Ein Kind zu töten – und dann auf Vergebung zu hoffen, ist eine knifflige Sache.
Gerade in der modernen Gesellschaft, in der der Mensch von zahllosen Medien in seiner Meinungsfindung beeinflußt wird, kann man nicht automatisch hoffen, eine zweite Chance zu erhalten.
Und das ist auch das Problem von „Boy A“, einem gerade erwachsenen Jungen, der in einer falschen Identität einen Neuanfang startet, da er als Elfjähriger ein Verbrechen begangen hat, für das er als Teufel gebrandmarkt wurde.
„Jack Burridge“ heißt der junge Mann, der, von einem Sozialarbeiter angeleitet, wieder in die Gesellschaft finden will, immer auf der Hut vor der Medien, der Entdeckung und auf der Flucht vor sich selbst, der noch nicht verarbeiteten ursprünglichen Identität, die er niemandem anvertrauen kann, egal welche Fortschritte er gemacht hat.
Regisseur Jack Crowley orientierte sich bei der Entwicklung der Geschichte von „Boy A“ an einem wahren Fall, in dem zwei Kinder ein Kleinkind mitten in einer englischen Großstadt entführten und dann später auf einem Bahngelände ermordeten. Ein ähnlicher Vorfall liegt auch im Film zugrunde, allerdings sind das nicht die Gegebenheiten, mit denen der Zuschauer von Beginn an versorgt wird.
Crowley geht es nicht nur um die Fallschilderung, sondern positioniert das Publikum ohne Vorwissen in einem zunehmend moralischen Dilemma.
Als man Jack in der ersten Szene sieht, wirkt er mehr wie gerade aus einer Therapie entlassen, schüchtern, linkisch, nervös, geradezu zwanghaft. Sein Lächeln hat einen gewissen Charme, doch die Unsicherheit ist unübersehbar. Und doch muß der Zuschauer sich entscheiden, ob er den jungen Mann mag oder nicht, wie er erste unsichere Schritte ins Leben macht, einen Job anfängt, Kontakte knüpft, Freunde findet, ein Mädchen trifft und seine Unschuld verliert.
Jungdarsteller Andrew Garfield liefert einen Höllenjob ab, diese Figur glaubhaft erscheinen zu lassen, auch wenn die Neigung zu sozial gestörtem oder beinahe autistischen Zügen das zeitweise problematisieren.
Hat man sich aber erst mal für ihn entschieden, sitzt man als Zuschauer in der Falle – denn bis dahin weiß man von seinem Vorleben noch relativ wenig, nicht mal wirklich ob er schuldig ist oder nicht.
Nur behutsam und sehr unregelmäßig setzt Crowley Rückblenden, manche länger, manche kürzer, die Licht auf den Charakter werfen, die zerborstene Familie, die Schulschwänzerei, die Freundschaft mit einem anderen Jungen, der, von seiner Familie mißbraucht, ein brodelnder Vulkan an Agressivität ist. Erst spät registriert man, was für ein kleiner Schritt es ist von der kindlichen Neugier zu offener Brutalität, als die Jungen einen Aal angeln und das Tier schließlich geradezu zu Brei schlagen, um den Kadaver dann gedankenlos zu entsorgen.
Dabei kommt es Crowley weniger auf die Schuldfrage an (die steht zum Teil zumindest fest), sondern auf die Darstellung des Seiltanzes, den Jack aufführen muß, um selbst ein vollständiger Mensch zu werden – er entdeckt alle Wunder dieser Welt – und der Zuschauer entdeckt überall potentielle Gefahren, die seine Identität decouvrieren könnten. Eine Schlägerei, die Rettung eines Mädchens aus einem Unfallwagen, der Jack in die Presse bringt; Andeutungen und Lügen. Schließlich erträgt er die Unfertigkeit der beiden Hälften nicht mehr, doch das Schicksal nimmt ihm die Entscheidung ab und es kommt aus einer gänzlich unerwarteten Richtung...
„Boy A“ ist behutsam und einfühlsam, trotz aller rauhen und realistischen Inszenierung eines ausgebleichten Stadtlebens irgendwo in Großbrittanien und die Intensität ist seine große Stärke.
Doch der Film hat auch formelle Mängel, die ihm latent schaden. So wirkt die Vater-Sohn-Situation zwischen Sozialarbeiter und Ex-Sträfling überbetont, ja ungesund, während es offensichtlich ist, daß Jack dringend dauerhafte psychologische Unterstützung nötig hätte. Die Aufdeckung ergibt sich auch nicht aus Jacks Verhalten, sondern wird als logische Folge eines dramatischen Kniffs präsentiert, Jack wird das Opfer einer gänzlich anderen Form „kaputter Familie“.
Und schlußendlich wirken gewisse Elemente filmisch gekünstelt – wie etwa die Rettung eines jungen Mädchens aus einem Unfallauto, das eine Art Katharsis, eine Form der Reinigung und Erlösung darstellen soll, wie das Finale zeigt, aus dessen notwendiger Konsequenz sich Crowley aber ein bißchen mittels versponnener Offenheit heraus laviert. Stattdessen macht er den Täter des Films gänzlich zum Opfer, daß irgendwo an der Küste noch einmal mit allen seinen ihm bekannten Mitmenschen Bilanz ziehen kann.
Dabei bleiben andere Plotpoints unterentwickelt – das Schicksal seines damaligen Freundes bleibt spekulativ, die Rolle der Medien arbeitet nur im Hintergrund vorhanden und das wahre Innenleben Jacks auf ewig ein Rätsel, so wenig wird erklärt, so viel soll das Publikum emotional mitverarbeiten.
Dennoch bleibt „Boy A“ ein kantiger, aber sehr mutiger Film, der einiges an Fragen aufwirft, auf denen man eine Weile herumkauen darf, um sich zu fragen, wie man selbst entscheiden würde, wenn man die Vorgeschichte eines Menschen nicht kennt. Hätte Crowley dann noch den Plot nicht gesondert auf „Film“ getrimmt, wäre ggf. sogar ein Meisterwerk draus geworden – so ist es eben ein sehr individuell ernstes Drama. (7/10)