Review

Etwas dick aufgetragen, Herr Branagh…

„Mary Shelleys Frankenstein“ von Kenneth Branagh ist ein zweischneidiges Schwert und sicherlich weit entfernt von der perfekten Umsetzung des Stoffes… aber er hat auch seine Vorzüge, die allerdings vor allem audiovisueller Natur sind. Erzählt wird ganz klassisch und hochtrabend von einem Wissenschaftler, Victor Frankenstein, der nach dem Ableben seiner geliebten Mutter dem Tod leidenschaftlich den Kampf ansagt und eine Methode findet totes Gewebe zu reanimieren. Was in einem mächtigen Mischmenschen mündet, den man gleichzeitig fürchtet wie bemitleidet…

Nicht mehr als die Summe seiner Teile

Ich kenne einige die behaupten, dass dieser „Frankenstein“ nahezu mit Coppolas „Dracula“ mithalten könne und höllisch unterschätzt sei. Ich hatte ihn als nahezu unguckbar und peinlich abgespeichert. Deshalb wollte ich ihn unbedingt nochmal sehen und der neue, schmeichelnde 4K-Transfer bietet sich da an. Und was soll ich sagen, die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo dazwischen und ist hier noch stärkere Geschmackssache als sonst eh schon. Branaghs steifer Stil, seine lächerliche Selbstinszenierung, sein falsches Gefühl für das Material und der gänzlich fehlende Grusel halten diesen „Frankenstein“ auch heute noch bei mir weit entfernt von Ehrenrängen. Und dennoch hatte er bei dieser Sichtung durchaus eine einnehmende Aura, die mich gefesselt und amüsiert hat. Wenn auch sicher nicht immer wie beabsichtigt von allen Beteiligten. Die Kulissen und Kostüme sind z.B. über jeden Zweifel erhaben. Im ersten Viertel gibt’s schon einen blauen Ballsaal samt riesiger, barocker Treppe, an denen man sich kaum satt sehen kann. Die vielen Feuer und nebeligen Gassen, die Krankheiten, Wunden und der Schmutz, ein wiedergeborener De Niro am Rande seiner Kräfte, Menschlichkeit und Vorstellungskraft. Der aufbrausende Score und Branaghs bewundernswertes Selbstbewusstsein (selbst wenn es ihn hier völlig falsch leitet). All das hat mich in gewisser Weise gekriegt. Und doch komme ich von meinem Grundhass dem Film gegenüber nie ganz weg. Selbst wenn’s ein blödes und überzogenes Wort ist. Woran das liegt?! Richtig zu beschreiben ist das nicht. Branaghs „Frankenstein“ funktioniert für mich einfach nicht so wie ich es mir vorstellen würde oder ein Frankenstein zu funktionieren hat. Er wirkt einfach… off. Es ist wie gesagt schwer zu beschreiben. Und da hilft auch die ganz feine Hülle nicht - wenn die Seele einfach fehlt oder einem nicht liegt… 

Fazit: theatralisch, steif, pompös und in seinen schlimmsten Momenten sogar lächerlich und neben der Spur, dem Material, dem Punkt… De Niro, ein ordentlicher Big-Budget-Trash-Appeal und Edelkulissen retten aber nahezu big time! 

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