Review

Revanche - (k)ein Rachefilm

Für diejenigen, die es stört: Es sind Spoiler vorhanden.

Götz Spielmanns neues Werk ist einfühlsames Erzählkino und ethisches Traktat, es spannt den Bogen zwischen der Tristesse des Austro-Realismus und der ständig brodelnden Spannung eines Rachethrillers. Und gerade weil der Film sich dem Effekt des Affekts verweigert, ist "Revanche" ein umso wertvollerer Beitrag zum Thema Rache.

Ein Beginn wie aus dem Lehrbuch

Zunächst beginnt der Film jedoch als geradezu routiniert und geradlinig inszenierter Milieustreifen. Wir werden knapp eingeführt in die Wiener Welt der Prostitution mit den skrupellosen Zuhältern, den osteuropäischen Mädchen und der Ausweglosigkeit aus dieser Unterwelt. Unser Held, Alex, das ist der Handlanger eines Zuhälters, ein armes Schwein vom Land, das sich in der Stadt ein zwielichtiges Leben aufgebaut hat aber nicht "hart" genug für das große Geschäft ist. Er liebt eine der Prostituierten, Tamara, und träumt von Geld und Freiheit in trauter Zweisamkeit. Doch Tamaras Lage spitzt sich zu und er beschließt eine Bank auszurauben und mit ihr zu fliehen. Spielmann belässt es hier bei einem kurzen Exposé der Figuren und widmet sich kaum der ausführlichen, hundertfach gesehenen Milieustudie. Er bildet vielmehr nüchtern ab, was nötig ist, das System aus Einschüchterern und Eingeschüchterten, Tätern und Opfern, alles also, was im weiteren Verlauf unterwandert werden soll, wenn der Film nicht mehr am Mythos der Unterwelt kratzen wird. Nichtsdestotrotz sind dem Regisseur vor allem die intimen Momente zwischen Alex und Tamara besonders wichtig und er entwickelt dabei eine subtile, angenehme Nähe zu den Charakteren, ohne ihnen bildlich auf die Pelle zu rücken - eine Technik, die schon in seinem Vorgängerwerk "Antares" angenehm auffiel.

Die Tragödie

Schließlich folgt die Tragödie als Angelpunkt der Filmhandlung: Alex vollführt den Raub, den er zuvor genau geplant hat, mit einer ungeladenen Pistole und Tamara im Schlepptau in einer kleinen Bank in seinem Heimatort in Niederösterreich. Doch ein Dorfpolizist mischt sich ein und erschießt versehentlich bei der Flucht der beiden Tamara. Alex versteckt sich im Hof seines Vaters und übrlässt sich seiner Trauer. Rächen will er sich am Mörder, und wie der Zufall es so will, kommt er über seinen Vater in Kontakt mit der Frau des Polizisten. Während die Tage auf dem Land verstreichen, wächst sein Zorn, bis er schließlich seine Waffe lädt.

Das Hadern

Nach der Tragödie senkt sich schlagartig das Tempo des Films und Spielmann führt den Zuschauer ins Alltägliche zurück, und in die Seele des Helden. Er führt vor, dass die Rache keineswegs die zwingende Konsequenz sein muss, denn selbst Alex, dessen zermürbende Trauer ihm tief im Gesicht steht und der nichts mehr zu verlieren zu haben scheint, zweifelt auf einmal. Dieses Hadern wird er bis zum Ende des Films nicht mehr aufhören, ja es ist Spielmanns eigentliches Hauptmotiv anstelle der Darstellung der Rache als solcher. Die Kamera, wunderbar geführt vom völlig zu Recht hochgelobten Martin Gschlacht, findet dafür ergreifende Bilder, ohne sich ins Stilisierte, Symbolische zu erheben, wie es etwa Chan-Wook Park in seiner Rachetrilogie macht. So findet z.B. Alex' Schmerz und Leere den klarsten Ausdruck in der Ansicht einer braungrauen Raumecke eines Hotelzimmers zu Alex' Weinen im Off. Überhaupt ist die Bildsprache durchgehend klar und reduziert. Die Kamera nimmt sich bewusst zurück und legt das Innenleben der Figuren frei, indem sie ihnen Raum spendet.

Der Freiraum

Genau dieser Freiraum ist, in mehrfacher Hinsicht, die große Stärke von "Revanche". Die Offenheit der Bildsprache suggeriert nichts weniger als die Freiheit von starren Bestimmungen im Gefüge aus Erwartungen und Ereignissen sowohl für die Filmhandlung, als auch für die Menschen, die der Film darstellt.
Auf der einen Seite nämlich spielt Spielmann ein Spiel mit dem Publikum, das Genrefilm-Spiel mit den Erwartungen. Wann wird Alex den Mörder finden? Wie wird er Rache nehmen? Von genau dieser Spannung lebt ein Rachethriller und man ertappt sich gelegentlich dabei, dass man Alex' Erlösung schon herbeisehnt. Anders als etwa Michael Haneke in "Funny Games", der das Spiel und den damit verbundenen Voyeurismus sarkastisch bloßstellt, lässt sich Spielmann in "Revanche" darauf ein. Doch eben den Momenten, in denen der Zorn sich zu entladen droht, verweigert sich der Film und schwenkt um auf die Nebenschauplätze. Da ist Alex' schwierige Beziehung zu seinem Vater. Auch das belastet ihn, auch hier sucht er seinen Frieden. Nicht minder interessant ist die Geschichte des Polizisten, der sichtlich daran zerbricht und sogar zur Rechenschaft gezogen wird, dass er einen Menschen aus Versehen erschossen hat. Und schließlich ist da noch die Frau des Polizisten; fungierend als Bindeglied zwischen den beiden Männern verwischt sie den banalen Dualismus von Täter und Opfer. Sie selbst führt in Versuchung und wird zuletzt Schlichterin sein. Mehr und mehr wird also das Spiel mit dem Zuschauer ausgehöhlt, bis es in sich zusammenfällt und einen erfrischend aufgeklärten Zugang zu Rache und Schuld freilegt. Nicht nur ist Rache keine Erlösung, was der Held hier nicht erst nach dem Akt der Rache bzw. seinem Scheitern erfahren muss wie in anderen kritischen Rachefilmen. Rache ist vor allem eine Anmaßung gegenüber dem Menschen, dem sie gilt, denn sie reduziert ihn auf ein Täterobjekt und gebraucht ihn zum bloßen Zweck der eigenen Glückfindung des Rächers.
Es ist dies die andere Seite der oben beschriebenen Offenheit in Spielmanns Film. Der Freiraum ist daher auch etwas in den Held Alex verankertes, das der Zuschauer gerade eben nicht aus den in der Handlung dargestellten Fügungen, Umständen und Ereignissen ableiten kann. Matthias Glasner versuchte sich daran in "Der freie Wille" und war dann am Ende vielleicht nicht konsequent, mutig oder überzeugt genug. Die Tatsache, dass Alex aus sich selbst heraus seiner Rache widersteht und erkennt, dass er mit seinem Schmerz und seiner Schuld genauso wie sein Gegenüber alleine fertigwerden muss, hebt "Revanche" aus dem Gros der zahlreichen Rachefilme heraus.

Fazit

Während also die allermeisten Filme zum Thema Rache pubertär sind, weil sie auf plumpe Art und Weise das Publikum bedienen (Man denke an die immer wieder auftauchenden Ein-Mann-sieht-rot-Actioner), und fast alle intelligenteren Rachefilme leider nicht über das gute alte Katharsisprinzip hinauskommen, zeigt Spielmann mit seinem unscheinbaren Film "Revanche", wie man einen reifen aufgeklärten Zugang bieten kann. Es ist ihm hervorragend gelungen.

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