Endlich eine werkgetreue Verfilmung von Shelleys berühmtem Horrorroman, das war Branaghs erklärtes Ziel, doch man sollte besser nie vergessen, daß 280 Jahre vor allem die Geschmäcker verändert haben.
Trotzdem ist es dem Briten hoch anzurechnen, sein Vorhaben in die Tat umgesetzt zu haben, denn rein optisch ist seine Version vermutlich die Fassung, die unseren Horrorgewohnheiten am wenigsten entgegenkommt, die aber vom Look her der Originalgeschichte am ehesten entspricht.
Branagh schwelgt in weiträumigen, halb kargen, hab opulenten Sets aus einer Zeit, in der Innenausstattung Luxus war. Die Freitreppe in seinem Geburtshaus ist ebenso monumental wie künstlich und dennoch ein Bauwerk, das man während der Filmlänge nicht so schnell vergißt. Ebenso monströs gelungen das Laboratorium, in dem er sein Geschöpf erschafft, welches fast Gilliamsche Züge trägt. Dazu Naturaufnahmen von rauhester Schönheit, unmenschliche Schneemassen, grippeverdächtige Gewittergüsse, strahlende Bergspaziergänge und zwielichte Stadtszenerien.
Erlesen vor allem auch Studiumssequenzen in Ingolstadt, die unserer Vorstellung vom 18.Jahrhundert verdammt nahe kommen.
Dementsprechend angelegt ist auch die zu erzählende Geschichte, die ganz auf theatralische Dramatrik abzielt.
Branagh verhandelt nicht über Modernisierungen, er versucht Emotionen so abzubilden, wie sie seiner Ansicht nach damals gelebt wurden. Das bedeutet Überschwang, Trauer, Grimm, Freude, Liebe, Ehrgeiz und Besessenheit in seiner reinsten Form, pur und ohne Abschwächungen. Daß ein modernes, Gefühle nur häppchenweise offenbarendes Publikum das befremdend findet, war irgendwie logisch. Da müssen die Schauspieler dann auch auf den Punkt stimmen und dabei haperts dann doch manchmal etwas.
Während De Niro in einer stillen, in sich gekehrten Monsterperformance genau die richtigen Töne trifft, übertreibt Branagh nach Kräften, dreht noch im vollem Shakespeare-Modus am Rad, als würde er "Viel Lärm um noch viel weniger" inszenieren. Das tut Helena Bonham Carter zwar auch, doch immerhin auf gemäßigtere Weise. Wirklich erhaben jedoch Ian Holm und vor allem John Cleese, den man als Mentor Frankensteins fast nicht erkennt. Tom Hulce jedoch schwimmt etwas ungelenk in der Nähe seiner Amadeus-Knuddeligkeit umher, und präsentiert uns die einzige Person, die hier nicht manisch ist.
Als tragisch-pathetisches Gruseldrama funktioniert Shelleys Story hier jedoch trotzdem und bietet von einem tollen Score getrieben teilweise pulstreibendes Augenkino mit gelegentlich heftigen Effekten (das entnommene Herz). Unvergesslich sicherlich die Szene, in der die brennende Carter das Schloß in ein flammendes Inferno verwandelt.
Die üblichen Fragezeichen gibt es natürlich auch, wie die ungeklärte Entscheidung einen Menschen aus Leichenteilen zu basteln, obwohl es unversehrte Leichen gegeben hätte, die bloß eine Gehirnverpflanzung benötigt hätten.
Es ist jedoch verständlich, das das artifizielle Ambiente und das demonstrative Pathos, das die gesamte Produktion umfängt, die Zuschauer eher vertrieben als angezogen haben. Das Drama kommt hier nicht in kleinen Happen, sondern groß und schwer und mit breitwandigen Botschaften, wie den Tücken des Fortschrittwahns, die Überschreitung der Grenzen des Wissens, die Pervertierung der natürlichen Gaben und der Einzigartigkeit der Schöpfung. Man muß schon besonders aufnahmebereit sein, um das unterhaltsam zu finden, ein Erlebnis ist es auf jeden Fall. Für besondere Geschmäcker. (8/10)