Tod.
Und als er schließlich stirbt, verfällt auch Labbes Gewissen, der vom Mörder aus Angst zum zwanghaften Täter wird, sich von seiner Frau verfolgt fühlt, Selbstgespräche führt und nun beginnt, auch andere Frauen zu ermorden. Mit seinem Hausmädchen fängt er an.
Michel Serrault bringt eine unglaubliche Leistung dieses unter dem Deckmantel der manchmal etwas aufbrausenden Harmlosigkeit agierenden Mörders, der den Anschein der Normalität mit zunehmender Mühe wahrt, Mahlzeiten zu seiner Frau aufs Zimmer bringt, sie stets (wie aus Schuld) dort auch noch einnimmt, mit ihr spricht, ständig nach ihr fragt.
Langsam jedoch, unbemerkt, zerbröselt die normale Fassade, fängt Serrault an, schräge Züge zu zeigen, spricht ungewollt laut, schreit kurz, lächelt, reibt sich die Hände, kichert unvermittelt. Einem Polizeibeamten zeigt er unter diesen Vorzeichen das Zimmer seines Opfers, während die Leiche nebenan unter seinem Bett liegt.
Chabrol zeigt Labbes Leben als einen steten Ablauf von eingespielten Vorgängen, Essen, Spaziergängen, Kartenspiel in einer Wirtschaft, während seine Psyche langsam aber sicher Schaden nimmt. Was seiner Frau geschehen ist, erfährt man erst Mitte des Films, das Motiv wird nebensächlich, je mehr wir für den eigentlich unsympathischen Burschen langsam Mitgefühl entwickeln.
Ein stiller Film voll des Horrors, denn das Grauen könnte ebensogut unter uns sein, mögen wir auch nicht so kleinbürgerlich und miefig sein – denn eine Maske trägt ein jeder Mensch. (8/10)