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Mit seinem Programm „Jesus Christus Erlöser“, an dem Kinski jahrelang gearbeitet hatte, bestieg er im November 1971 allein und nur mit einem Mikrofon ausgestattet die Bühne, mit der Intention, intelligent die der christlichen Mythologie entstammende Geschichte des Jesus Christus als Aufhänger zu nehmen, um kübelweise Gesellschafts- und Sozialkritik, insbesondere gegenüber Autoritäten und Mächtigen, auszuschütten. Das zumindest zu einem Teil sich als links-alternativ begreifende Publikum, vermutlich auch durchsetzt mit reaktionären Anhängern der christlichen Religionen, reagierte aus unterschiedlichen Gründen empört und störte und unterbrach immer wieder die Aufführung, was Kinski natürlich bis aufs Blut provozierte. Die dokumentarisch aufgearbeitete Show, die mit Kommentaren aus Kinskis Autobiographie versehen wurde, strotzt nur so vor Zeitkolorit und zeigt eine Art Generationenkonflikt auf, der sich in miss- bis unverständlicher Weise zwischen Kinski und seinem Publikum entlud, das aufmüpfig und respektlos alles zu hinterfragen suchte, bis es aus seiner Selbstgefälligkeit heraus offensichtlich nicht mehr imstande war, zu abstrahieren und die künstlerische, zutiefst leidenschaftliche, emotionale und inhaltsstarke Darbietung richtig einzuordnen. Kinski steigert sich so sehr in seine Rolle hinein, dass er Tränen in den Augen hat. Mit gleicher Intensität bricht seine Wut über das Publikum heraus, bis er endlich, irgendwann Nachts, vor einem kleinen Kreis Interessierter seine Aufführung weitestgehend ungestört vollziehen kann. Ein den Zeitgeist der frühen 1970er offenbarendes und gleichsam hochkritisches, kein gutes Haar an Kirche und organisierter Religion, Kriegen und Kriegstreibern, Politik und Gesellschaft lassendes Stück deutscher Kultur.

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