In wievielen Klamauk-Filmen Mary Shellys Ideen verwurstet wurden, ist kaum noch überschaubar, allein durch einen Quicksearch auf dieser heimeligen Homepage bekommt man über 80 Einträge zum Thema Frankenstein ausgespuckt. Da tut es Not, dass sich - gut 60 Jahre nach Karloffs Auftritt unter der Maske - mal wieder jemand an einer vorlagengetreuen Verfilmung versucht.
Kenneth Branagh, ein Freund klassischer Stücke, hat diesen Schritt gewagt und saß bei der Neuverfilmung von "Mary Shelly's Frankenstein" nicht nur auf dem Regiestühlchen, sondern veranschlagte die Rolle des Viktor Frankenstein direkt für sich. Und dabei macht er sowohl vor als auch hinter der Kamera eine gute Figur. Denn es gelingt ihm, den altbekannten Stoff in neuen, fast epischen Bildern zu erzählen. Der Schnitt passt, die Kameraeinstellungen und -fahrten passen sich dem Erzähltempo an und finden inmitten Frankensteins Schöpfungswahn ihren fulminanten Höhepunkt, die Kulissen und Requisiten transportieren das viktorianischen Flair ins traute Heim und die Maske hat ganze Arbeit geleistet. Nicht nur Robert DeNiro und später auch Helena Bonham Carter wurden bis zur Unkenntlichkeit entstellt, auch um John Cleese (alias Waldman, Frankensteins Mentor) wiederzuerkennen, muss man schon zweimal hinsehen.
Anhand des namenhaften Casts, kann schon erahnt werden, dass das Mimenspiel keinen einzigen Totalausfall verbuchen muss. Im Gegenteil: Kenneth Branagh hat - dem Regiestress zum Trotz - die Muße, einen glaubwürdigen, am Rande des Wahnsinns stehenden Viktor Frankenstein zu geben, Helena Bonham Carter passt sowieso hervorragend ins Bild (sowohl optisch als auch darstellerisch), und selbst der sonst eher mäßige Aidan Quinn weiß in seiner kurzen Rolle als Kapitän zu überzeugen. Von John Cleese und Ian Holm hätte man auch gerne etwas mehr gesehen, die Schauspiel-Routiniers runden die Besetzung bestens ab. Einzig und allein Robert DeNiros Spiel will nicht ganz zünden, es mangelt dem Star des Films keineswegs an Motivation, doch unter der Maske scheint er doch etwas arbeitslos zu sein. Die vielen Close-Ups, die des Monsters Emotionen immer wieder auffangen sollen, verbreiten mit zunehmender Spieldauer Langeweile.
Stichwort Spieldauer: Gute zwei Stunden nimmt der Film den Betrachter in Beschlag, dennoch beschleicht einem das Gefühl, dass es gut und gerne eine halbe bis dreiviertel Stunde hätte mehr sein dürfen. Nachdem man bedächtlich die Figur und die Motivation des Dr. Frankenstein aufgebaut und vorgestellt hat, gewinnt der Film nach 45 Minuten zu sehr an Fahrt; Szenen werden einandergereiht und Wendungen zu schnell eingeleitet. Auch ohne die Vorlage gelesen zu haben: Es scheint so, als wären einige Handlungsaspekte der Romanvorlage dem Rotstift zum Opfer gefallen. Vor allem die innere Wandlung der Frankenstein'schen Kreatur bekommt nicht genügend Spielraum. Erst auf der Suche nach Freundschaft, dann von Rache getrieben, um später doch den Tod seines Schöpfers zu betrauern - Das Gefühlsleben des Monsters scheint unerklärlicher als das eines 15 jährigen, pubertierenden Rebellen.
Dem Action- und Blockbusterfreund wird das schnelle Erzähltempo zum letzten Drittel hin sallerdings ehr entgegenkommen - zugegeben, der Schlußdramatik tut es sogar sehr gut, dem Betrachter werden die Schicksalschläge nur so vor den Latz geknallt, sodass letztendlich keine Zeit zum Verschnaufen bleibt. Doch nach der tiefgründigen, ersten Hälfte wirkt der Anzug der Erzählzügel doch etwas befremdlich.
Fazit: Eine Frankenstein-Erzählung für Jedermann: Anspruchvolle Cineasten werden dem Streifen genauso viel abgewinnen können, wie das Popcornkinopublikum. Doch genau dieser Kompromiss schmälert den Gesamteindruck, wer Action und Blut sehen will, dürfte zu Beginn auf dem Trockenen sitzen, wer die philosophische Note der Eingangsszenen bevorzugt, dürfte am Ende etwas unterfordert sein. Ein Blick ist "Mary Shelly's Frankstein" aber definitiv wert. 7,5/10 Punkte