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Michael Sheen spielt den britischen TV-Moderatoren Jack Frost, der drei Jahre nach dem Rücktritt von Richard Nixon, gespielt von Frank Langella, plant, diesen zu interviewen. Da sich anfangs keiner der großen Fernsehsender für das Projekt interessiert bezahlt Frost die Gage für Nixon aus eigener Tasche, um ihm vielleicht doch noch die Wahrheit, ein Geständnis oder eine Entschuldigung wegen der Watergate-Affäre zu entlocken. Beiden ist klar, dass nur einer von ihnen das Interview gewinnen kann und, dass sie viel zu verlieren haben.

Trotz positiver Beispiele wie "Thirteen Days" oder "Die Unbestechlichen" ist Polit-Kino allgemein nicht sonderlich erfolgreich, da es von vielen als langweilig und fad abgetan wird und gerade bei "Frost/Nixon", einem Film, in dem es um ein mehrtägiges Interview geht, war die Gefahr sehr groß, dass der Unterhaltungswert auf der Strecke bleiben würde. Mit Ron Howard verpflichtete man jedoch genau den richtigen Regisseur, der mit "Apollo 13" und "A Beautiful Mind" bereits zwei wahre Geschichten mitreißend und dramatisch auf die Leinwand brachte und das gelingt Howard auch mit "Frost/Nixon" hervorragend.

In den ersten zehn Minuten fasst Howard zunächst einmal die Ereignisse zusammen, die zum Rücktritt Nixons geführt haben, bzw. David Frost dazu brachten, Nixon als Interview-Partner zu wählen und auch wenn dieser Zusammenschnitt teilweise etwas holprig wirkt, ist er doch sehr gut gewählt, da Howard so ziemlich schnell zur Sache kommen kann. Die Vorbereitungen auf das Interview sind ebenfalls überaus gelungen inszeniert. Howard hält das Erzähltempo relativ hoch, lässt sich aber dennoch ausreichend Zeit, um seine Charaktere zu konstruieren. Hierfür lässt er meist die Nebencharaktere zu Wort kommen, die im Nachhinein ihre Eindrücke zu Frost, Nixon und dem Interview äußern, was dem überaus gelungen gewählten dramaturgischen Aufbau jedoch keinerlei Abbruch tut und dem Film darüber hinaus sogar einen dokumentarischen und authentischen Grundeindruck verleiht. Bei diesen Vorbereitungen steigert er Spannung und Dramatik permanent, zeigt eine multiperspektivische Sichtweise und leistet sich keinen einzigen Knick im Spannungsbogen und amüsiert zudem gelegentlich mit dem einen oder anderen Gag.

Die Interview-Szenen sind ebenfalls herausragend umgesetzt. Howard verzichtet auf größere Kamerafahrten und auch der Soundtrack ist für Hans Zimmers Verhältnisse eher ruhig und zurückhaltend, auch wenn er seinen Zweck gänzlich erfüllt, womit Howard den hervorragenden Darstellern ausreichend Raum lässt, um bei den Interviews ein Kammerspiel aufzuziehen. Und mit eben diesen darstellerischen Glanzleistungen und Howards hervorragender Arbeit, die auch in Bezug auf Schnitt und Erzähltempo absolut versiert gelungen ist, entwickeln sich die Interview-Szenen im Endeffekt auch zu einem unglaublich spannenden und intensiven Kammerspiel mit einer fühlbar dichten Atmosphäre. Howard zieht, was auch schon bei den Vorbereitungen auf das Interview spürbar ist, ein enorm spannendes Psychoduell auf, das sowohl Zeitzeugen, als auch jene in seinen Bann ziehen dürfte, die Watergate zuvor für einen Wasserfall gehalten haben, was auch dafür zu entschädigen vermag, dass sich vor dem letzten Interviewtag eine kleinere langatmige Stelle einschleicht, die dem Film ein wenig die Fahrt nimmt.

Trotz des hohen Unterhaltungswerts und des knallharten Psychoduells wird Howards Werk dennoch seinem Anspruch, ein politisch relevantes Drama zu sein, gerecht. Die Verantwortung der Medien wird durchaus thematisiert und der Idealismus von Frost und seiner Truppe dabei als löbliches Beispiel dargestellt. Neben der Pressefreiheit tritt der Film auch für weitere politische Ideale ein und lässt Bezüge zur Gegenwart durchaus zu. Darüber hinaus ist auch die Charakterkonstruktion überaus gelungen. Richard Nixon wird nicht wie ein klassisches Feindbild dargestellt, denn neben dem eiskalten Verbrecher, der ein ganzes Volk getäuscht hat, zeichnet man hier auch das Bild eines alten, bemitleidenswerten, einsamen Mannes, der an seinen Fehlern schließlich zerbrochen ist, sie zumindest teilweise bedauert und es Leid ist, sich darüber auszuschweigen. David Frost ist im Wesentlichen sehr sympathisch konstruiert, wobei seine Motivationen vor allem durch das Einspielen der Nebenfiguren hinreichend dargestellt werden. Die Nebencharaktere sind ausreichend konstruiert, was sowohl für Nixons, als auch für Frosts Berater gilt, wobei vor allem dem idealistischen James Reston Jr. besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Der eine oder andere mag sich unter Umständen daran stören, dass die Rolle Frosts aussichtsloser dargestellt wird, als sie tatsächlich war und, dass auch ansonsten stellenweise, wenn auch nur in geringem Maße, eine Dramatisierung der Ereignisse vorliegt, aber angesichts der Vorzüge dieses Meisterwerks ist dieses kleine Manko schnell verziehen.

Frank Langella, der bereits im gleichnamigen Theaterstück die Rolle Nixons spielte, zeigt die beste Darstellung seiner knapp 40jährigen Karriere. Langella stellt den Ex-Präsidenten mit all seinen Facetten dar und verleiht ihm so enorm viel Tiefe. Sowohl als egozentrischer Verbrecher, als auch als gebrochener, alter Mann zeigt er eine enorm intensive Vorstellung und baut eine Leinwandpräsenz auf, die vor allem in den Interviews nahezu erdrückend groß ist. Michael Sheen, der zuletzt in "The Queen" als Tony Blair ebenfalls eine reale Figur spielte, macht sich ebenfalls sehr gut. Mit seinem sympathischen Lächeln und seiner liebenswerten Art bildet er einen hervorragenden Gegenpol zu Langellas kühlem Charisma, zeigt aber vor allem im letzen Interview und nach den katastrophalen ersten Interviews auch in ernsten Szenen, dass er mehr als nur den Sympathieträger mimen kann. Der restliche Cast ist ebenfalls hervorragend besetzt. Besonders gut ist Sam Rockwell als stürmischer und engagierter Helfer Frosts, der zusammen mit den beiden weiteren Sympathieträgern Oliver Platt und Matthew Mcfadyen einige Lacher erzeugt. Rebecca Hall ist als Frosts Frau sympathisch und charmant, geht in ihrer potentiallosen Rolle jedoch unter. Zuletzt wäre noch Kevin Bacon lobend zu erwähnen, der mal wieder eine suspekte, kantige Figur spielt, von Langellas Leinwandpräsenz aber nahezu erdrück wird.

Fazit:
Ron Howard liefert mit "Frost/Nixon" das beste Polit-Drama seit Langem ab, das durch seine hervorragend konstruierten Charaktere, besonders Richard Nixon, durch seine hohe politische Relevanz, sowie durch darstellerische Glanzleistungen, wobei hier natürlich besonders der Oscar-Nominierte Frank Langella zu nennen wäre, hochinteressanten und authentischen Stoff liefert, der durchaus Parallelen zur Gegenwart enthält. Darüber hinaus könnte auch der Unterhaltungswert kaum höher sein, da Howard hier ein spannendes Psychoduell und ein atmosphärisch dichtes Kammerspiel aufzieht, das von Anfang bis Ende zu fesseln vermag und damit auch Zuschauer unterhält, die sich nicht sowieso schon mit der Thematik befasst haben. Der schmale Grat zwischen Polit- und Unterhaltungskino wird also grandios gemeistert und damit ist der Film absolut empfehlenswert.

93%

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