Spanien ist immer mal wieder für einen gelungenen Beitrag zum Horror-Genre gut, so auch mit „Shiver“ alias „Eskalofrío“ von Isidro Ortiz („Somniac – Tödliche Träume“) aus dem Jahre 2008. Entgegen sämtlichen Trends ist es ihm geglückt, ein recht innovatives Drehbuch um einen Sonnenallergiker im Halbstarkenalter, der wegen seiner Krankheit zusammen mit seiner Mutter in ein düsteres osteuropäisches Bergdorf zieht, dort mit einer unheimlichen Mordserie konfrontiert wird und sogar selbst in Verdacht gerät, die Morde begangen zu haben, ohne viel Effekthascherei, aber dafür spannend, subtil gruselig und atmosphärisch umzusetzen.
Dass sich furchterregende Kreaturen im dunklen Wald aufhalten und auf ihre Opfer lauern, ist in diesem Falle die menschliche Urangst, derer sich Ortiz für seinen dritten Spielfilm bedient. Verbunden mit dem Außenseiter-Schicksal des Jugendlichen Santis werden Interesse und Neugier beim Zuschauer geweckt, der sich zugleich gut mit dem Hauptdarsteller identifizieren kann, schließlich werden viele die Situation nachempfinden können, sich in jungen Jahren nicht so recht zugehörig zu fühlen. Könnte man anfangs aufgrund der Lichtscheue und spitzen Zähne Santis noch vermuten, es handele sich um einen Film mit Vampirthematik, wird dieser Verdacht schnell beiseite gewischt und man rätselt, ob nicht vielleicht eine Art Werwolf für die gerissenen Schafe und Morde verantwortlich sein könnte. Doch all das sind lediglich Finten, denn die letztendliche Erklärung lässt sich so nicht herbeiahnen und ist ausschlaggebend für das Gefühl, dass man hier tatsächlich einmal versucht hat, etwas außerhalb von durchgekauten Horrorklischees zu etablieren.
Während man also so vor sich hin rätselt, kann man es sich gleichzeitig unter Sofadecke gemütlich machen und den sehr stimmigen Grusel genießen, der durch das Gespür für einerseits malerische, düstere und doch idyllische, andererseits aber bedrohliche, unheilschwangere Landschaftsaufnahmen in Kombination mit der Gewissheit entsteht, dass da etwas Mörderisches im Unterholz unterwegs ist und die bärbeißigen Dorfbewohner Fremdlingen generell sehr skeptisch (um es fast schon euphemistisch auszudrücken) gegenüberstehen. Dieses Etwas gibt sich nach und nach auch immer mehr zu erkennen, bleibt aber dennoch bis zum letzten Drittel wenn auch vielleicht nicht mehr nur lediglich schemenhaft erkennbar, so doch nicht so recht zuzuordnen und insbesondere in den Szenen, in denen es sich dem Schlafgemach Santis nähert, sehr unheimlich. Das letzte Drittel ist dann auch der Punkt, an dem sich der Film, um irgendwann auf selbigen kommen zu können, seiner geheimnisvollen, mystischen Aura etwas entledigen muss, um eine Auflösung mitsamt Hintergrundgeschichte herbeizukonstruieren, die trotz bestimmter realer Vorbilder etwas erzwungen erscheint, wie ich es in letzter Zeit des Öfteren in spanischen Genreproduktionen beobachten konnte. Das findet aber alles noch weit genug außerhalb ärgerlicher Zuschauerverarsche statt und bedeutet lediglich, dass „Shiver“ nun die Atmosphäre und das angenehm langsame Erzähltempo abhanden kommen, an das man sich so schön gewöhnt hatte, der Film so gesehen also von seiner Machart her konventioneller wird. Ich weiß aber gar nicht, inwieweit dieses Wort hier angebracht ist, denn eigentlich besinnt sich „Shiver“ über weite Strecken einfach auf das Wesentliche, das einen guten Horrorgrusler früher einmal ausmachte – nur wirkt das im heutigen Videotheken-Horrorfutter-Fundus fast wie ein Fremdkörper und daher eben schon wieder unkonventionell.
Wer Suspense und stimmige Atmosphäre noch zu schätzen weiß, dürfte mit „Shiver“ richtig liegen. Lediglich die (zumindest auf meiner deutschen DVD gegebene) recht glatte Digitaloptik erschien mir persönliches etwas zu „modern“. Kein Überflieger, aber empfehlenswerte Eurohorrorkost.