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Sie wurde ihm angeboten und er lehnte sie ab: die Bösewichtrolle in “Lethal Weapon 4". Zeitlebens hatte er nur die “Guten” gespielt, Ausnahmen wie “Tiger in der Todesarena” und “Police Woman” bestätigen bloß diese Regel. Ein abgerundetes Bild wollte er damit schaffen, ein Konzept vielleicht sogar, das des liebenswerten Blödelbarden. Den musste er am Ende nicht mehr verkörpern, weil er es geworden war. So sehr Hollywood an seinem Image auch gerüttelt haben mag, diese eiserne Regel konnte es nicht brechen.

Der andere war bei “Lethal Weapon 4" die zweite Wahl und bekam den Zuschlag. Dabei blödelte auch er viel und gerne herum ein seinen Hongkong-Filmen. Doch schien er nie so sehr auf ein stimmiges Gesamtbild fixiert. Das Böse, zumindest aber das Ernste und Verschlossene schienen ihm nie Probleme bereitet zu haben.

Weg und Stil unterscheiden sich voneinander, doch beiden gelang auf ihre Weise der Durchbruch in Hollywood: Jackie Chan und Jet Li. Als Rob Minkoff die erste Klappe von “The Forbidden Kingdom” fallen ließ, unterlag das Projekt bereits längst der Bestimmung, zum ersten Kreuzweg der beiden Koryphäen zu werden. Die Geschichte mag die des jungen Hauptdarstellers Michael Angarano sein, der Film wird aber mit Haut und Haaren vom Charisma der altehrwürdigen Flanken Chan und Li bestimmt.

Naheliegend wäre es gewesen, die Pole aus Spannungsgründen zu trennen. Ob nun Böse gegen Gut, oder, um es etwas gräulicher zu gestalten, einfach zwei Parteien mit unterschiedlichen Interessen, Hauptsache, man hätte die Hauptattraktionen auf gegenüberliegenden Seiten gesehen. Dass Jackie Chan und Jet Li jedoch gemeinsam eine Reise beschreiten, hätte man so nicht zwangsläufig erwartet, obwohl es auf den zweiten Blick naheliegend ist; immerhin gelingt so eine permanente Konfrontation und es lässt die philosophischen Unterschiede der beiden Kämpfer dauerhaft aufeinanderprallen. Der junge Nacheiferer in der Mitte, der in Anwesenheit der Meister flegelhafterweise auch gerne mal Bruce Lee zitiert, dient zwischen ihnen als Punchingball, den sich Chan und Lee gegenseitig zuschlagen.

Um das Potenzial der Legende voll auszunutzen, ist es freilich längst zu spät; Chan hat seinen Zenit schon seit einem Jahrzehnt hinter sich und Li hat seinem Schaffen gerade mit “Fearless” auch eine Zäsur gesetzt. Dass “The Forbidden Kingdom” chinesische Geschichte aus amerikanischem Blickwinkel erzählt, hilft der Authentizität auch nicht unbedingt auf die Sprünge und ließ den ungeduldigen Chan schon wieder über sein eigenes Produkt wettern, bevor das überhaupt angelaufen war. Zugute halten muss man Minkoffs Film, bei aller Vorhersehbarkeit, dass die Ansätze stimmen und darüber hinaus in einer hübschen Verpackung verschnürt werden.

So ist der Trip durch das wundersame Land ein Augenschmaus. Durch exotische Blumenfelder gleitende Körper voller Anmut sind zwar ein Anblick, den auch der Europäer inzwischen gewohnt ist, an dem er sich jedoch immer noch nicht satt sehen kann, insbesondere nicht bei so prallen und vollen Bildern wie diesen.

Michael Angarano macht aus dem größten Übel einen kleinen Genuss und lässt einen zweiten Ansatz gelingen. Denn ehrlicherweise möchte niemand einen jungen Burschen sehen, der den alten Helden die Lunte wegnimmt. Das war bei “Indy 4" so (was war man froh, dass Harrison Ford sich seinen Hut wieder wegschnappt), das ist auch bei “Forbidden Kingdom” der Fall. Und doch macht der Junge das Beste aus der Lage, erinnert mit seinem Lausbubencharme an Reese Madigan, der den naiven Glauben an die Kunst des Kampfes Anfang der Neunziger mit “American Shaolin” vorlebte. Angarano verbindet das, was Steven Spielberg an Shia LaBeouf so mag, mit einer gehörigen Portion Agilität, die er den halben Film lang noch geschickt versteckt, und kürzt damit ein potenzielles Ärgernis aus dem Film.

Der entscheidende Ansatz schließlich gelingt darin, Jackie Chan und vor allem Jet Li sie selbst sein zu lassen. Nicht viele Europäer dürften einkalkuliert haben, den verschlossenen Li, diesen stummen Hintermann aus “Lethal Weapon 4", den schüchternen Kämpfer mit Herz aus “Romeo Must Die”, als verrückten “Affenkönig” den Film eröffnen zu sehen. Wie er mit alberner Kopfbehaarung und äffischen Gesten das Wirework auf die Probe stellt, das hätte man Chan vielleicht noch zugetraut, nicht jedoch seinem Kompagnon - es sei denn, man kennt ihn über die Landesproduktionsgrenzen hinaus.

Chan dagegen bleibt in seinem Metier des Albernen, ist in dieser beherrschungslosen Form aber auch nur Hongkong-Kennern ein Begriff: als Trunkenbold. “Forbidden Kingdom” nutzt Chan, seinem legendären Drunken Boxing den Meistertitel hinzuzufügen. Die Rolle, die in “Sie nannten ihn Knochenbrecher” noch Simon Yuen inne hatte, übernimmt Chan jetzt selbst. An die bis heute unerreichte Körperakrobatik aus “Drunken Master II” reicht der in die Jahre gekommene Chinese erwartungsgemäß nicht heran, doch die Andeutungen reichen, um dem Genrefan ein Grinsen aufs Gesicht zu zaubern. Zugegeben, nach Drunken Boxing sehen viele der Bewegungen nicht aus, daran ändert auch die umgebundene Flasche nichts, aber schon die Fußnote alleine versetzt hier Berge. Davon abgesehen sind die Kämpfe, bedenkt man das Alter, nicht von schlechten Eltern. Sicherlich hätte man den Kampf Li vs. Chan besser präsentieren können, deutlicher als Höhepunkt deklarieren können, notwendig gewesen wäre das allerdings nicht.

Später gibt es eine schöne, wenngleich höchst konstruierte Szene, in der die Stile gegeneinander abgewogen werden. Sie erwecken angenehme Erinnerungen an alte Abenteuer. Filme wie “Die Schlange im Schatten des Adlers” oder “Tai Chi” laufen vor dem inneren Auge nochmals passé. Es geschieht hier nicht mehr - ganz sicher aber auch nicht weniger.

Davon ab gelingt unter Minkoffs Hand ein erstaunlich solide erzähltes Werk. So offensichtlich man die Story in der Pfeife rauchen kann, hat sie doch einige Oho’s und Aha’s parat, hier und da auch mal die Handlung betreffend, in erster Linie aber in Bezug auf die Optik und den Unterhaltungsgrad. Da vergisst man schnell mal die oberflächliche US-Perspektive und taucht unter in bunten Wellen des Vergnügens. Und fast empfindet man sie als Segen, die unerhörte Leichtigkeit des Films, der im Vorfeld mit Bedeutung so aufgeladen war. Seines Sujets wegen, die beiden größten chinesischen Schauspielerkämpfer unserer Zeit vereinen zu müssen: Jet Li und Jackie Chan.

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