Neon, Blei und Vision - Zwischen Trash und Triumph
Es gibt Regisseure, deren Name flüstert wie ein Geheimtipp zwischen staubigen Videothekenregalen, reflektiert im Glanz abgegriffener VHS-Hüllen und leuchtet wie ein Retro-Neonlicht: Albert Pyun. Für viele ist er der unermüdliche Dirigent des Hochglanz-Trash-Kinos, ein filmischer Alchemist, der aus viel zu wenig Budget, viel zu kurzer Produktionszeit und viel zu großen Ambitionen stets ein Ergebnis zauberte, das zwischen Genie und Wahnsinn vibrierte. Seine Karriere ist ein wilder Ritt – ruppig, kantig, voller Fehltritte, aber auch gespickt mit funkelnden Kleinoden. Und mitten in dieser filmischen Achterbahnfahrt steht ein Werk, das bis heute als einer seiner strahlendsten Momente gilt: „Nemesis“. Ein Film, der wie ein Neon-Meteor in der B-Movie-Landschaft einschlägt, ein Werk, das Pyuns typische Handschrift in Hochform zeigt, und gleichzeitig der Film ist, für den Olivier Gruner unsterblich in die Annalen des B-Actionkinos eingeht. Wenn „Cyborg“ Pyuns raues Meisterstück war, dann ist „Nemesis“ sein stilistischer Triumph – ein futuristischer Noir-Western voller furioser Shootouts, cyberpunkiger Melancholie und filmischer Überdrehtheit. Ein Film, der nicht nur unterhält, sondern begeistert.
Bei Albert Pyun erwartet niemand eine fein verwobene, narrativ komplexe Handlung. Er ist kein Geschichtenflüsterer – er ist ein Stil- und Stimmungsarchitekt. Seine Plots funktionieren wie Treibstoff für seine visuellen Eskapaden, nicht wie ein literarisches Rückgrat. Und so ist auch die Geschichte von „Nemesis“ eher zweckmäßig als kunstvoll. In einem postapokalyptischen, neongetränkten Cyber-Zukunfts-Labyrinth jagt der ehemalige Cop Alex Rain (Olivier Gruner) Terroristen, Cyborg-Fraktionen und seine eigene Menschlichkeit. Vieles daran wirkt vertraut, manches wirkt zusammengestückelt – aber gerade dieser erzählerische Pragmatismus ist bei Pyun kein Mangel, sondern Methode. Es gibt Verrat, Identitätskrisen, künstliche Intelligenz, metaphysische Andeutungen – aber all das dient im Kern nur dazu, Gruner mit möglichst viel Stil durch Explosionen, Kugelhagel und Pyuns grelle Zukunftsvision zu schicken. Und das ist absolut in Ordnung. Bei Pyun zählt nicht, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. „Nemesis“ ist dafür der ultimative Beweis.
Die Stimmung in „Nemesis“ ist gleichzeitig dreckig und stilisiert, roh und dennoch irgendwie poetisch. Es ist Pyuns ganz persönlicher Cyberpunk, eine Mischung aus Gewaltfantasie und futuristischem Noir, die man sofort wiedererkennt. Die Atmosphäre erinnert an eine Mischung aus dystopischer Urbanität und Endzeit-Ruinenpoesie. Straßenschluchten aus Stahl und Rauch, rostige Industriekomplexe, schmutzige Hinterhöfe voller herabgekommener Technologie – alles überzogen mit extremen Farbfiltern, die Pyuns Handschrift seit jeher prägen.
Wenn die Story zweckmäßig ist, dann ist die Action der Grund, weshalb „Nemesis“ bis heute Kultstatus genießt. Pyun inszeniert Shootouts wie Choreografien aus Blei und Adrenalin. Die Gefechte sind blutig, laut, kinetisch. Die Einschläge knallen, die Körper fliegen, Funken sprühen, Wände explodieren, als bestünde die gesamte dystopische Zukunft nur aus leicht entflammbaren Materialien. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen Gruner durch enge, labyrinthartige Korridore jagt oder ganze Wände unter Bleifeuer zerbersten. Was „Nemesis“ dabei so besonders macht, ist Pyuns fast ballettartige Inszenierung. Er lässt Gruner springen, rollen, schießen, stürzen und rennen, als wären Schwerkraft und Vernunft optionale Parameter. Die langen Shootout-Sequenzen in verfallenen Industriekomplexen, zeigen Pyuns Gespür für Timing, räumliche Dynamik und bäumende Energie. Manche Szenen wirken wie Vorläufer der Hongkong-Gun-Fu-Schule, nur amerikanischer, dreckiger, roher.
„Nemesis“ wirkt teuer, obwohl er es nicht ist. Stilvoll, obwohl er manchmal improvisiert aussieht. Und unverkennbar Pyun, obwohl er hier eine seiner poliertesten Arbeiten abliefert. Ein Hybrid aus Trash, Kunst, Action und neongetränkter Zukunftsvision. Olivier Gruner, ehemaliger Kickbox-Weltmeister, ist hier in seiner zweiten Filmrolle zu sehen – und es ist zweifellos seine beste. Er hat Präsenz, Körperlichkeit, Charisma und eine stoische Intensität, die perfekt zu seiner Rolle passt. Der Rest des Casts besteht aus bekannten B-Movie-Gesichtern, die allesamt solide bis überraschend gut abliefern.
Fazit
„Nemesis“ ist Albert Pyun in Bestform. Oft belächelt als König des Hochglanz-Trashs und Lieferant unterdurchschnittlicher Genre-Experimente, präsentiert er hier eine seiner ganz großen Perlen. Ein Hochglanz-B-Trash-Meisterwerk, das alles aufbietet, wofür Pyun berühmt und berüchtigt ist: endzeitliche Welten, grelle Farben, bleihaltige Action, kühne Inszenierung und eine Atmosphäre, die zugleich schmutzig und hypnotisch wirkt. Ein Film, der seine Stärken feiert – Stil, Atmosphäre, Action – und seine Schwächen charmant ignoriert. Er ist rough, er ist wild, er ist ein ungezähmter, neonleuchtender Hybrid aus Cyberpunk und Exploitation. Und gleichzeitig ist er – trotz aller Exzesse – einer der stimmigsten, visuell ambitioniertesten und unterhaltsamsten Filme, die Pyun jemals gemacht hat. „Nemesis“ ist nicht nur neben „Cyborg“ sein bester Film, sondern auch Olivier Gruners Karrierehöhepunkt. Ein Film, der zeigt, wie gut B-Kino sein kann, wenn es mit Leidenschaft, Vision und einer Prise Wahnsinn gemacht wird.