Jahrzehntelang hatte die Filmindustrie der breiten Masse stets ein verzerrtes Bild der Geschichte Frankensteins vermittelt. Das ging soweit, dass viele Menschen nur noch das Bild des legendären Boris Karloff im Kopf hatten und ihn mit dem Namen Frankenstein verbanden. Von manchen wurde dabei glatt vergessen das dies eigentlich der Name des Arztes ist, der die von Karloff dargestellte Kreatur geschaffen hat.
Deshalb machte es sich der britische Shakespeare – Mime Kenneth Branagh zur Aufgabe, sicherlich auch angespornt vom Erfolg von „Bram Stokers Dracula“ dessen Regisseur Francis Ford Coppola hier als Co – Produzent fungierte, den Stoff adäquat für die Leinwand zu adaptieren.
Liest man das Buch merkt man wie schwierig sich diese Aufgabe gestaltet, denn Frankenstein ist sehr viel weniger filmisch als der große Konkurrent Dracula, das heißt, die Romanvorlage bietet weniger optische Anreize.
Und so muss auch Branagh hier und da strecken, streichen oder auch dazu erfinden um das ganze auch zu einem anständigen Film machen zu können. Das beginnt damit, dass die im Buch eher vorsichtig angedeutete Parallele zwischen dem Forscherdrang des Schiffskapitäns (in einer Rahmenhandlung erzählt Frankenstein ihm seine Geschichte) und der Obsession Frankensteins hier allzu offensichtlich dargestellt wird.
Der im Buch gönnerhafte Professor Waldman (ungewöhnliche Rolle für John Cleese) wird hier zu einem artverwandten Frankensteins, der sogar eines gewaltsamen Todes stirbt um dann als Hirnspender für das Monster herzuhalten. Hierbei handelt es sich um einen sehr auffälligen Unterschied zum Buch, ein Zugeständnis oder aber eine Verbeugung vor älteren Umsetzungen des Stoffes, die ebenfalls den Schöpfungsakt des Monsters zelebrierten, während der im Buch gerade mal eine Seite einnimmt. Außerdem spielt hier auch das „Wie ?“ eine größere Rolle.
Mit dem Monster tritt nun auch der zweite Hauptdarsteller auf den Plan, Robert de Niro. Der schließt sich der langen Reihe Frankensteinscher Monster – Darsteller an, musste dazu vor jedem Drehtag eine stundenlange Make Up – Prozedur über sich ergehen lassen und sieht dementsprechend aus. Selten wurde ein Schauspielergesicht so entstellt, doch ist die Maske auch geschickt mit den Gesichtszügen de Niros verbunden. Und wie schon sein großer Vorgänger Karloff schafft es auch de Niros Monster beim Zuschauer eine Mischung aus Schauer und Mitleid zu erzeugen.
Auch die restlichen Darsteller sind sehr gut bei der Sache. Kenneth Branagh müht sich redlich und lässt Frankensteins Besessenheit dankenswerterweise nicht zum plumpen Wahnsinn verkommen.
Nur Helena Bonham Carter als Elisabeth könnte man kritisieren. Sie ist zwar hübsch, aber der im Buch beschriebene Zauber, der von ihr ausgeht aufgrund ihrer Intelligenz und Schönheit, will nicht so recht rüberkommen. Ist auch schwierig. Als sie letztlich auch eine kurze Szene als Monster – Braut hat muss sie sich gar mit Elsa Lanchester messen und kann dagegen nur verlieren (zum Glück versuchte keiner ihren Schrei zu überbieten).
Dies ist dann auch die deutlich größte Änderung, dass Frankenstein seinen Versuch eine Braut für das Monster zu kreieren hier sogar zu Ende bringt. Dass diese Szene eine Verbeugung vor „Frankensteins Braut“ ist, scheint eindeutig, zumal ja James Whales 1935er Fortsetzung seines „Frankenstein“ von 1931 gemeinhin als der beste Frankenstein – Film jener Zeit gilt. Allerdings erscheint diese Szene völlig überflüssig zumal sie zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt stattfindet, als Frankenstein seine Elisabeth schon verloren hat. Und das Frankenstein seine Lektion zweimal lernen muss ist nun doch ein wenig viel. Dieser Punkt bildet meiner Meinung nach eine überflüssige Abweichung vom Roman.
Dennoch ist „Mary Shelleys Frankenstein“ alles in allem ein durchaus gut gemachter, dramatischer Film, der einen sehr guten Eindruck der ursprünglichen Geschichte und ihrer Intentionen vermittelt. Insgesamt schildert Branagh sie sogar etwas grausamer, als die gute Mrs. Shelley es tat, Trotzdem wurden die Richtungen beibehalten und dieselben moralischen Vorstellungen mit einbezogen.
Für Horror – Fans die auf ordentlich Spannung oder gar Blut hoffen ist das nichts, auch nicht unbedingt für die Fans des klassischen Gothik – Horrors, obwohl Frankenstein bei denen ja eigentlich einen guten Klang haben müsste. Immerhin macht dieser Frankenstein optisch schon etwas her, neben dem erwähnten Make Up, sind auch die Kulissen äußerst stimmig kreiert / ausgesucht.
Doch das Grauen hier ergibt sich aus der Geschichte, es sucht die Figuren heim und der Regisseur versucht weniger die Zuschauer zu erschrecken, obwohl ihm auch das hin und wieder zwangsläufig gelingt.
Die Geschichte ist eine Tragödie und zwar eine in ihrer denkbar schrecklichsten Form, die natürlich moralische Aussagen beinhaltet (in diesem Fall hauptsächlich den menschlichen Forscherdrang betreffend).
Jeder der die Frankenstein - Geschichte möglichst originalgetreu in Filmform sehen will, kommt an „Mary Shelleys Frankenstein“ nicht vorbei, doch auch wenn nicht sollte man doch mal einen Blick riskieren. Jedermanns Sache ist es sicherlich nicht.
7 / 10