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Death to the demoness Allegra Geller!

Viele werden sich durch dieses Zitat unweigerlich an "Videodrome" erinnert fuehlen, wird dort doch anstelle von Daemonin Allegra Geller, dem Videodrome der Tod gewuenscht. Und tatsaechlich bleibt dieser Ausspruch nicht die einzige Parallel zwischen den beiden Filmen: Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) ist Star-Softwareentwicklerin des Unternehmens Antenna Research, welches sich fuer eine radikale Neuerung auf dem Videspiel-Markt verantwortlich zeigt - eXistenZ. Bei diesem Computerspiel wird der Spieler mittels einer Konsole, welche tierischen Gewebeklumpen aehnelt und einem Bioport, der in den Ruecken der Testpersonen eingepflanzt wird, um somit eine direkte Verbindung zum Nervensystem herzustellen, miteinander verbunden durch eine Art Nabelschnur, in eine virtuelle Welt befoerdert. Dieser Uebergang in die virtuelle Welt soll moeglichst nahtlos von statten gehen, sodass fuer den Spieler kein Unterschied zwischen Realitaet und Spiel besteht. Bei der Praesentation von eXistenZ kommt es jedoch zum Eklat: ein Irrer schiesst mit einer selbstgebauten, scheinbar organischen Waffe auf Allegra mit der Absicht, jene zu toeten. Der Anschlag misslingt jedoch, der Angreifer wird selbst gerichtet und Allegra flieht zusammen mit dem vom PR-Berater zum Bodyguard umfunktionierten Ted Pikul (Jude Law). Nachdem Ted festgestellt hat, dass Allegra nicht durch ein Projektil, sondern durch einen menschlichen Zahn, der aus der Waffe abgefeuert wurde, verletzt wurde, wird Allegra klar, dass durch den Angriff ihre Konsole beschaedigt worden ist, und sie Gefahr laeuft, ihr Spiel zu verlieren. Die einzige Rettung besteht darin, dass ein Mitspieler "ihr" Spiel aufnimmt, damit ihr Bioport weiterhin Energie beziehen kann. Schliesslich ueberredet sie Ted, der noch keinen Bioport besitzt, sich selbigen direkt an der Wirbelsaeule implantieren zu lassen. Sichtlich unwillig stimmt Ted ein - die Odyssee durch eXistenZ kann beginnen.

Cronenbergs "eXistenZ" wird haeufig als inoffizieller Nachfolger seines Kultfilms "Videodrome bezeichnet, was aufgrund vieler Aehnlichkeiten durchaus berechtigt erscheint. So bleibt in beiden Filmen lange Zeit lang offen, was nun Realitaet oder Halluzination bzw, Realitaet oder virtuelle Realitaet ist. Sind es in "Videodrome" die blasen schlagenden, niemals zu ruhen scheinenden Videocassetten, werden in "eXistenZ" die Anus-foermigen Konsolen mit den Nabelschnur-aehnlichen Verbindungskabeln zur Eintrittskarte fuer Cronenbergs eigene Freakshow. "eXistenZ" spielt mit der Wahrnehmung des Zuschauers, stellt diese gleichzeitig in Frage und erweitert dessen Horizont stetig. Aehnlich wie Max Renn befuerchtet Allegra Geller, die Bedrohung komme aus ihrem Inneren, in Form eines defekten bzw. im spaeteren Verlauf infizierten Bioports - organischer Horror in Perfektion. Cronenberg laesst Gegenstaende wie Spielekonsolen, Pistolen und Telefone in einem neuen, erschreckenden organischen Gewand erscheinen, allerdings tut er dies mit einer Kontinuitaet, die das Auftauchen jener zur Normalitaet werden laesst. Skurrile Momente, wie das Abfeuern von Zaehnen, das Einstoepseln von Nabelschnuren in den Ruecken haben etwas Surreales, nicht-Wirkliches. Mit dem staendigen, schnellen Wechsel Ted und Allegras zwischen eXistenZ und "Realitaet" verwirrt Cronenberg den Zuschauer vollends, der nicht mehr weiss, wo genau die beiden sich befinden, und was reale Bedrohung und nur Erdachtes ist. So werden die Protagonisten zu Sklaven des Spiels, die wider ihre Absichten und Wuensche handeln, die das Spiel nicht toleriert bzw. voranfinden. Wieder ruft Cronenberg zum Mediendiskurs auf: der Mensch als Spielball, kontrollierbar und beliebig austauschbar. Allegra fuehlt sich in diesem Szenario sichtlich wohl, ist sie doch darauf bedacht, "ihr" Spiel am Leben zu halten. Ted, der zunehmend aengstlicher wird, in Anbetracht dessen, dass immer mehr Ereignisse der Realitaet ueber das Spiel hereinbrechen, hat sich vollkommen in dieser, fuer ihn irrealen und feindlichen Welt, die ihn Dinge machen laesst, die ihm widerstreben, verloren. Was ist echt, was nur sensorischer Input? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film, um dann am Ende, Cronenberg-typisch, nicht beantwortet zu werden. Mal wieder verlangt der kanadische Ausnahme-Regisseur seinem Publikum einiges ab. Stellt sich doch am Ende heraus, dass Allegra und Ted die ganze Zeit ueber ein Spiel, welches sich "transCendenZ" nennt, gespielt haben. Nur um dann am Ende zu realen(?) Moerdern zu werden, und den Entwickler von tranCendenZ zu toeten.

Nun stellt sich die Frage: befinden sich Ted und Allegra noch immer in einer virtuellen Realitaet oder etwa doch nicht? Was ist real und was fiktiv - vor diese Frage stellte uns David Cronenberg bereits einmal, und zwar in "Videodrome". Somit erscheint der Vergleich durchaus berechtigt, aehneln sich diese beiden Ausnahme-Filme doch in Handlung, filmischer Ebenen und vor allem in ihren Leitfragen. Auch ist die Cronenberg'sche Koerperlichkeit allgegenwaertig - Veraenderung, Machtlosigkeit, Angst, um nur einige Stichwoerter zu nennen. Abschliessend bleibt zu sagen, dass "eXistenZ" ein grandioser, mitreissender und intelligenter Film ist, dessen einziges Manko der sich aufdraengende Vergleich zu "Videodrome" ist. Allerdings braucht "eXistenZ" sich nicht davor zu verstecken!

8,5/10

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