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Von allen Action-Helden der alten Tage ist der heutige Gouverneur und ehemalige Bodybuilder Arnold Schwarzenegger die eindeutig am meisten schillernde Figur. Die beispiellose Karriere des Österreichers hat kaum wirkliche Rückschläge zu bieten und im Gegensatz zu seinem Kollegen Sylvester Stallone stieg er nicht ab in filmische Abgründe. Auch wenn seine letzten Hauptrollen nur wenig originell ausfielen, niemals drifteten die Filme in B-Movie-Niveau ab. „Last Action Hero“ markiert einen Schlusspunkt, das Ende des handgemachten Actionfilms alter Schule aus Hollywood. Die Zukunft sollte von CGI-Effekten bestimmt sein und den testosterongeladenen Muskelmännern der 80er sollte immer mehr Publikum abhanden kommen. Der Massengeschmack änderte sich in den 90er Jahren stark, der Actionfilm verlor seine Stellung als letztes echtes Männergenre. John McTiernan, der selbst mit „Die Hard“ einen der absoluten Genrehöhepunkte inszenierte, schwelgt in romantischer Erinnerung und inszeniert „Last Action Hero“ als warmherzige Hommage an diese Filmgattung. Mit Arnold Schwarzenegger hätte er keinen besseren Hauptdarsteller verpflichten können und als Drehbuchautor stellt Shane Black („Leathal Weapon“)
die denkbar beste Wahl dar. Ein hochkarätiges Team, an dessen Namen große Anforderungen gestellt werden dürfen, welche beinahe vollständig erfüllt werden.

„Last Action Hero“ ist sehr viel mehr als eine selbstironische One-Man-Show für Schwarzenegger, er ist eine Huldigung an die Magie des Kinos und die Heilsamkeit einer unbeschwerten fiktiven Welt, in der das Schicksal vorhersehbare Wege einschlägt. Damit steht er Woody Allens Meisterwerk „The Purple Rose of Cairo“ wesentlich näher als einer selbstverliebten Action-Komödie. Hauptfigur ist der Teenager Danny Madigan, der von Austin O’Brian („My Girl 2“) mit treffsicherer Naivität dargestellt wird. Danny wächst ohne seinen Vater auf, die verwitwete Mutter hat sichtlich Mühe, den Lebensunterhalt zu finanzieren. Für die Schule zeigt er kein Interesse, seine große Leidenschaft ist das Kino. Eingemummelt in einem gemütlichen Sessel, mit einem Eimer Popcorn in der Hand entflieht Danny gerne mal dem Alltag und lässt sich am liebsten von unterhaltsamen Actionfilmen berieseln. Sein Held ist Jack Slater, eine ideale Kunstfigur um Arnold Schwarzenegger seine persönlichen Rollenmuster selbst karikieren zu lassen. Wenn Danny aus dem Kino zurückkehrt in die raue Wirklichkeit, dann zeigt schon die filmische Gestaltung wo er sich wohl fühlt und wo nicht. Im Kino herrschen warme, gedeckte Farben einlullende Musik erklingt und die freundschaftliche Beziehung zum Filmvorführer ermöglicht Danny einige Privilegien. Draußen aber dominieren kalte Farben das Bild, sobald er aus dem Kino tritt endet die Musik und wird ersetzt durch Verkehrslärm, das Wetter ist ablehnend und regnerisch. Sogar in der eigenen Wohnung wird Danny überfallen und gedemütigt. Kein Wunder, dass er begeistert ist, den neuen Jack Slater Film (den mittlerweile vierten) vor allen anderen sehen zu können. An dieser Stelle tritt das phantastische Handlungskonstrukt in Erscheinung und weicht die Trennlinie zwischen der fiktiven Kinowelt und der dargestellten Realität auf. Danny findet sich im Film wieder und später gelangen die Filmfiguren in die wirkliche Welt, ganz so, wie es Allen in „Purple Rose of Cairo“ vormachte. Dessen künstlerische Konsequenz erreicht „Last Action Hero“ natürlich nicht, dennoch kann man beim wiederholten Anschauen erstaunlich viele Subtexte aus dem vermeintlich simplen Film heraus lesen.

So genüsslich aber auch alle erdenklichen Klischees und Funktionsweisen des Genres durch den Kakao gezogen werden, so respektvoll gestaltet sich diese Hommage. Mit respektlosen Standardparodien wie „Scary Movie“ hat „Last Action Hero“ nichts gemein, nur als wirklicher Genrefan kann man die volle ironische Bandbreite des Films begreifen, der sich nicht damit begnügt hinlänglich bekannte Schlüsselszenen zu zitieren. Vielmehr gibt es eine echte Auseinandersetzung mit dem eigenen Genre, seinen Überspitzungen, Qualitäten aber auch Peinlichkeiten. Beispielweise wird Bezug genommen zur allgemeinen Verharmlosung des Todes und der Verheizung menschlicher Nebenfiguren, auch die Charakterzeichnung bedient sich der Mottenkiste des Genres. Allerdings bleiben selbst die im Film fiktiven Figuren um Jack Slater liebevoll gezeichnet, sind viel mehr als beliebige Abziehbilder. Jede einzelne Figur, von ihrem Verhalten über die Kleidung bis hin zur Physiognomie beweist eine intensive Genrekenntnis der Macher. Jack Slater ist zwar enorm überstilisiert, trifft aber den Charakter des Action-Helden hundertprozentig, wobei ihm eine verhältnismäßig tiefe Vergangenheit zugestanden wird, aus deren Ausschnitten sich eine emotional fast glaubwürdige Figur entwickelt. Als sich am Ende Slaters Leben als vorgefertigt und manipuliert herausstellt, kann man als Zuschauer seine Konfusion verstehen, auch wenn die Auflösung dieses Konfliktes sehr versöhnlich erscheint.

Ebenso lässt sich „Last Action Hero“ als Bekennung zum Trivialkino bezeichnen, dabei versucht er keineswegs uns Filme a la Schwarzenegger als die Höhe der Kunst zu präsentieren. Deutlich wird die Haltung des Films zum eigenen Genre diesbezüglich in einer köstlichen Traumsequenz Dannys, relativ früh in der Laufzeit. In der Schule wird Shakespeare unterrichtet, woraufhin der gelangweilte Danny einschläft und im Traum eine Version des Stoffes nach eigenem Geschmack sieht. Völlig übertriebene Computer-Effekte (im Gegensatz zu den großartigen Pyro-Effekten) grenzen die Szene optisch vom restlichen Film ab und der vielleicht beste Oneliner aller Zeiten geht über Arnolds Lippen: ‚Sein oder Nichtsein – Nichtsein, wetten?’. In all ihrer überbordenden Ironisierung beweist „Last Action Hero“, das ein hochwertiger Unterhaltungsfilm manchmal einfach mehr Freude bereitet als ein schweres Schicksalsdrama. Die reale Welt wird gegen Ende zudem immer bedrohlicher und bietet dem psychopathischen Filmmörder Ripper, exzellent verkörpert von Tom Noonan, ungeahnte Möglichkeiten, die ihm eine von Regeln zusammengehaltene Filmwelt vorenthält. Schwarzenegger begnügt sich übrigens nicht damit, augenzwinkernd seine typischen Rollenmuster Revue passieren zu lassen sondern nimmt sich auch als Privatperson aufs Korn. Wenn Arnold auf sein fiktives Ebenbild trifft und von ihm nicht mehr als Verachtung bekommt, dann zeugt der Film deutlich von einer umfassenden Reflexion, die man als Zuschauer beim ersten Mal kaum aufnehmen kann. Dramaturgisch verläuft McTiernans Werk leicht holprig und ungleichmäßig und kann atmosphärisch keine dichte Linie ziehen. Stunts, Kamerafahrten und Score ordnen sich dafür aber wieder in oberen Gefilden ein, wobei besonders der versierte Score von Michael Kamen („Stirb Langsam 2“, „Action Jackson“) entscheidenden Anteil an der lockeren Stimmung trägt.

Weiteren Bonmots für die Fans sind die zahlreichen Cameos, wenn bei der Filmgala am Ende neben Schwarzenegger und seiner Gemahlin auch James Belushi und Jean-Claude van Damme, über den roten Teppich und damit vor die Kameralinse huschen, dann ist die Freude groß. Der berühmte Scherz mit dem Stallone-Pappaufsteller für „Terminator 2“ ist ebenso kultig wie überlegt und das ganze Setting des Films strahlt den Geist des üppig ausgestatteten Hollywood-Actionfilms aus. Danny De Vito als Stimme für die Zeichentrickkatze Whiskers, Damon Wayans, Melvin van Peebles, Chevy Chase, Sharon Stone – die Liste der illustren Gastrollen ist lang und sorgt für garantierte Hingucker. In wichtigeren Nebenrollen agieren Charakterdarsteller wie Charles Dance, F. Murray Abraham, Ian McKellen und die inzwischen leider verstorbene Leinwandlegende Anthony Quinn. Das alle weiblichen Figuren den Eindruck austauschbarer Katalogschönheiten machen wird ebenfalls direkt angesprochen und somit durch die Selbstpersiflage legitimiert.

Fazit: Lieber klotzen statt kleckern ist die Devise in „Last Action Hero“, doch trotz bombastischer Explosionsorgien und ausladenden, garantiert gewaltfreien, Schießereien verkommt der Inhalt niemals zum Selbstzweck. Weder die hochkarätigen Darsteller, noch das hohe Budget wird verschwendet um einen bloßen No-Brainer abzuliefern. Die Bemühungen des Films, dem eigenen Genre möglichst gerecht zu werden, sind teilweise in ihrer bemühten Komplexität und meinen es manchmal zu gut mit der Überspitzung. Dennoch überwiegt die beispielhafte Inszenierung über diese kleinen, letztlich fast unbedeutenden Schönheitsfehler. Und „Last Action Hero“ gelingt damit, was nicht viele Genrefilme schaffen: Er macht Spaß und für den Zuschauer lohnt sich trotzdem eine unfassende Reflexion, die sich wie von alleine einstellt. Selbst das Publikum ohne echte cinephile Ader wird dazu verleitet, unweigerlich über die Funktionen des Actionfilms nachzudenken.

7,5 / 10

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