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„Er ist Engländer, aber das merkt man nicht!“ (Ist das jetzt positiv oder negativ gemeint?)

„Goldfinger“ aus dem Jahre 1964 war der erste James-Bond-Film, der unter der Regie Guy Hamiltons („Diamantenfieber“) entstand und der dritte überhaupt in der britischen Reihe der Mutter aller Agentenfilme, die von Schriftsteller Ian Fleming erdacht wurde, der auch für „Goldfinger“ die Romanvorlage lieferte und tragischerweise im Jahr des Kinostarts verstarb. Verbrechergenie Goldfinger (Gert Fröbe, „Der kleine Vampir“) will Fort Knox plündern, James Bond (Sean Connery, „Der Name der Rose“) soll das verhindern.

Der weltgewandte Mr. Goldfinger, der sein Leben der Sammlung von Edelmetallen verschrieben hat, lange vor der sexuellen Revolution und Gleichstellung der Geschlechter auffallend viele Frauen beschäftigt und ihnen damit Karrierechancen außerhalb von Heim und Herd bietet, will also die US-amerikanische Regierung ihres obszönen Reichtums entledigen, die damit ohnehin nur Fragwürdiges leistet. Bei revolutions- und Beatles-feindlichen Sprüchen treffen sich geheime Regierungskreise protzig bei Cognac und teuren Zigarren in noblen Prunkbauten und beauftragen den chauvinistischen Auftragskiller James Bond, die Umverteilung des Reichtums mit allen Mitteln zu verhindern! So zieht die über dem Gesetz stehende und sich vor keinem Gericht verantworten müssende Tötungsmaschine auf der Suche nach Mr. Goldfinger von dannen…

Der gutaussehende, aalglatte Bond manipuliert ein Kartenspiel Mr. Goldfingers mit einem Geschäftspartner, indem er eine von Goldfingers Angestellten bedroht und anschließend verführt. Schwer enttäuscht von der Illoyalität der Dame, muss Mr. Goldfinger das Beschäftigungsverhältnis notgedrungen aufkündigen, vermacht ihr jedoch noch eine opulente Abfindung in Form eines Ganzkörperdresses aus echtem Gold. Doch Bond treibt weiter sein perfides Spiel und lädt Goldfinger zu einer Partie Golf. Auch hierbei hält er allerdings nicht viel von Fairness und Sportsgeist und kommt nur durch Betrug zum Sieg. Dennoch nimmt Goldfinger, der Arbeitsplätze für Migranten aus dem asiatischen Raum schafft, es gelassen und lässt seinen sprachbehinderten, ostasiatischen Assistenten, der vermutlich große Schwierigkeiten hätte, einen anderen Job zu finden, aber glücklicherweise von Goldfingers sozialer Ader für Minderheiten und Randgruppen profitiert, Bond zu Ehren Kunststücke mit seiner Kopfbedeckung aufführen. Als Bond wenig später luxuriös in einem Privatflieger zu Goldfingers Anwesen chauffiert wird, behandelt Goldfinger ihn noch immer bevorzugend und präsentiert ihm neueste Technik, lange bevor diese auf internationalen Fachmessen ausgestellt wird. Bond kam gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie Goldfinger der Menschheit weitere große Dienste leistet, indem er kurzerhand die Mafia quasi komplett zerschlägt. Was für ein Mann! Doch der notgeile Bond weiß all das nicht zu würdigen, belästigt permanent die Angestellten sexuell und verfolgt weiter starrsinnig seinen unheilvollen Regierungsauftrag. Um das US-amerikanische Vorrecht auf den Goldschatz zu sichern, nimmt er sogar billigend den Tod zahlreicher Angestellter des Sicherheitsdienstes Goldfingers in Kauf und wütet sich mit Unterstützung des Militärs wie ein Berserker durch wahre Leichenberge, nur um in allerletzter Sekunde doch noch sein Ziel zu erreichen – Gold ist eben viel mehr wert als Menschenleben, zumindest im zynischen Weltbild Bonds und seiner Auftraggeber…

Im Ernst: Hamiltons Film macht es dem Zuschauer nicht leicht, den widerwärtigen Bond als Sympathieträger zu akzeptieren. Als hätte es die Anti-Helden des Film noir nie gegeben, wird hier ein glattgebügelter, patriotischer Schönling und Snob als „Held“ installiert, dass man unweigerlich geneigt ist, dem allerdings in der Tat sehr gelungen als comichaften Superschurken charakterisierten Goldfinger die Daumen zu drücken, der von Gert Fröbe wunderbar mit Leben und Charisma gefüllt wird. Der himmelschreiende Sexismus des Films wirkt längst überholt und damit aus heutiger Sicht befremdlich und peinlich bis unfreiwillig komisch. Zwischen langwierigen Golfspielen, übertrieben schnellen Explosionen, faszinierenden Frauen und Bonds schleimigem Gebaggere begeistert vor allem Goldfingers Anwesen mit all seinen technischen Möglichkeiten und gewinnt die erzählte Geschichte im Laufe der Handlung tatsächlich bis zum Showdown in Fort Knox an Qualität. Der berühmte Bond-Dienstwagen Aston Martin DB5 kommt hier erstmals zum Einsatz und erheitert mit seinen zahlreichen Gadgets das Kind im Manne, musikalisch überzeugt der von Shirley Bassey gesungene Titelsong, der folgerichtig die Charts stürmte. Seinerzeit spielte „Goldfinger“ Rekordergebnisse ein und gilt bis heute als der vielleicht beste Bond-Film überhaupt, ich persönlich bevorzuge meinen „Eurospy“ jedoch in komödiantischer/parodistischer Form und bin ansonsten mehr an ambivalenteren Hauptfiguren interessiert. Nichtsdestotrotz muss ich der Bond-Reihe aber zugestehen, einige hochinteressante Schurken kreiert zu haben, die i.d.R. weitaus charismatischer sind als ihre Gegenspieler. Sofern dies der Hauptgrund für die anhaltende Bond-Manie ist, kann ich sie zumindest im Ansatz nachvollziehen.

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