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Liu Xing (Lin Ye), ein junger, begabter Astrophysiker aus China, bekommt die Möglichkeit, an einer amerikanischen Universität zu studieren. Bereits in Peking hatte er zum Reiser-Modell, einer Theorie zu kosmischen Strings, geforscht und ist nun stolz, in Utah eng mit Prof. Jake Reiser (Aidan Quinn) zusammenarbeiten zu können. Seinen Eltern daheim schreibt er Briefe, in denen sich eine Erfolgsmeldung an die andere reiht. Schwierigkeiten oder gar ein Scheitern sind im Selbstverständnis des ehrgeizigen Chinesen nicht vorgesehen. In der Tat ist sein Debüt an der Uni sehr viel versprechend: Reiser gibt sich als guter Kumpel; er will Liu in seinem Forschungsteam haben. Kontaktperson für die Pflege interkultureller Begegnungen ist die engagierte Joanna Silver (Meryl Streep). Sie fungiert als Brückenbauerin zwischen West und Ost, praktiziert Tai-Chi und liebt Bachs Brandenburgische Konzerte ebenso wie die mythenreiche chinesische Kunqu-Oper.

Liu bewegt sich sowohl innerhalb seiner WG als auch seines Forschungsteams an der Uni in einem Kollektiv chinesischer Landsleute. In der WG sieht er sich gleichwohl mit westlichem Konsum, Alkohol, Pornografie konfrontiert. Sein Stellenwert bei Jake steigert sich rasch: Er soll ihn zu einem Seminar über die Anfänge des Universums begleiten. Auch soll Liu Jake zuarbeiten für einen Fachaufsatz, wodurch er sich dazu hinreißen lässt, seinen Eltern eine dick aufgetragene Erfolgsgeschichte zu berichten. Joanna nimmt die Chinesen mit nach Pioneer City, einem Freizeitpark in Gestalt einer Westernstadt, wo sich die Chinesen Spielzeugwaffen kaufen und an einer makaber anmutenden Pseudo-Schießerei Spaß haben.

Im Gegensatz zu Joanna hat ihr Mann Hal (Joannes Parker) kein Interesse daran, zu den chinesischen Studenten eine Beziehung aufzubauen. Sie allein engagiert sodenn ein chinesisches Ensemble von Schauspielern und Musikern aus Salt Lake City, die mit akrobatischen Einlagen, Tänzen und symbolischen Bewegungen bei einem Kennenlernabend zu mehr gegenseitigem Verständnis beitragen sollen. Liu fasst Vertrauen zu Joanna, stellt ihr seine Theorien zur dunklen Materie vor, die 99% des Universums ausmacht. Noch ist er auf einer Linie mit dem Modell Reisers und glaubt, mit wissenschaftlichem Ehrgeiz das Problem ganz im Sinne des Professors lösen zu können. Die Chinesen träumen von einer Akademikerkarriere und üppigen Lizenzhonoraren. Dunkle Materie als Zukunft der Kosmologie lässt sie gar vom Nobelpreis träumen. Assimilation zeichnet sich in diesem Zusammenhang ab. Jake und seine Frau laden Joanna und Liu zu einem privaten Abendessen ein. In der Küche gibt Jake sich wieder jovial, lädt Liu zu Whisky und Zigarre ein. Immer deutlicher tritt zutage, dass sich Big Bang-Theorien stets in einem interpretatorischen Wechselspiel zwischen wissenschaftlichen Ansätzen und Weltanschauung bewegen. Da ist auf der einen Seite Dr. Gazda (Erick Avari), dessen Betrachtungsweise eher empirisch ausgerichtet ist. Jackie (Serienstar Taylor Schilling in ihrer ersten Filmrolle) hingegen, eine junge Amerikanerin, die Liu in einem Teeladen kennenlernt, glaubt, dass Gott Himmel und Erde geschaffen hat, ohne dass der Mensch es von Anfang bis Ende erfassen könne. Liu bringt seinen chinesischen, daoistischen Hintergrund mit, wonach aus einer Ur-Einheit, ähnlich einem Naturgesetz, der Kosmos und die Ordnung der Dinge durch Zweiheit entstanden, aus deren Wechselspiel sich unsere Welt entwickelte. An den Big Bang als Anfang des Universums glaubt er nicht.

Joanna, die anhand des Erlernens der chinesischen Sprache im heimischen Wohnzimmer eine andere Weltsicht bekommen hat, kann sich in die Denkweise der Chinesen besser einfühlen als ihr Mann Hal, der geschäftlich in Shanghai zu tun hatte.

Lawrence Feng (Lloyd Suh), ein weiterer aus Peking stammender Student, läuft Liu bei Jake den Rang ab, da er die gleiche wissenschaftliche Ansicht wie der Professor vertritt. Feng neigt aus opportunistischen Gründen dazu, es Reiser recht machen zu wollen. Er hat ein klar umrissenes Exposé für seine Dissertation vorbereitet, welches von Reiser gelobt und akzeptiert wird.

Lawrence und seine chinesische Frau lassen ihr kleines Töchterchen christlich taufen. Es kann darüber spekuliert werden, ob sie wirklich wiedergeborene Christen sind oder sich eher einen gesellschaftlichen Aufstieg durch Assimilation versprechen. Liu, der ein Verbleiben in einer der drei traditionellen ostasiatischen Religionen (Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus) für Menschen aus seinem Kulturkreis für sinnvoller hält, gaukelt seinen Eltern per Brief abermals die heile Welt des Erfolgs vor, obwohl Reiser ihn mittlerweile für unfähig hält, zu promovieren und folglich seinen Dissertationsvorschlag zurückweist, wohl auch, um nicht selbst in Frage gestellt zu werden. Liu lässt sich jedoch nicht davon abbringen, seine eigene Überzeugung, die Reisers Theorien anzweifelt, kundzutun und veröffentlicht sogar einen entsprechenden Aufsatz in einer Fachzeitschrift. Der in seiner Eitelkeit verletzte Professor ist erzürnt, obwohl Liu lediglich das Reiser-Modell verbessern möchte. Die Nichtzulassung zur Promotion erscheint zwangsläufig. Mit einem Empfehlungsschreiben will Reiser ihn loswerden. Liu ist verzweifelt, trinkt zu viel Bier und konsumiert Gewaltfilme. Eine Rückkehr nach China, wo ihm ein Mitbewohner aus der WG einen Job verschaffen möchte, lehnt er ab.

Tragik potenziert sich: Sein Konkurrent Lawrence bekommt eine Auszeichnung. Jackie macht ihm klar, dass sie in ihm nicht mehr als einen Freund sieht. In dieser verfahrenen Situation bietet Joanna ihm an, ihn Hals Firma zu empfehlen, die viele Kontakte nach China hat, doch Liu kann sich dazu nicht entschließen. Von irgend etwas muss er leben - zunächst soll es der Direktvertrieb von Kosmetika sein. Als Joanna von Liu einen unerwarteten Vertreterbesuch erhält und Liu beginnt, sie einzucremen, wird ihr klar, wie verzweifelt er in persönlicher, sexueller und finanzieller Hinsicht sein muss. Sie möchte ihm Mut machen, auf eine alternative Weise Karriere zu machen. Doch den überstürzt davon eilenden Liu kann sie weder aufhalten noch zu einem Neuanfang bewegen. Ihm bleibt in seiner Konsequenz nur noch die Verzweiflungstat. Der belobigte Preisträger Lawrence hält gerade einen Vortrag, als Liu ihn eiskalt überrascht: Er läuft Amok und Amok heißt Wut... Joanna, die schließlich das Schlimmste befürchtet, kommt zu spät.

Ebenso unvermittelt wie unpathetisch setzt Regisseur Chen Shi-Zheng als Einsprengsel einen Verweis auf die traditionelle chinesische Kunqu-Oper, die mittlerweile zum immateriellen Weltkulturerbe zählt und nicht nur ein Schlüssel zu den ethisch-ästhetischen Werten der Chinesen, sondern auch ein Kaleidoskop der klassischen chinesischen Gesellschaft ist. Die Reise in den Westen ist ein Thema einer von Chen Shi-Zheng choreografierten Peking-Oper. In "Dark Matter" geht es um eine Reise in den Westen, bei der sich traditionelle Werte auflösen und das Aufeinanderprallen mit der westlichen Lebensweise die Katastrophe in sich birgt.

Wohl kaum ein westlicher Regisseur wäre auf die Idee gekommen, die fatalen Geschehnisse in 5 Kapitel nach den Wandlungsphasen der Feng Shui-Lehre (Erde, Metall, Wasser, Holz, Feuer) zu gliedern: Am Anfang steht gleichbedeutend mit der Hoffnung auf ein erfolgreiches Auslandsstudium das Wachstum symbolisierende Element Erde. Merkmal des Elements Metall ist die formale Kleidung, der Anzug, den Willen zu Erfolg und Karriere ausdrückend. Es folgt das Element Wasser, Sinnbild der Nachgiebigkeit im steten Fluss - vielleicht ist Lawrences Assimilation so zu deuten. Viertes Element ist das Holz, welches man mit Verwurzelung und Stärke in Verbindung bringt. Verwurzelt in seinen Überzeugungen ist Liu - und Jake hält mit der Stärke seiner Position an der Stringtheorie als Weltformel fest, was in dem um seine Chancen gebrachten Liu schlussendlich das heiße Feuer der ausweglosen Wut aufsteigen lässt.

Der Film, bei dem nicht die Gewalt, sondern eine Entwicklungsgeschichte im Vordergrund steht, ist reich an dezent gesetzten symbolischen Andeutungen, die in sich schlüssig sind, aber erschlossen sein wollen. Die Erzählweise macht die Qualität eines solchen Independent-Films aus. Meryl Streep spielt mit jener Zurückhaltung und Natürlichkeit, die ihre Größe ausmacht. Sie bietet dem Zuschauer die notwendige Identifikationsfigur zwischen den Kulturen, wenngleich die Figur der Joanna letztlich hilflos zurückbleibt - wie der Zuschauer, wohl wissend, dass das Massaker dieses Films zwar auf einem Plot beruht, sich Ähnliches aber jederzeit an jedem Ort zusammenbrauen könnte.

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