Review

Kennt noch jemand Vin Diesel oder ist zumindest bekannt, was das haararme muskelbepackte Kantengesicht fähig war auszustrahlen, wenn das Thema nur düster genug und die Action so richtig schön rotglühend war?
Alle Actionstars kommen irgendwann in die Jahre, wenn sie sich ausgetobt haben und dann versuchen sie, solide zu werden, was bedeutet, daß sie in albernen Komödien ihre softe Seite ausspielen, solange sie nur irgendwelche Blödmänner nebenbei durch die Gegend schubsen können.
Diese Phase hat Vin Diesel bereits hinter sich, und auch wenn der „Babynator“ ein Kassenerfolg war, so verabschiedete er sich bald wieder von diesem Trend und suchte sich ernsthaftere Themen.
Aber so ganz verabschieden von der Action können sich die Typen nie – schließlich gibt es für Shakespeare besser Geeignete und so landete er schließlich bei einer anspruchsvollen SF-Produktion: „Babylon A.D.“!

„Zukunftsmusik“ schwebt über dem Ganzen, eine filmische Arie pessimistischer Dystopie – wir sind irgendwann im 21.Jahrhundert (vermutlich so um 2030) und die Welt ist am Arsch. Europa ist zerfallen, überall herrscht Terror und Anarchie, zumindest drunten im Balkan, im Nahen Osten und in Rußland ist sowieso der Bär los. Kriege haben die Landschaft verwüstet, Kriminalität hat die Fäden in der Hand und alle wollen nur fliehen – bloß weiß keiner wohin. Denn Amerika ist selbst ein Land für Kontrollfreaks geworden und die Sekte der „Neoliten“ haben schon eine Viertelmilliarde Anhänger und tapezieren jede Bildwand mit dem Prophetenbildnis Charlotte Ramplings. Prost Mahlzeit.

Man muß Mathieu Kassovitz, Regisseur von „La Haine“, „Die purpurnen Flüsse“ und „Gothika“ zugute halten, daß er sich der futuristischen Romanvorlage mit dem gebührenden Ernst genähert hat. Der Mann hatte offenbar eine grimmige Version – und nun liest man in den Medien, daß seine Fassung der Geschichte zugunsten von typischer Hollywood-Tauglichkeit verstümmelt und gekürzt wurde. Inwieweit das der Wahrheit entspricht, werden wir sicherlich erst erfahren, wenn ein Directors Cut das Licht der Welt erblickt, doch auch in dem rudimentären Rest stecken noch teilweise beachtliche Qualitäten.
Es ist nämlich ein durchaus realistisches Licht auf die mögliche Welt von morgen, die hier vor unseren Augen vorbeizieht. Anarchie statt Zivilisation, Umweltzerstörung, Waffengewalt als Kriegsfolge, nur die Harten überleben. Da paßt ein Typ wie Vin Diesel, der sich etwas beweisen will, als spröder Söldner durchaus gut hinein: der Harte mit dem gewissen Ehrenkodex, der ein geheimnisvolles Mädchen aus einem kasachischen Kloster quer durch Rußland, Alaska, Kanada und die USA nach New York bringen soll.

Den Weg dorthin säumt so mancher interessante Einfall – Bombenanschläge, die tunlichst akzeptiert werden; ein Trans-Sibirien-Express, der versiegelt wird, als er eine Falloutzone durchfährt; Rußlandflucht per U-Boot nach dem Prinzip des Schnellsten, hermetisch versiegeltes Amerika mit automatisierten Stealth-Kampfdrohnen, die illegalen Einwanderern (und Eisbären) zeigen, wo Bartel den Most holt.
Dazwischen: das große Mysterium, die geheimnisvolle Schöne und ihre asiatische Aufpasserin, die Dinge spüren und voraussehen kann, hinter der entweder ein Geheimnis oder eine große Gefahr steckt – aus dieser möglichen Kontroverse, daß hier die Hauptfigur das Falsche tut (wie uns ein kurzer Prolog schon andeutet oder auch nicht), schöpft der Film den eigentlichen Antrieb. Und so robust, derbe und weise, wie es eben nur geht, haut, schießt und springt Diesel rund um den Erdball, denn ein Auftrag ist ein Auftrag...

Aber Vignetten und schöne Bilderfluten sind dann eben doch nicht alles, wenn man nicht im Kern wirklich etwas zu berichten macht, was die Aktualität des erzählerischen Rahmens ausfüllt und lebendig wirken läßt.
Da kann Kassovitz leider nur eine bunte Steppdecke vielgereister Motive vorweisen, die über weite Strecken leider Gottes sehr stark an Bessons „Das fünfte Element“ erinnern, abzüglich der Albernheiten und vieler bunter Farben.

Diesel ist eben dann doch nur ein Söldner, wie sie schon seit ewigen Zeiten durch den Westen reiten, den persönlichen Vorteil im entscheidenden Moment für die gute Sache eintauschend. Michelle Yeoh als Aufpasserin bleibt die ganze Zeit ein lamentierendes Chiffre ohne erzählerische Funktion und Melanie Thierry als die mysteriöse Aurora ist auch nur wieder eine Milla Jovovich a la Besson: hübsch, andersweltlich, gefühlvoll und mit zunehmender Spieldauer nervt sie den Zuschauer mit ihrer Teilzeitnervosität einfach an. Zu irrational und sprunghaft ist ihre Figur angelegt, als das mit ihr auch nur eine Minute gut mitfühlen könnte.

Wahrhaftig abgedroschen ist aber der Kern der Geschichte, die sonst auch noch Versatzstücke aus „The Transporter“, „Blade Runner“ oder „Children of Men“ in sich vereint: eine letztendlich banale Heilsbringer/Erlösergeschichte, die sich selbst in narrativer Dürre in sich selbst auflöst. Kommt es so längeren Dialogphasen, wird’s meistens gemeinphilosophisch, süßlich oder pathetisch, bisweilen sogar albern; wird auf die Bilderflut gesetzt, rauscht alles an einem vorbei oder die Reisestory drängt die Tragik baldigst wieder in den Hintergrund, hin zum nächsten bösartigen Eyecatcher.

Natürlich erwartet man vom Kern der Story gegen Ende hin dann eine gewisse Offenbarung, aber eine dermaßen simple religiöse Versuchsanordnung ist dann doch einige Strophen zu banal.
Noch dazu versandet der Film nach seinem Showdown noch in einem viertelstündigen Epilog, der von akuter Erklärbärwut gegeißelt wird, um dann in süßlicher Sentimentalität zu ertrinken. Und gerade als man einem finalen Paukenschlag entgegenfiebert, wird einfach das Licht ausgedreht und das Publikum mit diversen offenen Geschichtsfäden in der Hand aus dem Saal geworfen. Das ist kaum noch brüsk, das ist schon brachial. Oder liegt an den Schnitten. Oder an dem Willen zur Fortsetzung.

Was mit nach Hause nehmen kann ist die Gewißheit, daß Diesel seine spröde Härte durchaus mit Gefühl und etwas schauspielerischem Geschick anreichern kann, und daß eine banale Story in schicken Bildern ein Happening werden kann, eine ebensolche in finsteren Zeiten ganz schnell in die Lächerlichkeit abrutscht.
Cuaron hat uns allen ein Monument in die Landschaft gepflanzt, um daß noch lange Regisseure nur mühsam werden herumschiffen können. Kassovitz ist leider in den Untiefen des Themas gekentert, dabei hatte sein Boot doch so ne tolle Farbe. Immerhin: diskussionswürdig ist der Film damit allemal, ob von der Mitte nach oben oder nach unten. In meiner Kombüse: eher nach unten. (4/10)

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