Jakob (Christoph Maria Herbst) und sein Bruder Lorenz (Klaus J. Behrend) sind ein sehr ungleiches Brüderpaar. Was beide vereint, ist das problematische Verhältnis zu sich und ihrer Familie. Denn beide haben den frühen Tod ihres Vaters nicht verarbeitet und Lorenz ein nahezu traumatisches Erlebnis gehabt, als er Mami mit dem neuen Lover beim Poppen erwischt hat. Jakob kümmert sich um seine Mutter, während Lorenz die Familie verlassen hat. Jakob überredet seinen Bruder nachhause zu kommen, da ihre Mutter (Hannelore Elsner) an Alzheimer erkrankt sei. Gemeinsam machen sich Brüder in Lorenz altem Volvo auf den Weg. Unterwegs gabeln sie an einer Autobahnrasta die (noch) pubertierende Tramperin Lara (Sophie Rogall) auf, die Probleme mit ihrem Vater hat und von Zuhause abgehauen ist. Ihr Vater verschweigt ihr auch den Tod der Mutter. So macht sich das Trio sich auf ein Roadmovie durch deutsche Lande. Dabei entstehen immer wieder angenehm komische Situationen und ernste, nahezu dramatische Auseinandersetzungen zwischen den dreien und ihrem Leben.
Daniel Waltas erster Kinofilm Jakobs Bruder ist schwer zu beurteilen. Vielleicht sollte man es auch lassen, aber irgendwie geht das nicht. Und da es ein deutscher Film ist, beginne ich meine Kritik auch typisch deutsch. Erst mal das Negative:
Der Film hat unübersehbare Schwächen: Der Score nervt schon nach wenigen Minuten, da er sich im Grunde auf zwei Motive beschränkt, die immer wieder äußerst unmotiviert auftauchen. Das Drehbuch vermag nur wenig Neues zu erzählen. Denn die Tatsache, dass Lorenz Mami nicht mehr mag, weil sie einen griechischen Gastarbeiter vögelt und später wohl auch heiratet, ist nicht besonders kreativ. Aber: Wer mag seine Mutter schon beim Poppen beobachten, das hinterlässt durchaus Spuren. Dass diese Geschichte hauptsächlich über Rückblenden erzählt wird, mag auch nicht wirklich fesseln, die Erzählstruktur bietet hier zu wenig eigenes, auch wenn die Rückblenden in die 70er sehr liebevoll ausgestattet sind. Ein paar weniger davon hätten den Erzählfluss straffer gemacht. Auch die Nebenfiguren, vor allem in den Rückblenden, oder etwa der junge Kerl im Krankenhaus gegen Ende des Films sind enttäuschend. Dass der Pimpf so auf „Jo eh, ich bin cool“-Sprache steht ist sicher nicht dem Darsteller, sondern dem Drehbuch anzukreiden, das zwar seine Hauptfiguren liebevoll zeichnet, aber bei den Nebenfiguren doch eine deutliche Auszeit genommen hat. Wirklich ärgerlich sind aber die Logikfehler, denn sie begleiten den Betrachter über den ganzen Film. Recht früh - auf der Autobahnrasta – prügelt Lorenz seinen kleinen Bruder Jakob mal wieder aus einem Streit heraus. Dabei verliert Lorenz sein Portemonnaie, das er in seinem Jackett aufbewahrt. Doch Jakob braucht mehrere Tage, um den Verlust zu bemerken. Ein weiterer übler Schnitzer: Lara ist Diabetikerin. Als sie sich ihr Insulin spritzen möchte, vermuten Jakob und Lorenz, dass sie Drogen nimmt und machen die Spritzen unbrauchbar. Aber erst Tage später hat Lara ein Problem mit ihrem Blutzucker. Wozu bitte wollte sie sich also zuvor das Insulin spritzen?
Nun zum Positiven: Das Beste an diesem Film sind die drei Hauptdarsteller und ihr Spiel miteinander. Sowohl Herbst als auch Behrend füllen ihre Figuren mit viel Liebe und Leben. Die Brüder wirken glaubwürdig. Vor allem Christoph Maria Herbst weiß mit seiner Mischung aus Warmherzigkeit und skurril-sarkastischem Stromberg-Blick zu überzeugen. Auch Behrend macht seine Sache hervorragend und gibt einen wunderbaren Gegenpol zum extrovertierten Spiel Herbsts. Den beiden würde ich zehn Punkte geben, denn sie machen auch hier einige Schwächen des Drehbuchs klar wett. Die Figur der Lara hinkt etwas hinterher. Vor allem der Konflikt mit ihrem Vater wird sehr nebensächlich abgespeist, dafür trumpft sie in den Auseinandersetzungen mit Lorenz auf. Ein weiterer Pluspunkt ist die ruhige Erzählweise, die aber auch immer wieder etwas Tempo aufnimmt. Die Fotografie des Filmes ist ebenso schön wie unaufgeregt. All dies verleiht dem Film eine sehr angenehme Atmosphäre, in der sich die Figuren und die Geschichte entwickeln können und der Zuschauer dies genüsslich auf sich wirken lassen kann. Und gegen Ende wartet ein wunderbar melancholischer Twist, in dem Herbst den Zuschauer mit einem traurigen, jenseitigen Blick entlässt.
Fazit: Jakobs Bruder ist zwar ein
Roadmovie, sollte aber nicht nur als solches betrachtet werden. Denn der Film
ist auch eine Komödie und ein wunderbares Drama. Leider ist dies ein wenig zu viel, vor allem für das Drehbuch, aber auch für den Regisseur. Die Logiklöcher sind sehr ärgerlich, hier hätte das Team den Zuschauer mehr Respekt entgegenbringen sollen. Denn diese sind sehr auffällig und hätten locker entfernt werden können. Atmosphärisch und schauspielerisch überzeugt Jakobs Bruder, bis auf die Nebenrollen. Es ist ein Film, de auchr zeigt, dass es auf dem Land noch Bankfilialen in Baucontainern gibt. Neben dem Besäufnis und der anschließendenPrügelei der Brü der eine der schönsten Szenen des Films. Die Geschichte verdient 5,5 Punkte, die Hauptdarsteller 8,5, das Drehbuch nur 2 Punkte. Vor allem durchs letzteres rutscht die Wertung deutlich tiefer, als es der Film an sich verdient hätte, stellt man die Hauptfiguren und die Hauptdarsteller in den Vordergrund, was man auf jeden Fall tun sollte. Insgesamt geb ich dem Film also 6 Punkte, denn ich fand ihn sehenswert.