MARY SHELLEY'S FRANKENSTEIN ist die wohl aufwendigste und vorlagengetreueste Umsetzung des Frankenstein-Mythos. Als sich 1994 Shakespeare-Liebhaber Kenneth Brannagh an den Stoff wagte, gingen die Meinungen der Kritiker weit auseinander, an den Kinokassen floppte der Streifen. Dennoch ist das Ergebnis durchaus sehenswert.
Unerwarteter Weise beginnt der Film mit der Geschichte eines besessenen Abenteurers, der mit dem Segelschiff zum Nordpol durchbrechen möchte. Inmitten von Kälte und Eis scheint die Mannschaft verloren, als plötzlich ein Fremder auftaucht und seine phantastische Geschichte erzählt... Viktor Frankenstein, ein den Naturwissenschaften verschriebener junger Mann, Sohn aus berühmter Genfer Mediziner-Familie ist vom tragischen Tode seiner geliebten Mutter tief getroffen. Frankenstein zieht nach Ingolstadt, getrieben von dem Gedanken, den Tod zu besiegen, beginnt er sein Medizinstudium.
Der Film spielt zu einer Zeit, in der Seuchen wie Pest und Scharlach Städte auszurotten drohen, Hinrichtungen ohne richterliches Urteil an der Tagesordnung sind, das gemeine Volk in hygienischem Elend zu versinken droht - eine düstere Epoche.
Frankenstein beginnt mit seinen Experimenten, macht sich Gedanken zur Schöpfung, Forschungen, die der Obrigkeit dieser Tage bitter aufgestoßen sein mögen. Die Wissenschaft, deren Ergebnisse uns heute als selbstverständlich erscheinen, steckt in ihren kleinsten Kinderschuhen, behindert durch die engstirnige (religiöse) Obrigkeit und der im Aberglauben tief verwurzelt lebenden Bevölkerung. Aber Frankenstein findet einen Gönner und mithilfe dessen Aufzeichnungen erlangt er den entscheidenden Durchbruch: Der Tod ist von nun an nicht mehr das Ende allen Lebens!
Kenneth Brannagh gelang mit seiner Regie-Arbeit ein fantastisches Schauer-Märchen, dass auf atmosphärischer Ebene zu glänzen weiss. Die Widrigkeiten des Zeitalters kommen sehr gut rüber. Getragen wird der Streifen dabei im Wesentlichen von den beiden Hauptdarstellern Kenneth Brannagh und Robert de Niro. Während Brannagh bisweilen an Over-Acting leidet und sich zu pathetisch und theatralisch in seine Rolle hineinsteigert, als wähnte er sich in einem Shakespeare-Drama, glänzt de Niro als Frankensteins Monster und missverstandene Kreatur auf ganzer Linie. Die Maskenbildner haben an dieser Stelle ein wahres Kunstwerk erschaffen, wobei man mehr Mitleid mit dem „Monster" empfindet, als man sich davor fürchten könnte.
Leider wirken andererseits die Kulissen meiner Meinung nach größtenteils ziemlich künstlich - besonders die Szenen in der Arktis lassen den Studio-Charakter ziemlich eindeutig durchschimmern. Auch bei der Ausstattung seines Labors wäre meiner Meinung nach etwas Weniger Mehr gewesen - die Darstellung der Apparaturen ist reichlich überfrachtet und entfremdet Frankensteins medizinischen Forschungsdrang.
Die größte Stärke des Films liegt daher eher in der Darstellung der Psyche des „Monsters", was besonders in einer Szene zur Geltung kommt, als die Kreatur mit seinem Schöpfer über sein Wesen, Leben, Tod und die menschliche Seele diskutiert.
Mit der Verfilmung des weltberühmten Romans von Mary Shelley hat Brannagh eine detailverliebte Horror-Mär geschaffen, die zwar alles andere als ein genretypischer Schocker ist, aber dennoch auf dramatische Weise die Geschichte um die Erschaffung von künstlichem Leben von einer anderen Warte aus betrachtet und damit einen interessanten Beitrag zu den Dutzenden von FRANKENSTEIN-Verfilmungen abliefert.
(7,5 / 10)