Für einen Kinderfilm ist es grundlegend schwer, ein erwachsenes Publikum direkt anzusprechen, denn entweder muss er den Betreffenden an die eigene Kindheit erinnern („Ronja Räubertochter“, „Muppets“ „Pippi Langstrumpf“) oder mit einer ansprechend klingenden Geschichte Interesse erwecken („Brücke nach Terabithia“, „Coraline“).
Mit diesem norwegischen Beitrag gelingt Letzteres auf jeden Fall und wer ein Faible für Mystery-Grusel und Katzen gleichermaßen hat, ist an dieser Stelle goldrichtig.
In der Geschichte geht es um die gerade zwölf Jahre alt gewordene Liv, die zum Geburtstag eine Jungfernfahrt mit einem Dampfer geschenkt bekommt, welche in wenigen Tagen stattfinden soll. Doch beim Umbau des Kellers findet Liv ein altes Schwarzweißfoto und sie bricht mit der kurz darauf folgenden Diagnose von Asthma an Ort und Stelle zusammen.
Danach begegnet ihr in Visionen vermehrt eine schwarze Katze, die ihr scheinbar etwas mitteilen möchte…
Klar, - versierte Zuschauer ahnen bereits früh den Twist, denn der ist ja beinahe schon im Titel enthalten. Doch die latent dichte Atmosphäre wird von vornherein auf Basis ruhiger Spannungsmomente erzeugt, die aus dem Blickwinkel von Liv geschildert werden.
Schon als sie zum Geburtstag den Gutschein per langem roten Faden aus dem Kellerloch zieht und dabei ein leises Miauen vernimmt, läutet ein, dass es hier nicht mit Biegen und Brechen um hochgestylte Haudrauf-Action geht, sondern um subtile Momente, die die jungen Zuschauer gezielt ansprechen, jedoch nicht verängstigen sollen.
Klassisch sind die Gruselmotive allemal gehalten: Schwarze Katze, Umbau eines dunklen Kellers (für Kinder besonders aufregend), Visionen aus längst vergangener Zeit (ordentlich mit Weichzeichner in Szene gesetzt) und eine leicht mysteriös wirkende, alte Mitbewohnerin, die zur Auflösung des Geheimnisses beitragen könnte.
Kinder werden hingegen mit einigen Nebenthemen konfrontiert: Abschied von einem Haustier (wenn auch nur vorübergehend), verantwortungsvoller Umgang mit einer Krankheit wie Asthma, aber auch Differenzierungen zwischen Freundschaft und Beziehung in der frühen Pubertät werden angeschnitten, welche gleichzeitig für zwischenzeitliche Erheiterungen sorgen.
Das leidige Thema, dass Erwachsene den scheinbar ausgedachten Erlebnissen von Kindern ignorant begegnen, spielt auch hier eine große Rolle, wird aber letztlich galant gelöst und findet einen ordentlichen Mittelweg zwischen Genugtuung und Versöhnung mit der Erwachsenenwelt.
So ist die natürliche Neugier der Hauptfigur auch für jeden reifen Zuschauer nachvollziehbar, der sich ein wenig Kindsein bewahrt hat. Liv erscheint von Beginn an sympathisch, wirkt von der Figurenzeichnung her durch und durch authentisch und entfaltet keinerlei nervige Attribute wie Besserwisserei oder das einer neunmalklugen Heldin, auch wenn es gegen Ende ein wenig waghalsig zugeht.
Darstellerisch überzeugt der Streifen ebenso wie handwerklich: Die visuellen Effekte sind schlicht aber wirkungsvoll eingearbeitet, Kamera und Schnitt liefern grundsolide Ergebnisse ab und der Score ist schon aufgrund seines dicht arrangierten Hauptthemas eine Ohrenweide für sich.
„Die Zehn Leben der Titanic“ ist folgerichtig ein Film, der mit eher ruhigem Erzähltempo daherkommt, mit seinen durchweg sympathischen Charakteren punktet und keinen visuellen Overdrive benötigt, um an seine Geschichte zu binden.
Empfohlen sei der Streifen für die eher aufgeschlossen Kinder ab 10 Jahren, denn darunter könnten sich die einen oder anderen ein wenig fürchten und letztlich muss man denen ja auch erklären, dass Vornamen wie Ehrling und Ingwer (!) in Norwegen scheinbar ganz normal sind…
Knapp
8 von 10