Es ist wahrlich schwer einen Film zu bewerten, der den Holocaust zum Thema hat und dann noch von so einem umstrittenen Regisseur wie Steven Spielberg stammt.
Dieser gewann mit "Schindlers Liste" nach 31 Jahren Arbeit seinen ersten Oscar, was besonders für einen so erfolgreichen Zuschauermagneten wie ihn eine sehr lange Zeit ist.
Es fällt Kritikern daher leicht Spielberg nachzusagen, er hätte "Schindlers Liste" nur gedreht, um endlich auch einmal eine der begehrten Trophäen zu bekommen, denn das Gegenteil kann ihnen niemand beweisen. Es bleibt jedem seine Sache, ob er Steven Spielberg für so einen oberflächlichen und karrieregeilen Menschen hält, dass er das Leid von über 6 Millionen ermordeten Juden ausbeutet, nur um sich eine Oscar-Statue in den Schrank zu stellen.
Tatsache ist, dass er auf sein Gehalt bei diesem Film verzichtete und auch sonst eine Menge Geld in das Projekt hereinsteckte (was allerdings kein Wunder ist, war er doch Anteilhaber von Amblin, der Produktionsfirma), weshalb ihn "Schindlers Liste" zwar nicht unbedingt an den Bettelstab brachte, aber er mit anderen Filmen sicher mehr hätte verdienen können.
Spielberg, der selbst jüdischen Glaubens und Abstammung ist, beschrieb den Film als eine Art Lebenstraum den er sich, koste was es wolle, erfüllen wollte und den er zuallererst einmal für sich und die getöteten Juden und nicht für das Publikum drehte.
Man kann von diesen Aussagen halten was man will und in einer Kritik geht es auch nicht darum zu werten, inwieweit ein Regisseur Geld verdienen wollte, sondern es geht einzig und allein um den Film an sich und natürlich seine Inszenierung. Selbst bei einem so pikanten Thema wie den Holocaust.
Insofern finde ich es auch vollkommen unpassend, "Schindlers Liste" anhand von Spielbergs angeblicher Oscar-Hinterherhechelei zu bewerten, was leider in einer Vielzahl "Kritiken" geschieht und werde versuchen, diesen Fehler nicht zu machen.
Was dem Zuschauer beim Anschauen von "Schindlers Liste" als erstes ins Auge fällt ist, dass er in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Das "gedreht" ist dabei am wichtigsten, da es sich hier nicht um nachträgliches Entziehen der Farben, sondern um echte Schwarz-Weiß Kameras handelte was einen viel besseren Look zur Folge hat (besonders zu merken an den Kontrasten). Schindlers Liste wird dadurch zeitlos, da die Inszenierung modern, das Aussehen aber alt erscheint. Wüsste man nicht, wann er gedreht wurde, könnte man ihn nicht einordnen.
Das war natürlich ein kluger Zug von Spielberg, denn so kann man seinen Film auch noch in Jahrzehnten ansehen ohne das Gefühl haben zu müssen, dass er längst überholt ist. Außerdem wird durch das Schwarz-Weiß Bild auch die Beachtung des Zuschauers auf die Darsteller und ihr Spiel gelegt, da Effekthascherei im Hintergrund meistens fehlt. Spielberg hat also immer nur vor der Kamera, was wirklich wichtig ist. Natürlich kann das auch eine Massenexekution sein, aber dann konzentriert man sich auch nur auf die, was das Zusehen natürlich für den Zuschauer umso härter macht.
Auch sonst zeigt sich Spielberg zumindest in inszenatorischer Hinsicht als Meister seines Faches: Jede Kamerastellung ist wie ein Gemälde, jeder Lichteinfall stimmig, jedes einzelne Objekt im Bild hat seine Bedeutung und es wirkt, als ob es nur dort stehen kann und sollte. Zu Interpretieren gibt es da eine Menge, jeder Filmstudent hätte seine Freude an dem Film.
Ein weiterer riesiger Pluspunkt sind die exorbitanten Schauspieler. Es ist unglaublich, wie viel Facetten Liam Nesson seiner Rolle als Oskar Schindler gibt. Er spielt nicht nur den Juden-rettenden Gutmenschen, nein, er ist auch ein untreuer, manchmal egoistischer Trinker. Aber trotz seiner negativen Eigenschaften mag man ihn als Zuschauer und beginnt sogar zu verstehen, warum er so ist (oder zumindest zu akzeptieren).
Was aber viel erschreckender ist, ist Ralph Fiennes als fetter, selbstverliebter und herrschsüchtiger Lagerkommandant Amon Göth. Es ist nun wahrlich keine große Schauspiel-Kunst ein Monster zu spielen, wenn es sich dabei auch noch um einen Nazi handelt schon gar nicht. Aber Fiennes schafft es, seinem Charakter einen gewissen Hauch von Liebenswürdigkeit zu geben. In manchen Szenen blitzt sogar Menschlichkeit in ihm auf und man kann sich vorstellen, dass er zu anderen Zeiten ein echt guter Kerl gewesen wäre. Ralph Fiennes entmystifiziert dadurch das Bild der Nazis im Ausland in gewisser Weise, denn schließlich waren es normale Menschen, die unter den damals gegebenen Bedingungen zu Monstern wurden.
Eine weitere Höchstleistung stellt Ben Kingsley als Schindlers rechte Hand und Buchhalter Itzhak Stern auf, in der er mehr als in vielen seiner anderen Filme richtig aufblüht. Auch im Rest der Darstellerriege leistete sich Spielberg keinen einzigen Ausrutscher und zeigte einmal mehr, dass er ein Gespür fürs Filme machen hat.
Wie in fast jeden Spielberg Film steuerte wieder John Williams die Musik bei und wich diesmal ab von seinem sonstigen epischen Orchesterwerk, indem er nur mit Geige und Klavier deutlich leisere aber auch bewegendere Töne anschlägt. Unterstützt wird er dabei vom bekannten Violisten Itzhak Perlmann. Zusammen schufen sie einen Soundtrack, der dem Optimum wohl mehr entspricht als das meiste, was Williams vorher gemacht hatte. Denn ein guter Soundtrack unterstützt zwar das Bild, wird aber vom Zuschauer gar nicht weiter wahrgenommen, da er sich nie in den Vordergrund drängt. Genau das passiert bei "Schindlers Liste". Das Thema wird immer wieder neu variiert, ausgebaut, klingt mal hoffnungsvoll, mal trauernd und unterstützt so immer die schon gegebene Atmosphäre.
Ein kleines Meisterwerk also, welches auch als Einzel-CD klar zu empfehlen ist.
Spielberg wäre nicht Spielberg, wenn er nicht in jeden seiner Filme als Markenzeichen kleine Details einbauen würde, die dem Zuschauer klar im Gedächtnis bleiben und immer an den Film erinnern. War es in "Jurassic Park" das vibrierende Wasserglas, in "Der weiße Hai" die Sicht des Hais mit der entsprechenden Musik oder in "Die Farbe Lila" das "Spiel" mit dem Schatten, so ist es bei Schindlers Liste zum Beispiel das Mädchen im roten Kleid. Neben den Aufnahmen aus der heutigen Zeit ist dieses Kleid die einzige Farbe, die im Film vorkommt und stellvertretend für das ganze Elend der Juden ist. Sieht Oskar Schindler das Mädchen anfangs noch vor den Nazis fliehen, findet er es später auf einem Wagen zwischen lauter Leichen wieder. Diese tragische Szenen gehen dem Zuschauer nur durch die Blicke Schindlers und eben die rote Farbe des Kleides so nahe, kein Dialog stört das Dargestellte. Warum auch, solche Bilder brauchen keine Worte.
Es gibt noch einige mehr solcher Stellen, etwa der Klavierspielende Nazi bei der Räumung des Krakauer Ghettos oder Amon Göth, der als Morgensport einige Juden von seinem Balkon aus erschießt, die zwar nicht unbedingt realistisch aber doch sehr emotional und ehrlich sind.
Mit "Ehrlichkeit" wären wir auch wieder beim Beginn angelangt, ist es ehrlich, ist es vertretbar dass Spielberg aus dem Leid der Juden einen Unterhaltungsfilm macht? Dass er Gaskammern für konventionelle Spannungsteigerung nutzt? Dass er die Geschichte stellenweise zu seinem Zwecke etwas verklärt oder auf amerikanische Art verkitscht? Dass er dem Zuschauer am Ende mit der letzten Szene vor Schindlers Grab noch mal mit dem Holzhammer einprügeln will, welchen Respekt man vor diesem Mann doch haben müsse und ihm versucht die letzte Träne rauszuquetschen?
Ich denke, dass ist eine Frage, die jeder für sich selbst entscheiden muss.
Persönlich glaube ich, dass diese "Zur-Schau-Stellung" Menschlichen Elends einer der wenigen Wege ist, der Masse der heute lebenden Menschen noch klar zu machen, was der Holocaust und Leben an sich bedeutet.
Dass es auch anders geht beweist "Der Zug des Lebens" oder "Das Leben ist schön".
Spielberg wählte eben seinen Weg und ich denke, er hat das Beste, was Hollywood aus dem Holocaust machen kann, gemacht.
9/10