Review

Zu mehr als Bitterschokolade reicht es leider nicht 

Tony Jaa stieg vor einigen Jahren mit dem Thaiboxkracher „Ong Bak“ zu einem gefeierten Martial-Arts-Star auf und errang spätestens mit der Quasifortsetzung „Tom Yum Goong“ über die Grenzen seines Landes hinaus Bekanntheit. Gemeinsam mit Prachya Pinkaew, dem Regisseur dieser beiden Streifen, machte er das thailändische Prügelkino somit in knapp drei Jahren (2003-2005) quasi im Alleingang salonfähig und Thaiboxkurse und Billigkampffilmchen wieder rentabel. In eine ebenso nebensächliche wie belanglose Story verpackt konnte sich der Zuschauer zweimal hintereinander knapp 90 Minuten lang Thai-Kämpfe der Extraklasse zu Gemüte führen und sich an gefühlten 100 Ellbogen-vs.-Kopf-Szenen und vier Dutzend gebrochenen Gliedmaßen erfreuen.

Eben jener Regisseur ging, beflügelt vom Erfolg von „Ong Bak“ und „Tom Yum Goong“, vor einigen Jahren auf die Suche nach einem würdigen Tony Jaa Nachfolger für ein weiteres Kampfsportspektakel. Diesmal sollte die Hauptfigur jedoch kein durchtrainierter Kampfsportler sondern eine (verletzlich wirkende) Kampfsportlerin werden. Anstatt Tony Jaa schaltet in „Chocolate“ somit die noch weitgehen unbekannte Tae-Kwon-Do Expertin Yanin Vismitananda eine Hundertschaft an Gegnern aus, ohne so wirklich ins Schwitzen zu kommen. Mehrere Jahre Training, Postproduktion und Dreh folgten und das fertige Produkt konnte aufs Publikum losgelassen werden.  

Wer sich nun allerdings eine wenigstens geringfügige storytechnische Qualitätssteigerung oder handlungsablaufmäßige Überraschung erwartet hat wird enttäuscht werden. Wirklich beachtlich an „Chocolate“ ist nämlich lediglich die Tatsache, dass man es mit vereinten Kräften geschafft hat, die Grundstory, in die die Kampfszenen eingebettet sind, noch uninteressanter und dämlicher als in den Quasivorgängern zu gestalten. Die einzige wirkliche Änderung die Prachya Pinkaew während der Dreharbeiten nämlich offensichtlich im Sinn hatte war der Geschlechtertausch in der Hauptrolle. Die Story präsentiert sich folglich unzusammenhängend und mäßig interessant wie immer. 

Eine Romeo (Masashi) und Julia (Sin) ähnliche Beziehung wird aufgedeckt und der Gangsterlover muss zur Deeskalation wieder zurück nach Japan. Julia (Synonym für gebrochene, aber ewig ergebene Geliebte) ist schwanger und bringt ein autistisches und introvertiertes Mädchen zur Welt, das sich im Alleingang Thaiboxen beibringt und als Straßenattraktion (durch ihre schnellen Reflexe bevorteilt) Bälle, die aus allen Richtungen auf sie geworfen werden, fängt - der Cirque Du Soleil lässt grüßen. Nachdem ihrem Freund ein Buch mit Schuldnern ihrer Mutter (die eine ehemalige Gangsterbraut ist) in die Hände fällt, das Geld gerade knapp ist und Mami eine teure Behandlung benötigt, treiben die beiden das Geld auf ihre Art ein.
Kurz und bündig zusammengefasst geschieht ab diesem Moment folgendes: In absolut lächerlichen Szenen stottert das Mädchen „Mama muss ins Krankenhaus“ oder „Mamas Geld“ und verkloppt alle Schuldner, die ihre Schulden nicht freiwillig begleichen wollen. Basta. 

Will man den Film nur an seinen Actionszenen messen ist er sicherlich im oberen Qualitätsbereich anzusiedeln. Zwar kracht es weniger als noch im Vorgänger, wenn Ellbogen auf Köpfe und Rücken treffen und die Kampfszenen schmerzen nicht ganz so sehr wie noch in „Ong Bak“, aber die Wucht mit der die knapp 24jährige Yanin Vismitananda ihre Gegner ausschaltet ist bewundernswert. Leider beginnen die Kampfszenen den Kampfsportaficionado nach der x-ten Wiederholung zu langweilen und die hirnverbrannte Story tut ihr übriges um den Zuschauer komplett auszuschalten. Bei näherer Betrachtung wirken die Kämpfe überdies zu wenig explosiv und ästhetisch, zu weich, unecht und gespielt um es mit den besten Genrebeiträgen aufzunehmen - es fehlen Körperschau und Zeitlupeneinstellungen des Vorgängers. 

Ich frage mich außerdem, warum man als Hauptperson nicht einfach ein normales Mädchen nehmen konnte. Warum musste es eine lächerlich gespielte Autistin mit Angst vor Fliegen (die sich aber, wenn es gerade passt, mir nichts dir nichts, mit einem Tennisschläger verscheuchen lassen) und ständig gleichen Sätzen („Geld für Mama“) werden? Wahrscheinlich wollte man den Kontrast zwischen harmlosem autistischen Mädchen und Kampfsportgenie besonders klar darlegen. Das ging aber ziemlich in die Hose. Die knapp 85 Minuten wirken übermäßig in die Länge gezogen und die Rahmenhandlung um das getrennte Paar, die autistische Tochter und die schwerkranke Mutter verkommt spätestens beim hanebüchenen Ende zur Farce.
Wer eine Sozialstudie sehen will greift wahrscheinlich auch zu einer DVD dieser Kategorie und nicht zu einem Kampffilm.  

Natürlich verliert es nie seinen Reiz zuzusehen wie Saltos geschlagen werden, Parcour mit Thaiboxen verbunden wird und eine Einzelperson eine Armee besiegt, aber in „Chocolate“ stimmt die Mischung einfach nicht.  

Fazit
Gute, aber etwas weiche Kampfszenen, viele Opfer und eine passende Optik stehen einer schlechten Story, miesen Darstellern, zu wenig Ästhetisierung, zu viel pseudo Tiefgründigkeit und unterirdischen Dialogen gegenüber.
Zu mehr als Durchschnitt reicht es somit nicht.

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