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Tilda Swinton spielt Julia, eine arbeitslose Alkoholikerin mit Geldproblemen. Ihr Alltag besteht aus One-Night-Stands und den Treffen der anonymen Alkoholiker, wo sie eine junge Mexikanerin aus ihrer Nachbarschaft kennenlernt. Diese hat das Sorgerecht für ihren Sohn verloren und bittet Julia diesen zu entführen. Als diese feststellt, dass sie von der Mutter keine finanzielle Entlohnung zu erwarten hat, beschließt sie, das Kind auf eigene Faust zu entführen und Lösegeld vom reichen Großvater zu erpressen. Während die Einzelgängerin allmählich Muttergefühle für das von ihr entführte Kind entwickelt, gestaltet sich die Entführung erheblich schwieriger als gedacht und gipfelt in einer Flucht nach Mexiko.

Die französische Produktion „Julia“ beginnt wie ein Sozialdrama, ein White-Trash-Film, der realitätsnah und schonungslos in die Lebenswirklichkeit der amerikanischen Unterschicht eintaucht. Man sieht einer heruntergekommenen Tilda Swinton in der ersten Filmhälfte dabei zu, wie sie ihren Job verliert, jeden Morgen in einem anderen Bett bzw. Auto aufwacht, sich immer weiter verschuldet und diesem Leben im Suff zu entfliehen versucht. Dann folgt allmählich der sehr flüssig gestaltete Übergang zum Entführungsthriller, wobei der Film durchaus Lust auf mehr macht.

Doch dann unterlaufen dem französischen Regisseur und Autor Erick Zonca immer mehr Fehler, die den Film zunehmend ins Leere laufen lassen. Dass die verlogene Egoistin zunehmend Muttergefühle für den Jungen entwickelt, ist nicht zuletzt dank der hervorragenden Darstellung von Tilda Swinton noch einigermaßen glaubhaft, bei der Entführungsgeschichte ist dies aber leider zunehmend weniger der Fall. Schon die Entführung des bereits entführten Jungen in Mexiko ist ein Zufall zu viel, die folgenden Verhandlungen Julias mit den Entführern sowie dem Großvater des Jungen sind dann darüber hinaus zu verworren, wobei die Geschichte zu allem Überfluss immer umständlicher erzählt wird. Zonca versucht zum Ende hin mit immer neuen Wendungen die Spannung zu erhöhen, verstrickt sich aber vielmehr in seiner Geschichte und bremst den Erzählfluss aus. Deshalb kann auch das Finale nach einer guten ersten Filmhälfte kaum noch zünden. Insgesamt muss man „Julia“ zudem eine zu große Lauflänge attestieren.

Den Sprung ins Mittelmaß nimmt „Julia“ letztendlich vor allem dank der Gala-Vorstellung von Tilda Swinton. Die Oscar-Gewinnerin spielt jederzeit absolut überzeugend und trägt so gelungen durch den Film, wobei sie großen Mut zur Hässlichkeit beweist. Swinton, die sonst eigentlich eher in anmutigen und seriösen Rollen zu sehen ist, zeigt sich so ungeschminkt und heruntergekommen, dass sie auch in den Szenen, in denen sie halbnackt neben diversen Sexpartnern aufwacht, noch authentisch wirkt. Ein Lob sollte darüber hinaus noch an den jungen Aidan Gould gehen, da auch der Kinderdarsteller hier eine vollkommen überzeugende Vorstellung auf die Leinwand bringt. Außerdem kann man Zonca zumindest in visueller Hinsicht mit den gelungenen Landschaftsaufnahmen von Mexiko bzw. dem Süden der USA gute Arbeit bescheinigen. Zudem ist die Kamera vor allem anfangs, wenn sie in den Alltag der Protagonistin eintaucht, sehr nah am Geschehen und liefert so sehr intime Einblicke aus Julias Milieu.

Fazit:
„Julia“ beginnt vielversprechend, taucht tief in den tristen Alltag der Protagonistin ein und geht anschließend in einen zunächst interessanten Entführungs-Thriller über, der dann leider immer verworrener wird und sich schließlich etwas langatmig seinem Ende entgegensehnt. Schade um Swintons sehr gelungene Vorstellung.

50 %

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